Du siehst mich

Gottesoptik © Matthias Mala

Das Motto des diesjährigen evangelischen Kirchentages entstammt dem 16. Kapitel, Vers 13 des 1. Buch Moses. Ich habe mir die 2017 revidierte Ausgabe nach Luthers Bibelübersetzung aufgeschlagen (siehe Link) und das Kapitel gelesen. Ich las mit zunehmenden Erstaunen und Zorn. Wobei ich mir den Zorn sparen könnte, denn ich bin seit 48 Jahren kein Mitglied dieser Kirche mehr. Theologisch gesehen bin ich dennoch Christ geblieben, denn ich wurde in einer Zeit infantiler Amnesie getauft; und wer getauft wurde, bleibt zeitlebens Christ. – Ein Begräbnis auf dem Schandacker vor der Friedhofmauer bleibt mir somit erspart.

Erstaunt bin ich freilich nicht darüber, dass die aktuell revidierte Bibelfassung sich ebenso verschwurbelt anhört wie Luthers geblähtes Frühneuhochdeutsch. Ich weiß, das gehört zum Zauber religiöser Schriften, schließlich verfasste ich selbst etliche Grimoires. Erstaunt hat mich auch nicht, dass hier etwas als Zitat ausgezeichnet wird, dass heute so nicht mehr geschrieben steht. Im 13. Vers steht vielmehr: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das heißt also: „Big Brother is watching you“, und passt somit in die politische Landschaft, in der unser Bundeszensurminister Heiko Maas (SPD) sein Netzwerkdurchsetzungsgesetz begleitet vom untertänigsten Schweigen der Leitwölfe respektive Leitmedien noch wenige Wochen vor der Wahl beschließen lassen möchte; selbst wenn das Gesetz nur kurze Zeit Gesetzeskraft haben wird, ehe es vom Verfassungsgericht – sofern es seinem Anspruch noch nachkommt – kassiert werden wird.

Erstaunt hat mich allerdings mit welch eklektischer Unbefangenheit das Motto für den Kirchentag aus diesem Kontext gepflückt wurde. Jedenfalls passt die Geschichte, die uns in diesem 13. Kapitel erzählt wird, beinahe gleichnishaft in unsere Zeit. Womit ich den Evangelen zugestehen muss, dass sie ein ausgeprägtes Gefühl dafür haben, wie man sich dem Wind anpasst und mit ihm flattert, bis das Banner in Fetzen hängt.

In der Geschichte geht es um eine Leihmutterschaft. Sara vermag Abraham zunächst kein Kind zu gebären. Also schickt sie ihm ihre Magd Hagar. Abraham schwängert Hagar. Nachdem Hagar in guter Hoffnung ist, will sie sich über Sara erheben. Sara beklagt sich darüber, und Abraham rät ihr, das Heft in der Hand zu behalten und ihre Magd zu demütigen. Daraufhin läuft Hagar davon. Der Engel Gottes aber findet sie und schickt sie zu Sara zurück. Sie soll deren Demütigung fortan erdulden, dafür aber wird Gott ihren Sohn Ismael zum Stammvater einer unzählbaren Schar an Nachkommen machen. Weiter sagt er, Ismael wird wie ein Wildesel sein, der mit jedermann Händel haben und sich letztlich all seinen Brüdern vor die Nase setzen wird. Womit aus rückwirkender muslimischer Sicht Mohammed der Kriegsherr und Prophet erkennbar beschrieben ist.

Was mich in Verbindung der Auswahl des Mottos erzürnt ist, dass der evangelische Kirchentag 2017 sich auf dieses Kapitel beruft, ohne es offen zu legen, sondern daraus nur einen Big Brother zum Knuddeln, einen Wohlfühlpapi destilliert, der wie ein esoterischer Schutzengel aus der Kabbala fleißig um die zärtlichen Seelen der Wischiwaschi-Generation oder, präziser gesagt, der Smartphone-Generation flattert und sie vor den Auswüchsen ihres Leichtsinns und ihrer Langeweile behütet.

Zudem wird hier der unerträgliche Dünkel einer übersättigten Welt bemäntelt und geheiligt, die Leihmütter mit ihren befruchteten Folikeln bestückt und sich von ihnen ihre Kinder austragen lässt, damit die Figur der Frau geschont und sie selbst von den Befindlichkeiten einer Schwangerschaft verschont bleibt. Danach wird die Leihmutter wieder in ihr Prekariatistan zurückgeschickt. – Ja, das macht mich sehr zornig. Denn eine Kirche, die sich jedem Zeitgeist anbiedert …

Doch damit haben die Evangelen bekanntermaßen das geringste Problem, da deren Kreuz schon einmal, dem Zeitgeist entsprechend, zwölf Jahre lang überwiegend Haken besaß. So machten evangelische Theologen unter anderem Jesus zum Wohlgefallen der NSDAP zum Arier und entjudeten das Neue Testament und ihren Katechismus (siehe Link).

Feministisch Emanzipatorisches lässt sich aus diesem Kapitel der Genesis allerdings zur Gram der Pastorinnen des Kirchentages kaum ableiten, denn da wirkt nur das traditionelle Schema der Herrschaft des Weibes über ein anderes Weib. Jedenfalls versagt hier die Schimäre von der Frauensolidarität. Vielmehr schickt Sara ihre Magd zu Abraham, um sie vergewaltigen zu lassen. Abraham selbst spielt hier nur die Rolle des Beschälers, die ihm von den Frauen zugedacht wurde: er besteigt die Magd und zeugt den Stammvater aller Muslime.

