Entelechie, die Zukunft fordert die Gegenwart

Die Zukunft fordert die Gegenwart © Matthias Mala

Telos ist das Ziel und dem Begriff „Entelechie“ eigen. Es bedeutet soviel wie, sein Ziel in sich tragen. Im mystischen Sinne wäre das Ziel aller Schöpfung neben der unlösbaren Einheit mit dem Schöpfer, denselben auch zu überwinden; sich also letztlich von der Schöpfung lossagen zu können, um sich selbst in Seinem Sinne zu kreieren. Es ist ein Paradox, das  sich hierbei in zwei gleichwertig möglichen Zielen darstellt, also zwei zueinander widersprüchliche Wege aufzeigt. Der eine wäre der Weg der Mystiker, nämlich durch Selbsterkenntnis Gotteserkenntnis zu gewinnen, was letztlich einem kosmischen Bewusstsein oder banal ausgedrückt einer Erleuchtung gleichkäme. Es wäre zugleich der lebendige Tod des Egos, denn Erleuchtung ist Ich-Überwindung. Der andere Weg wäre der satanische Weg, der Weg Luzifers mit dem Ziel der Selbstvergottung, nämlich durch Welterkenntnis selbst zum Schöpfer neuer Welten zu werden. Hier schwindet das Ego nicht durch Erleuchtung, sondern durch Selbstzentrierung, auf dass es in sich selbst stürzt und die Inkarnation des eigenen kosmischen Geistes ermöglicht. Letztlich führten beide Wege im Ergebnis zum selben Ziel: ein Wesen mit kosmischem Bewusstsein ohne kleinliche Ich-Zentrierung. In den östlichen Religionen entspricht der mystische Weg dem konventionellen und der satanische dem tantrischen Pfad oder anders ausgedrückt: das eine ist Beschauung und das andere Praxis; das eine ist Luft und das andere Feuer; das eine ist Gnade und das andere Willen.

Dieser Prolog, in dem ich einmal mehr die Verschiedenheit der beiden magisch-mystischen Wege der Thëurgie und Goëthie, der weißen und schwarzen Magie, skizzierte, soll dem Verständnis dafür dienen, wie die innere Zielsetzung offensichtlich auch einem äußeren ungeahnten Zuruf, einer schicksalshaften Antipode, folgt.

Manch einer sieht in der Evolution einen entelechischen Prozess, durch den er sich Entwicklungssprünge erklärt. Allerdings gelten solche Ansichten nicht als naturwissenschaftlich, da derlei Entelechie als eine transzendente Forderung zukünftig notwendiger Eigenschaften an ein Lebewesen verstanden wird. Wäre es so, wäre beispielsweise der Dodo auf Mauritius nicht ausgestorben, sondern hätte wieder zu fliegen gelernt. Indessen liegt Entelechie nahe, sobald man der Vorstellung einer holistischen Zeit folgt, wonach es keine Zeitachse gibt, sondern alle Zeiten zusammenfallen und einander implizieren; das heißt Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit sind allesamt gleichzeitig und beeinflussen sich wechselweise.

Nachdem ich vor kurzem am Grab meines 1929 verstorbenen Großvaters stand und mit ihm ein Gespräch über seinen missratenen Sohn führte, hatte ich zwar nicht meine Geschichte verändert, doch zumindest die Hoffnung gehegt, ich könnte hierdurch meine Gegenwärtigkeit ein wenig verrücken. Nun, der Versuch war ebenso redlich wie vergeblich, dafür erhellend. Gleichwohl geschehen mir gerade in jüngster Zeit Dinge, die mich einmal mehr nicht an Zufall, sondern an Führung glauben lassen. Doch da ich es mit dem Allmächtigen nicht so habe, sondern als Mystiker eher eine holistische Weltsicht hege, liegen mir die Sciencefictiologen mit ihrer holistischen Zeit und den Wurmlöchern im Raum, in dem real möglich ist, was sonst nur in der Phantasie geht, näher.

Allerdings ist es keine Phantasie, wenn Sie das Flugzeug verpassen, das wenig später vom Himmel fällt. Gut, das ist Zufall. Aber wenn Sie heute nach Jahren einen alten Freund anrufen, über den Sie sich anlasslos sorgen, und es exakt der richtige Moment ist, wo Sie ihm helfen können, und daraus eine Reihe von Begegnungen entsteht, die ihr Leben verändern, so meinen Sie vielleicht, das das mehr als Zufall, nämlich Schicksal ist.

Andererseits ist Schicksal etwas, was auf uns kommt, das wir nicht beeinflussen können; so zum Beispiel gesellschaftliche Entwicklungen, die unser Leben verändern. So war der Mauerfall 1989 für die meisten Einwohner der ehemaligen DDR eine schicksalhafte Wendung, die ihr Leben auf den Kopf stellte. Für jene aber, die die friedliche Revolution aktiv herbeiführten, schien die Entwicklung weniger schicksalhaft, als vielmehr die absehbare Folge ihrer Aktionen. Für sie war es die Gegenwart, die die Zukunft determinierte.

Nun kann man aber auch auf den Gedanken kommen, dass es die Zukunft war, die die Gegenwart forderte. Denn obgleich die meisten den Mauerfall nicht erwarteten, gab es einige wenige, die den baldigen Zusammenbruch der DDR für unumgänglich hielten. Man könnte sagen, sie waren vorausschauend. Man könnte aber auch annehmen, sie spürten die Forderung der Zukunft nach einer Veränderung, und diese Forderung nötigte sie zur Handlung, die letztlich in der Revolution und ihren Folgeerscheinungen kulminierte.

