Beschauung als ersichtliche Kommunikation

Pfingstrosen © Matthias Mala

Es war ein lauer Frühlingsabend. Das Wochenende begann, von der Straße her hörte man das ferne Schnattern der Bummler. Wir saßen im Loft eines Verlages bei offenen Fenstern. Es waren viele Leute da, denn es wurde ein Buch vorgestellt. Mit einem Kollegen kam ich über Krishnamurti ins plaudern. Wir sprachen über seine Ansicht von Wahrnehmung und Lernen, die sich nun mal erheblich von der üblichen Erfahrung und dem didaktischen Wissen der Pädagogen unterschied. Krishnamurti war der Ansicht, dass wir nur dann etwas wahrhaft wahrnehmen, wenn wir es unvoreingenommen schauen und dabei nicht bedenken. Er meinte also, rezeptive als auch perzeptive Wahrnehmungen seien beschränkt, weil bei diesem Prozess der Beobachter vom Beobachteten getrennt ist. Eine Sichtweise, die folglich eine Einheit zwischen Beobachteten und Beobachter behauptet und die bereits die Mystiker des Mittelalters als wahre Gottesschau postulierten. Ich hielt dem entgegen, dass hierin ein Übertragungsfehler steckte, denn dann müssten wir vollkommen antizipativ kontemplieren. Damit meine ich, das Beschaute würde sich in stiller Betrachtung in uns entfalten und sich ohne Reflektion in uns erschließen und in seiner Wesentlichkeit offenbaren. Nun, das käme fürwahr einem göttlichen Bewusstsein gleich, doch leider verfügen wir darüber nicht, auch wenn wir Ihm vermeintlich zum Ebenbilde geschöpft wurden. – Wahrscheinlich scheint diese Ebenbildlichkeit in ihrer Vielfältigkeit letztlich nur eine Oberflächlichkeit des Unwesentlichen zu sein, und somit für sich gesehen wiederum ein Anlass zur Beschauung.

Krishnamurti vertrat diese Ansicht radikal: „Wenn Sie eine Regung total sehen, ist in diesem Sehen jede andere Bewegung enthalten. Wenn Sie ein Problem vollkommen verstehen, dann verstehen Sie alle menschlichen Probleme, denn sie stehen alle im Zusammenhang. (…) Es hat keinen Sinn für uns, Ärger oder Furcht jetzt zu untersuchen; es kommt darauf an, sie zu beobachten, wenn sie in Erscheinung treten. Wahrnehmung ist augenblicklich; Sie verstehen etwas sofort oder überhaupt nicht: Sehen, Hören, Verstehen sind augenblicklich. Zuhören und Zuschauen haben Dauer.“ (Quelle) Weiterlesen

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