Fügung

Fügung © Matthias Mala

Antonio ist ein glücklicher Mensch. Er betrieb lange Zeit ein Restaurant bei mir um die Ecke. Dann kochte er für eine Kirchengemeinde. Heute kocht er für eine reiche Familie in Italien. Als ich eines Tages bei ihm im Restaurant saß, fragte er mich, ob ich nicht wüsste, wie er seinem Glück ein wenig auf die Sprünge helfen könnte. Das Geschäft liefe nicht mehr so gut, und er überlegte sich, wie er es verbessern könne. Aber alles was er versuche, bliebe wirkungslos, und das genau seit dem Tag, wo er seinen ersten in seinem Restaurant verdienten Schein aus einer Laune heraus an einen Gast verkaufte. Der Gast wollte sich damit finanzielles Glück kaufen.

Ich riet Antonio verschiedenes, aber er hörte mir nicht richtig zu. Im Laufe des Gesprächs fragte er mich schließlich, was ihn wirklich umtrieb. Ob man denn die Lottozahlen auspendeln könne, wollte er wissen. Ich antwortete, ja, man könne es, sofern einem ein Lottogewinn bestimmt sei. Vier Wochen später zog mich Antonio in sein Restaurant und zeigte mir einen Lottoschein vom Mittwochslotto. Er hatte nur zwei Felder angekreuzt gehabt und in beiden Feldern hatte er den Haupttreffer beider Ziehungen. Ich gratulierte ihm, doch er winkte ab. „Du hast gesagt, wenn es einem bestimmt sei, kann man die Zahlen erpendeln. Mir war es nicht bestimmt. Sieh, den Schein habe ich gestern am Mittwoch aufgegeben, weil es Mittwochslotto heißt. Die Nacht davor saß ich mit dem Pendel über den Zahlen und habe sie getippt. Heute sehe ich die Zahlen, zwei Haupttreffer. Ich denke, Antonio, jetzt bist du ein paar Millionen schwer, und laufe sofort ins Lottogeschäft. Die Frau schaute sich den Schein an und sagte schließlich: „Antonio, du bist ein echter Pechvogel. Du hättest den Schein am Dienstag abgeben müssen, damit er für die Ziehung vom Mittwochabend gegolten hätte. Dieser Schein gilt für die Ziehung am kommenden Mittwoch.“

Als ich Antonio trösten wollte, winkte er wieder ab. „Nein, ich danke dir, Matthias, du hast mir das Glück wiedergegeben. Ich weiß jetzt, dass mir kein Lottogewinn bestimmt ist. Das Pendel hat mir gesagt, Antonio, vergiss den Blödsinn, auf irgendeinen Gewinn zu hoffen. Pack dein Leben an, dann greifst du ins Glück. Ja, und das mache ich jetzt. Ich verkaufe den Laden und koche demnächst in der Kirchengemeinde. Da bin ich unter lauter fröhlichen Menschen.“

Es geschehen Zeiten, doch ob Wunder geschehen, vermuten wir, weil wir uns die Welt erklären müssen. Wir denken alles hat eine Ursache, die wiederum eine Ursache hat. Und so scheint das Schicksal eine endlose Kausalkette zu sein. C.G. Jung war da ein wenig anderer Ansicht, weswegen er über Sychronizitäten und Akausalitäten nachdachte und sie im Okkultismus verortete. Auch eine Masche: in selbstreferenzieller Weise ein paar Haken zu schlagen und im Nirgendwo als Ursache von allem anzukommen, womit sich alles erklärt. So simpel geht Theologie. Allerdings würde mir da jeder Theologe widersprechen und mir 1001 Fügungen aufzeigen, wie gerade etwas unerklärliches Unerklärliches erklären kann. Jedoch halte ich es anders, und erkläre mir nichts, wo ich fabulieren müsste, außer es macht Laune, und ich kann damit meine Frau beeindrucken. Indem ich es nehme, wie es kommt, nehme ich das meiste richtig und lasse zu, dass sich die Dinge fügen können.

Das ist, was derzeit in besonderer Weise mit mir und um mich herum geschieht. Es fügen sich gerade so viele Ereignisse ineinander, dass es geradezu unheimlich ist. Ja, ich möchte beinahe an das große Buch des heiligen Zampano glauben, in dem mit goldenen Lettern mein goldiges Schicksal vornotiert wurde. Doch es ist noch einfacher. Egal ob und was in ihm steht, es wird stets das beste für mich sein. Also sollte ich statt daran zu glauben, ihm nachleben, was bedeutet, ich sollte einfach achtsam sein, damit ich meinem göttlichen Wort folge. Er oder Es spricht zu mir, nicht so, dass ich seine Stimme höre, sondern so, dass ich es spüre, wenn ich vom vorgezeichneten Weg abkomme. So zumindest empfinde ich, sobald ich mich darauf einlasse, von der höheren Warte meines Schicksals aus geführt zu werden.