Hier aber erzürnt mich die Auswahl des Bibeltextes ein weiteres Mal. Schließlich begründet er die Vorherrschaft des Islam als die einzig wahre Religion, die zumindest in den islamischen Ländern zur Tatsache geworden ist. Nach dem im Westen so euphorisch aufgenommenen Arabischen Frühling von 2011 wurden die letzten noch in arabischsprachigen Ländern verbliebenen Juden vertrieben. Die muslimischen Länder im Nahen Osten gelten seitdem nach nazideutschem Vorbild als judenfrei. Gleichzeitig wurden die mörderischen Angriffe auf die noch verbliebenen Christen intensiviert, so dass auch das Ziel, die letzten Christen aus deren ursprünglichem Stammland zu vertreiben, in absehbarer Zeit aufgegangen sein wird.

Zufällig folgt dieser Kirchentag dem islamistischen Bombenattentat von Manchester, zu dem sich die Isis bekannte und verlauten ließ: „Einer unserer Soldaten des Kalifats konnte einen Sprengsatz inmitten einer Ansammlung von Kreuzfahrern in Manchester platzieren“. Ja, so sieht es aus, wenn sich Ismael, der in diesem Kapitel der Genesis in die Welt tritt, sich mit Gewalt vor die Nase seiner Brüder setzt.

Ebenso folgt dieser Kirchentag dem gemeinsamen Besuch des Vorsitzenden der EKD Bischof Bedford-Strohm im Oktober letzten Jahres mit dem Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz Bischof Reinhard Marx auf dem Tempelberg in Jerusalem, bei dem beide Bischöfe ihre Amtskreuze ablegten, um sich den muslimischen Tempelwächtern anzubiedern, während gleichzeitig in den Ländern ringsum Christen verfolgt und massakriert wurden. Bischof Marx verwahrte sich danach mit nöligen Worten gegen den Vorwurf, er hätte mit seiner „Kreuzabnahme“ Christus und die derzeitigen Märtyrer verleugnet (siehe Link).

Gewiss sind diese zeitlichen Verschränkungen eine Zufälligkeit, doch christliche wie islamische Gläubige sehen wohl auch darin wie in allem Geschehen göttliches Wirken, da nichts auf der Welt ohne Seinen Plan abläuft. Schließlich wurde der Slogan: „Du siehst mich“, ja nicht aus exegetischer Unwissenheit gewählt und verkürzt. In unserer Erbbibel, die eine Großtante meiner Frau 1959 antiquarisch erwarb, lautet der Slogan beinahe noch buchstäblich wie heute: „Du Gott siehest mich“. Und damals hätte keiner aus diesem Text eine Prophezeiung der Entfaltung islamischer Vorherrschaft herausgelesen, obgleich bereits damals als Reaktion auf die Gründung des Staates Israel über eine Million Juden aus arabischen Ländern vertrieben worden waren.

Nun lautet der Vers in unserer Erbbibel auch etwas anders als heute:

„Und sie hieß den Namen des Herrn, der mit ihr redete: Du Gott siehst mich. Denn sie sprach: Gewiß habe ich hier gesehen den, der mich hernach angesehen hat.“

Dieser ältere Vers verdreht den heutigen Sinn des Kirchentagsmottos, der nach der aktuellen Bibelfassung das Gegenteil ausdrückt:

„Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.“

In der alten Version war es Hagar, die Gott zuerst erkannte und damit die theologische Pippi-Langstrumpf-Variante der heutigen postfaktischen Protestanten bereits vorwegnahm: Ich male mir die Welt, wie sie mir gefällt. Womit die Kirchentagorganisatoren allerdings wieder dort angekommen wären, wo alle Religion ihren Anfang nimmt, in postfaktischer Beliebigkeit. Sich eine ominöse Allgegenwart des Numinosen, sei es Gott, Allah oder Nirwana herbeizuphantasieren ist nun einmal der Anfang jedes Bruderkrieges, bei dem sich die Menschen mit dem Segen ihrer Priester gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Folgerichtig ist auch dieser evangelische Kirchentag ebenso wie alle Kirchentage zuvor, egal von welcher Kirche, ein verlorener Tag voll stumpfsinniger Re-Ideologisierung und Steuergeldverschwendung. Du siehst mich, ist jedenfalls für mich eher die Drohung eines voyeuristischen Gottes, dem es in seiner Allmächtigkeit zu öde wurde und der sich aus seinem subjektiven Kreißen heraus in der Schöpfung ein Objekt für seine Selbsterkenntnis schuf. Also eigentlich ein erbarmungsloses Schaffen, dass die Objekte seiner Schöpfung als Objekte beließ, die Er fortan wie in einem Schüttelglas beäugt, oder anders gesagt Seinem „himmlischen Missbrauch“ nachgeht.

Also empfehle ich, bleiben Sie bei dem Motto dieses Blogs „Sehen, was ist“. Folgen Sie ihm konsequent, erkennen Sie womöglich mehr, als Er in seiner Schöpfung je zu erkennen vermag, nämlich einen menschlichen krankhaft narzisstischen und wahnhaften Allmächtigen samt seiner Anhängerschaft.

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