Jedenfalls gefällt mir der Gedanke zunehmend, dass die Zukunft die Gegenwart fordern könnte. Auch wenn ich auf mein Leben zurückblicke, finde ich ihn passend. So wie ich ebenso den allgemeingültigen Satz, dass die Vergangenheit die Gegenwart determiniert für etliche Ereignisse in meinem Leben bestätigen kann. Wobei es hier vor allem die gesamte Geschichte als auch die persönliche Geschichte wichtiger Bezugspersonen war, die meine Gegenwart und damit auch meine Zukunft formten; was im Prinzip banal ist, entspricht es doch dem gewohnten Blick auf den Zeitpfeil. Doch dass der Zeitpfeil auf rückwärts fliegen kann, ist zunächst ungewohnt. Wobei es auch hierfür gute Beispiele gibt, wie sich mit veränderten Einsichten, auch der Blick in die Vergangenheit ändert, wodurch Geschichte umgeschrieben und die Gegenwart neu aufgesetzt wird.

Die Annahme, dass die Zukunft die Gegenwart fordert und diese Forderung keine zwingende Fatalität ist, ist für die Wahrnehmung der eigenen Gegenwärtigkeit durchaus bedeutend. Denn dann ist das große schwarze Buch, das Kismet, ebenso unbeschrieben wie festgeschrieben. Es bestände somit gleichsam eine karmische Gegenwärtigkeit, in der wir lebten. Leben wäre demnach kein Fluss, der in einem vorbestimmten Bett fließt, sondern ein beständiger sich immer wieder schöpfender Quell, der sich, dem wandelbaren Untergrund folgend, stets aktuell sein Bett sucht. In dieser Weise verstehe ich auch meine Zukunft als einen Zuruf, ihr zu folgen. Ich werde nicht geführt, sondern ich folge den Zeichen der Zeit – sprich aller drei Zeiten – durch aufmerksame Hinwendung in meiner Gegenwart. Ich schaue nicht nach vorn, ich schaue nicht zurück, sondern ich beschaue meine Gegenwärtigkeit, die Vergangenheit und Zukunft in sich birgt. Dies ist die derzeit höchste Kontemplation, die ich mir vorstellen kann. In ihr wirkt ein mystisches Geschehen, das sich fürwahr über meinen Horizont hinausdehnt. Es ist holistische Transzendenz oder spiritueller Quantensprung … Doch Scherz beiseite, seine Gegenwärtigkeit derart umfassend, so tief wie weitsichtig wahrzunehmen, ist für mich – verzeihen Sie mir das große Wort – Heiligkeit.

In dieser Weise sein eigenes Leben in die Zukunft zu führen, indem man ihrem Zuruf folgt und sich nicht treiben lässt, ist zudem eine ebenso mystische wie spirituelle Lebensweise. Hier bricht auch jede Idee von Karma, Schicksal oder Kismet. All diese Vorstellungen sind Maya, Täuschungen, Träume für Unachtsame, die ihnen Leben und Entwicklung vortäuschen. Wirklich spannend jedoch wird ein Leben, das sich nicht entwickelt, sondern immer wieder neu schöpft. Ein solches Leben ist entelechisch, es birgt sein Ziel in sich und lebt ihm augenblicklich nach. Es birgt einen Hauch von Vollkommenheit, egal wie reich, wie arm, wie schön oder wie schrecklich es ist. Denn dieses Leben ist beständige Schöpfung, beständige Reinigung und beständig frei von Anhaftung.

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2 Kommentare zu “Entelechie, die Zukunft fordert die Gegenwart

  1. Ohne all diese Sprünge und Vielfältigkeiten zu durchdringen – ich stelle mir Zeit als Welle vor, die durch ein Ereignis, das wie ein Stein ins Wasser fällt, runde Wellen um das Ereignis kreiiert. Diese Wellen haben Resonanzen. Ich weiß also nicht, ob der Ursprung der Welle in der „Vergangenheit“ liegt – jedenfalls ist er nicht chronologisch geradlinig. Das jetzt in einer Biographie. Mit Korrespondenzen, Überlappungen, Resonanzen in andere Leben, andere Dimensionen, Bewusstseinszustände (die göttlich, höher, durchdringend sein können (auch Luzifers) – hui.
    Ich sehe als dominantes Muster Kreise, Spiralen, Spiralen, die sich in neuen Kreisen organisieren. Und irgendwo auf dieser mehrdimensionalen Beweglichkeit befinde ich mich mit meinem beschränkten kleinen Wahrnehmungsbewusstsein, und sehe so wenig – doch die Welle, die ich reite oder geritten werde, IST und bewegt sich.

    • Danke für Ihre Gedanken. Ein Ereignis, das sich um sich selbst ereignet, mutet mich wie eine autopoietische Entwicklung an: aus dem Bauch heraus, um ihn herum, in ihn hinein und wieder heraus, und dabei immer mehr Blähungen produzierend. Zu derlei Wellen kommen Interferenzen, die mal Stille, mal Kreischen bedingen. Doch solange man mit der Dynamik der Welle schwingt, surft, gleitet, bewegt man die Zukunft ebenso, wie man von ihr bewegt wird …

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