Das bedeutet freilich nicht, wie ein tumber Tor herumzutappen und darauf zu warten, dass mich jemand am Gängelband führt, vielmehr sollte ich achtsam sein, wie die Konstellationen um mich herum sind, dazu die verborgenen Beziehungen der Dinge und Wesen zueinander erkennen und ihre Eigenschaften nützen. Man kann diese Aufmerksamkeit mit einem Segelflieger vergleichen, der zur Überquerung eines Bergmassivs von einer Thermik zur anderen segelt, und je besser ihm das gelingt, desto eher gelangt er an sein Ziel. Das verlangt im übertragenen Sinn nach der Begabung eines Schamanen, der die Menschen wie die Umstände durchschauen kann und ihr Zusammenwirken erfasst, als würde er das Spiel der Winde wie ein Pilot erkennen. Dabei blickt er nicht auf die Dinge, sondern in den Raum, derlei Um- und Voraussicht ist eine andere Art von Hellsicht, es ist mystisches Fährtenlesen.

Allerdings erlangt ein Schamane diese Fähigkeit nicht, indem er sie erlernt, sondern indem er in sich geht. Die meisten von ihnen gingen dabei nicht in sich, weil sie es hipp fanden, sondern weil sie sich in der Welt nicht mehr zurechtfanden. Und indem sie sich entdeckten, entdeckten sie ihre Mitwelt aufs neue und verstanden sie besser, als diese sich selbst. Hierdurch weiß der Schamane, ihre Absichten zu deuten und ihre Bewegungen vorausschauend zu lesen. Er weiß nicht was geschehen wird – er sieht was geschieht und denkt dieses Geschehen zu Ende. Er ist im Hier und Jetzt ebenso bewandert wie in der Vergangenheit, also ist die Zukunft für ihn ebenso nur ein Raum, der diese beiden Räume ergänzt. Er segelt durch die Zeit – in seiner eigenen Zeit. Das unterscheidet ihn von seiner Mitwelt und macht ihn zum Außenseiter, weswegen er auch weg vom Dorf lebt.

Wobei er nicht nur erkennt, was sich fügen mag, sondern ebenso erkennt, was sich nicht fügen wird. Davon wendet er sich ab, denn er ist kein Narr, der sich gegen die Bewegungen der Räume stellt. Allenfalls nimmt er deren Bewegung an, um mit ihrem Impetus die Richtung zu verändern, sofern es ihm notwendig erscheint. Auch das ist seine spezielle Kunst, sich scheinbar zu fügen und sich gleichfalls als Raum zu begreifen, um seiner Kraft zu folgen. Ja, es ist ein Aspekt von Resilienz und Selbstvertrauen; schließlich kommen nur dort, wo man selbst Raum ist, diese Fertigkeiten zur Geltung.

Für einen derart begabten Menschen fügt sich, was für andere Zufall oder unglaubliche Überraschung ist. Er agiert nicht, weil er ein Ziel erreichen will, sondern er wirkt mit an dem, was wirkt. So beeinflusst und lenkt er, ohne wirklich in die Abläufe einzugreifen oder Ereignisse zu provozieren und Ergebnisse zu erzwingen, die letztlich nur von kurzer Dauer wären, weil sie sich – obwohl kurzfristig passend und genehm – nicht fügen wollen und wieder auseinanderstreben. Hierbei verliert sich der Raum, weil ihm die innere Akzeptanz fehlt. Wir können das an Gesellschaften, Familien, Firmen und vielen anderen Gruppierungen und Prozessen ablesen. Eine gute Hand hat letztlich nur, wer der Fügung verbunden bleibt. Dazu braucht es Offenheit und wenigstens so viel Achtsamkeit, die eigene Unachtsamkeit und die der anderen zu erkennen. – Wer so handelt, der folgt der Melodie des Lebens und weiß, sein Lied zu trommeln, zu tanzen und zu singen.

 

Advertisements

6 Kommentare zu “Fügung

  1. Das rosa Puzzleteil veranschaulicht „Fügung“ sehr schön. Aber es liegt so allein, da oben. Ein Puzzleteil – könnte das letzte seiner Art sein. Vielleicht ist es das, was mal runtergefallen ist, und gefehlt hat zur Vollendung. Jahre später wird die Wohnung aufgelöst, und jemand findet es. Was nun? Das alte Puzzle wurde entsorgt, das Modell wird nicht mehr aufgelegt.
    Interessant finde ich auch, dass zwei gleiche nicht sinnvoll zusammenpassen.

    • Ein Puzzleteil trägt als Teil eines ganzen Puzzles alle Elemente des Puzzles in sich, denn es fügt sich nur in dieses und kein anderes Puzzle. So die Idee, als Puzzles noch von Hand gesägt wurden. Heute werden sie seriell gestanzt und so kann sich das Teil auch in ein anderes Puzzle fügen. Es passt dann nicht, obgleich es sich fügt.
      Wäre ich ein Pastor, gäbe dies Stoff für drei Predigten …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s