Nichts ist umsonst …

… und alles willkürlich. Hätte zum Beispiel Judas dem Heiland keinen Judaskuss auf die Wange gedrückt, wäre Jesus von den Häschern nicht erkannt und womöglich statt ihm irgendeiner seiner Jünger verhaftet worden. Der beabsichtigte Schauprozess vor dem Gouverneurspalast des Pilatus wäre in die Hose gegangen und man hätte wohl den Barabbas gekreuzigt und nicht laufen gelassen. Damit wäre aber auch die ganze Auferstehung perdu gewesen und Jesus womöglich nur ein seltsamer Heiliger aber nicht der Christus geworden.

Nur mit Judas war der Verrat am Heiland und somit dessen Kreuzigung, Höllenfahrt und Auferstehung möglich geworden. Eigentlich müsste Judas als der Stifter des Christentums gelten, denn die anderen Jünger waren wohl ähnlichen Einflüsterungen des Heiligen Geistes ausgesetzt gewesen, die Mission des Gottessohnes an ihr Ziel zu führen. Indessen hatten sie sich diesen schlechten Gedanken widersetzt. Also blieb die Aufgabe an Judas hängen, und er büßte dafür. Ob er sich erhängte, weil er von den anderen Jüngern dafür missachtet wurde, oder weil er erkannte, dass für ihn kein Platz mehr neben dem Auferstandenen wäre, wer weiß es. Jedenfalls fädelte Judas die Geschichte des Christentums ein, die der Gesalbte letztlich wie vorgesehen vollendete. – Danach soll er nicht in den Himmel gefahren, sondern nach Srinagar in Nordindien gezogen sein; wo er als weiser Mann beerdigt worden sei.

Doch im Grunde sind die Ereignisse um Jesus relativ unbedeutend. Bedeutend sind allein die Geschichten, die wir uns von ihm erzählen. Und dies gilt letztlich für alles, was wir in unsere Kultur übernehmen. Ändern sich die Geschichten, verändert sich auch der kulturelle Rahmen. Insofern ist in der Tat alles was zur Erinnerung und zum erzählen taugt nicht umsonst, liefert es doch den Plot, den es auszugestalten gilt, um gegenwärtige Bedürfnissen aus der Vergangenheit heraus zu untermalen und zu begründen. Und was wir uns heute so erzählen, können wir uns morgen auch anders weitersagen.

Genau das geschieht seit der Aufklärung mit besonderem Verve und hat sich in den letzten 40 Jahren noch verschärft. Gleichzeitig aber entsteht ein geradezu jakobinischer Eifer, die so entstandenen neuen Weltanschauungen zu dogmatisieren und diese neuen Dogmen mit Inbrunst und Infamie zu verteidigen. Wir erleben insofern Parallelen, die zur Zeitenwende gleichfalls gang und gäbe waren, als aus den gnostischen Sekten heraus, die Geschichte umgeschrieben wurde. Wobei die damaligen dogmatischen Prinzipien heute von ähnlicher Bewandtnis sind.

Gab es damals mit den Pneumatikern eine Elite jener, die der göttlichen Gnosis, sprich Erkenntnis, teilhaftig waren, so sind es heute die Social Justice Warrior, die politisch Korrekten, die NGOs und all jene die sich für progressiv und avantgardistisch wähnen, wobei dieser Wahn Linke wie Rechte gleichermaßen durchdringt. Also ringen die Befürworter der Umdeutung aller Werte und ihre konservativen Kritiker gegeneinander und ein jeder meint, die Wahrheit zu besitzen. Ja, auch ein jeder hat seine Märtyrer, dem einen mag es Gudrun Enslin und dem anderen Hans-Martin Schleyer sein. Es bleibt sich egal, denn die Geschichte schreiben die Sieger dieses Ringens, so wie es einst die Christen taten, die in Christus ihren Äon und wahren Gottessohn erkannten.

Letztlich bleibt es sich auch egal, wer den Pokal davonträgt; denn ist der Meister gekürt, beginnt bereits nach einer kurzen Pause, die nächste Spielrunde in der Weltgeschichte. Alle 50 Jahre wird die Welt irgendwo mal wieder auf den Kopf gestellt und eine neue Geschichte geschrieben. Es bleibt beim wahnhaften Ringen um die Wahrheit, denn eine Wahrheit, die niemanden gehört, die sich nicht vereinnahmen lässt, wie es eigentlich die Wahrheit – weil Wahrheit – sein sollte, gibt es nur in der Theorie. Die Theorie aber gehört den Theoretikern, die die Ismen festschreiben und die Guten von den Schlechten mit dem Schwert ihres Glaubens und ihrer Wahrheit trennen.

Doch es mit dieser Erkenntnis zu belassen und keinem Rattenfänger von links oder rechts, von dieser oder jener Religion mehr nachzulaufen, ist letztlich ein Ding der Unmöglichkeit. Also wünsche ich Ihnen wenigstens für diese Osternacht so viel Gnosis, dass Sie erkennen, dass es zu keiner Erkenntnis ein Rezept der Wahrheit gibt, sondern das jedes Reden darüber zwingend zur Lüge wird. Das mag enttäuschend sein, doch das schöne an jeder Enttäuschung ist die Essenz kurzfristiger Erkenntnis. Also bleiben Sie in Bewegung, pilgern Sie, oder sitzen Sie es aus, der Wahrheit ist es egal, wer sie wie sieht. Nur wer sie erfassen will, erfasst die Täuschung!

Frohe Ostern, der Geist lebt …

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