Wandel durch Erkenntnis

Erkenntniswandel © Matthias Mala

Der Baum der Erkenntnis im Garten Eden war beinahe ein Apfelbaum wie jeder andere auch, wäre da nicht das göttliche Gebot für die ersten Menschen, nicht davon zu naschen. Doch Adam und Eva verhielten sich menschlich und naschten von seinen Früchten. In der Tat gingen ihn daraufhin, wie es ihnen die Schlange versichert hatte, die Augen über und sie sahen die Welt mit neuen Augen. Abgesehen davon, erzählt die Geschichte vom Sündenfall eigentlich vom Sündenfall des Schöpfers; denn der Allwissende wusste spätestens, nachdem er Adam Eva zur Gefährtin schuf, dass er pfuschte und seine Schöpfung zwar menschlich aber nicht göttlich werden würde. Anschließend disqualifizierte er sich noch dadurch, dass er in seinem heiligen Zorn alle möglichen Plagen über die Menschheit ausschüttete und dazu noch Zwietracht zwischen den Geschlechtern säte. Wahrscheinlich ermächtigte er damals auch die Priesterschaft zur Traumatisierung der unschuldigen Menschenkinder, indem sie die Erbsünde in ihnen beleben und sie fortan missbrauchen durften. Jedenfalls wäre dies eine neue Variante für die Kleriker, um sich von ihrer Schmach des fortgesetzten Kindesmissbrauchs und seiner Vertuschung reinzuwaschen …

Doch zurück zur Erkenntnis! Der Satan hatte wie immer recht, das Mistviech sprach wie stets im Gegensatz zu seinem himmlischen Widersacher die Wahrheit: durch die vollzogene Erkenntnis veränderte sich in der Tat der Blick der ersten Menschen auf die Welt schlagartig. Sie erkannten Zusammenhänge und konnten sie als gut oder böse einstufen. Damit wurden sie zum Homo sapiens und ihre Welt eine andere, als sie der Schöpfer wohl im Sinn gehabt hatte.

Momente der Erkenntnis sind folglich mehr als simple Aha-Erlebnisse, vielmehr sind sie schöpferische Augenblicke, die die Welt unmittelbar verändern. Jeder Augenblick einer Erkenntnis wird somit zu einem Wendepunkt, bei dem das Nachher dem Vorher nicht mehr gleicht. Überkommene Werte verändern sich und mit ihnen unser Tun und Handeln. Es ist die Erkenntnis selbst, die diesen Umbruch bewirkt. Was vorher noch nicht bedacht werden konnte, weil es nicht erkannt wurde, tritt nun in die Welt. So erging es beispielsweise vielen Kindern, die von Priestern missbraucht wurden, dass sie den Missbrauch erst später als Missbrauch erkannten, als ihnen die Fähigkeit, die Taten zu qualifizieren, zugewachsen war. Davor war ihnen das Geschehen nur unheimlich, unangenehm, peinlich und beschämend. Doch sie erkannten nicht, dass sie missbraucht worden waren. Oft waren sie erst zur Erkenntnis fähig, als sie schon erwachsen waren. Insbesondere Männern ergeht es so, die als Jungen von Frauen sexuell missbraucht wurden. Sie erkennen oft erst zufällig, sofern sie vom allgemeinen Männlichkeitsverständnis abrücken, dass ihre „Reifeprüfung“ keine Reifeprüfung, sondern ihre Vergewaltigung durch eine Frau war. Derlei Erkenntnis wird oftmals zum Auslöser einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Von ähnlicher Qualität dürfte auch die Erkenntnis gewesen sein, die sich die Menschheit im Garten Eden vom Baum gepflückt hatte. Nicht mehr das Spielzeug das Objekt des Missbrauchs eines Gottvaters, sondern dessen flegelhafte pubertierenden Kinder zu werden, war der Preis dieser Erkenntnis. Sie wurde aber auch zur Chance in Jahrtausenden wachsender Erkenntnis der Menschheitsgeschichte sich aus der göttlichen Knechtschaft zu befreien. Zumindest hat heute jedermann die Wahl, sich selbst ein Licht zu werden oder dem himmlischen Laterndl hinterherzurennen.

