Blutmond

Blutmond © Matthias Mala

Stellen wir uns vor, wir hausten in einer Kate vor unserer Zeitrechnung, wüssten wenig von der Welt, nur soviel, wie man damals gemeinhin in besseren Kreisen wusste. Das war zwar durchaus beachtlich: einige Zeitgenossen verabschiedeten sich damals gerade von der Theorie, dass die Erde eine Scheibe sei, andere, wie Aristarchos von Samos (310-230 v.Chr), dachten gar darüber nach, dass die Sonne im Mittelpunkt unserer Welt stünde. Dennoch wüssten wir den Kosmos nur als eine Manifestation der Götter zu deuten. Denn in den Bewegungen der Gestirne fänden wir zuviele „Zufälligkeiten“, die wir uns nur durch einen göttlichen Ursprung erklären könnten.

Allein die Tatsache, dass die Himmelsscheiben von Sonne und Mond gleichgroß sind, musste ein göttliches Zeichen sein. Doch damit nicht genug, beide Gestirne tauschen ihre Positionen nicht nur über Tag und Nacht, sondern wechseln sie auch übers Jahr. So steht der Mond im Winter hoch im Norden, während die Sonne tief im Süden scheint. Im Sommer verkehrt sich das Spiel ihrer Laufbahnen. Hierdurch kommt es zu Mondfinsternissen, die den damaligen Menschen zwar unerklärlich waren, die sie dennoch vorausbestimmen konnten. Auch die Wandelsterne waren berechenbar, worauf die Astrologie fußte. Ihre Berechnungen galten als Methode, das Wesen der Götter zu verstehen und sich somit das Leben und Schicksal der Menschen zu erklären.

Die Kunst, den Verlauf der Sterne zu berechnen, begründete die Macht der Priester. So konnten sie Tempelanlagen als riesige „Kalender“ erbauen lassen, in denen sich die Sonne übers Jahr an fixen Punkten zeigte. Es war ein Hokuspokus, der die Massen beeindruckte. Ja, er beeindruckte sie derart, dass es sich die Priesterschaft auch leisten konnte, Menschen aus ihrem Stamm für die Götter zu schlachten und auf ihren Altären ausbluten zu lassen. Später dann wurden die Schlachtrituale zivilisiert und nur noch Feinde geschächtet, und noch viel später begnügte man sich mit einer symbolischen Schlachtung; so wie heute noch ein ritueller Kannibalismus in den christlichen Kirchen vollzogen wird. In anderen Religionen schnippeln die Kleriker dafür an den Pimmeln von Knaben herum, deren Vorhäute dann als Gesichtscremes alternder Hollywooddiven vermust werden.

So ist das mit den Göttern, der Macht der Popen, der Fürsten, der Reichen und der Schönen, sprich der herrschenden Klasse. Freilich mit dem lieben Gott alleine und einer Mondfinsternis lässt sich heutzutage niemand mehr vor den Karren des Establishments spannen. Also macht man dies mit Kampagnen. Kampagnen für einen Kriegseintritt, Wahlkampagnen oder Ereignissen wie Weltmeisterschaften und ähnlichem Firlefanz – und man macht es mit Kampagnen via Internet. Ja, man glaubt heute nicht weniger an Gott, als daran, dass Putin die amerikanischen Wahlen via Facebook so zu beeinflussen vermochte, dass Trump und nicht Clinton ins Amt gewählt wurde.

Heute werden wir wieder eine Mondfinsternis erleben, und dabei sinniere ich darüber, wie leicht wir lenkbar sind, solange uns nur jemand eine scheinbar plausible Erklärung für die Richtung liefert, in die wir denken sollen. Aktuell sind es Wissenschaften, die wir vergöttern; allerdings nicht die harten Wissenschaften, die harte Fakten liefern und vernünftige Theorien aufstellen, sondern jene weichen Wissenschaften, die jeder scheinbar versteht, auch wenn er keine Ahnung vom Thema hat und beispielsweise Klima und globale Durchschnittstemperaturen nicht auseinanderhalten kann; dafür aber jede Studie irgendeiner Stiftung für bare Münze nimmt und nicht erkennt, dass diese Stiftungen nicht Selbstzweck sind, sondern einer politischen Agenda folgen, die da heißt: Einfluss und Geld zu gewinnen. – Und wer sich diesem Trend entgegenstellt, ihn kritisiert, der wird ausgegrenzt. Früher musste man dafür Scheiterhaufen aufschichten, heute genügt die soziale Ächtung via Internet. Die Meute macht mit, skandiert die vorgekauten Parolen wie ehedem …

Ja, die Finsternis in unseren Köpfen nimmt bedrohlich zu. Auch unsere Herzen verfinstern sich, weil die meisten unter uns sich inzwischen irgendeiner Meute – sprich Filterblase – zugehörig fühlen und lieber auf ein paar Likes der immergleichen Kumpanen in den sozialen Medien gieren, als sich auf sich, ihr Herz und ihre Vernunft zu besinnen. Ich sehe keinen Ausweg, und halte auch meine Empfehlung für fragwürdig, denn irre und herzlos kann auch ein jeder sein, der meint, mit Herz und Verstand zu handeln. Blicken wir nur zurück in die Geschichte, all die Schlächter die religiösen wie die politischen waren davon überzeugt, nur das beste für ihr geschundenes Volk zu tun, und ihr geschundenes Volk war ebenso davon überzeugt, dass sein Blutzoll nur dem großen Ganzen dienen würde. Und so verschwanden Völker und Nationen, Religionen und Adel, nur das Spiel der Finsternis setzte sich fort und geht immer noch weiter.

An all das werde ich denken, wenn der längste Blutmond dieses Jahrhunderts am Himmel steht. Also ende ich mit dem zweiten Schritt aus dem Programm der Anonymen Sucht-Selbsthilfe Fährhaus:

„Wir hatten keine Hoffnung mehr, und das Ende unserer Hoffnung war das Ende unserer Verzweiflung. Wir gaben auf.“

Dieser Schritt bietet Suchtkranken soviel Gedankenfreiheit, dass etliche von ihnen in der Reflektion darüber ihre tödliche Sucht überwinden können. Also sollte es doch möglich sein, dass er gesunden Menschen ebenso zu einer gesunden Reflexion verhilft. Die Spiritualität dazu kommt von selbst hinterher, und wer Glück hat, findet auch zur Demut, die ihm dann ein mystisches Leben ermöglicht.

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