Ich durfte dieserart Erkenntnis an unserem Sohn bemerken, als ich Zeuge seiner ersten bewussten Lüge wurde. Ich fragte ihn ob er etwas getan hatte, was er, um die Konsequenz zu vermeiden, verneinte. Just in gleichen Moment war er über seine Eigenmächtigkeit, die Wahrheit zu leugnen, ebenso irritiert wie erstaunt. Die Erkenntnis auch die Unwahrheit sagen zu können, erschreckte und befreite ihn. Künftig war er der Herr seiner Geschichte. – Er nutzt diese Freiheit fortan zu seinem Vor- und Nachteil.

Jedenfalls ist jede Erkenntnis auch ein nicht mehr rückkehrbarer Schritt über eine Grenze. Wir mögen vielleicht die antiken Götter vergessen haben, doch wir können kaum eine brauchbare Erkenntnis vergessen. Es gibt nur wenige Beispiele für verschollene Erkenntnisse. So hatte man um die Zeitenwende zwar mit dem Äoisball, das Prinzip der Dampfmaschine schon erkannt, doch war diese Erkenntnis nutzlos, weil die technische Nutzbarmachung dieser Entdeckung am fehlenden Zubehör scheiterte. Somit blieb der Äoisball ein Spielzeug, und die industrielle Revolution verzögerte sich um 1700 Jahre. Während zeitgleich andere Erkenntnisse, wie die Entdeckung der Erzschmelze und Metallverarbeitung die Menschheit im Guten wie im Schlechten erheblich voranbrachte. Ebenso sind Erkenntnisse im psychologischen Bereich oft ursächlich für radikale Verhaltensänderungen. Am deutlichsten wird dies, wenn ein Mensch von heute auf morgen ein Laster lässt oder mit engen Freunden und Verwandten bricht, weil er erkennt, dass ihm der Umgang mit ihnen schadet.

Auslöser für diese Betrachtung der Erkenntnisfähigkeit und ihren Einfluss auf unser Verhalten, war eine innere Beschauung meinerselbst, bei der ich während meiner Kontemplation einen Umgang mit mir selbst als schädlich für mich erkannte und augenblicklich eine Strategie imaginierte, wie ich meine innere Sicht auf mich verbessern konnte. Erkenntnis, Lösung und Handlung waren eins, und die Wandlung meinerselbst vollzog sich ebenso augenblicklich. Meine Begleiterin während dieser Kontemplation bezweifelte, dass ich fortan die veränderte Sicht ohne weitere Einübung bewahren könnte. Also erklärte ich ihr, dass ich das nicht müsse, denn Erkenntnis, die auf Einsicht basiert, sei revolutionär. Sie ist ein psychologischer Umsturz, der augenblicklich und nicht peu à peu erfolge; deswegen sei der hierdurch ausgelöste Prozess unumkehrbar und allenfalls allein durch erneute Erkenntnis korrigierbar.

Eine derlei psychologische Revolution ist ein radikaler Wandel und nur möglich, solange ich bereit bin, meinerselbst auch radikal zu beschauen. Wobei ich meinerselbst dabei nicht analysiere, sondern lediglich wie eine Landschaft mit frischem Blick betrachte. Frisch ist mein Blick, solange ich meine Seele im Hier und Jetzt ohne Vorurteil oder Bedingtheit betrachte. Das heißt so darauf schaue, dass ich keinen Seelenaspekt, kein Laster, keine Lust oder sonstige Konditionierung bewahren möchte, sondern vielmehr bereit bin alles zu verlieren. Es ist ein Blick, der uns nur selten gelingt, da wir kaum wach und mutig genug sind, in aller Klarheit und Schärfe auf uns zu blicken. Gelingt es jedoch, ist es eine Sternstunde der Kontemplation; und gelingt es einmal, gelingt es ein zweites und ein weiteres Mal, bis die tiefe Selbstbeschauung zur permanenten psychischen Revolution wird, die uns entweder befreit oder ins Gefängnis der Selbstvergottung führt. Beides ist möglich, letzteres wahrscheinlicher, denn unsere Psyche ist hinsichtlich ihres Selbstbetrugs überaus listig. Jedenfalls habe ich deutlich mehr durchgeknallte Gurus als unverstellte Mystiker gesehen. Wobei letztere weit häufiger ganz gewöhnliche Menschen zu sein scheinen, die ihre Weisheit nur nicht im Bauchladen vor sich hertragen. Deshalb offenbaren sie sich am ehesten, sobald wir uns ihnen ebenso gewöhnlich offenbaren. – Gehen Sie also für eine Sie bereichernde Begegnung mutig aus sich heraus …

 

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