In den Wind getrommelt

Wahnsinns Hausse © Matthias Mala

Wahnsinns Hausse © Matthias Mala

Auf meinen Neujahrsgruß, antwortete mir dieser Tage ein befreundetes Kollegenpaar. Ihre Antwort entrückte mich soweit, dass ich mich wieder an ein Ereignis am Ende meines Vorlebens erinnerte. Doch hier zunächst der Brief meiner Freunde.

 

Liebe Ruth, lieber Matthias,

wir haben uns noch nicht für Euren schönen, poetischen Neujahrsgruß bedankt und bitten um Nachsicht. Natürlich haben wir alle guten Wünsche gelesen, mussten diese dann aber zur Seite legen, damit wir über die Feiertage die neue Folge produzieren konnten. Am Montag haben wir „Die Zweite Natur“ versandt, das hat also geklappt.

Und nun beantworten wir eben verspätet die Neujahrsgrüße – für Euch mit einem ebenfalls pflanzenreichen Gedicht, welches in der neuen Folge aus guten assoziativen Gründen zitiert wird. Es ist von dem phänomenalen expressionistischen Dichter Ferdinand Hardekopf, eine subtile Variante eines Gedichtes von Hermann von Gilm, welches so beginnt: „Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, / Die letzten roten Astern trag herbei / Und lass uns wieder von der Liebe reden / Wie einst im Mai.“ Vertont hat es Richard Strauss. Also nun Ferdinand Hardekopf für Euch:

Ich stell dir hin die blassen Herbstzeitlosen,
Den letzten Schierlingszweig trag ich herbei
Und will, Canaille, wieder mit dir kosen,
Wie im Zigeunerkraut am dritten Mai.

Den Taumel-Lolch, dies nette Giftgetreide,
Den zarten Schwindelhafer rupf ich aus
Und winde dir, infame Augenweide,
Aus Hundstod und aus Wolfsmilch einen Strauß.

Im Fingerhut das reichliche Volumen
Digitalin (mein Herz, du kennst es schon),
Das pflück ich dir und Belladonna-Blumen
Und Bittersüß und dunkelroten Mohn.

Kennst du des Bilsenkrautes böse Gnaden?
Der Beeren Scharlachglanz am Seidelbast?
Und die Betäubung, dreimal fluchbeladen,
Die stachlig die Stramin-Frucht in sich faßt?

So nimm sie hin, die blühenden Narkosen,
Aus Nacht und Haß ein Duft-Arrangement,
Und stell es zwischen deine Puderdosen
Und die Parfumflacons von Houbigant.

Herzliche Grüße

 

Hierauf erwiderte ich meinerseits:

 

Danke, ihr beiden Lieben,

für dieses sinnverwirrende, letztendlich letale Gebräu. Ich denke, von dieser Essenz wird derzeit viel ins Trinkwasser gegeben. Jedenfalls meine ich, so wie sich die Menschen geben, befinden wir uns mal wieder in einer Hausse auf der Fieberkurve des Wahnsinns. Wobei ich mich davon vornehm nicht ausnehme; denn es ist ja sonst die Eigenart aller Wahnsinnsprognostiker, dass sie sich von der diagnostizierten Hirnfäule der anderen stets selbst ausnehmen. Jedoch nur solange ich mittendrin in dem Gebräu kollektiven Irrsinns schwimme, macht solche Feststellung Sinn, andernfalls wäre sie nur leeres Geschwätz blasierter Avantgardisten; also die vermeintliche Essenz rumorenden Spießertums. Doch was da so rumort, entfleucht am Ende nur als Faulgaswölkchen. Bei uns in Bayern nennt man derart von innerer Bedeutung aufgeblasene Figuren „Schoaßtrommln“. Ein leicht verständlicher Begriff, sobald man sich selbst mit den Fingerkuppen auf den sauerkrautgeblähten Bauch einen Durchmarsch trommelt.

In diesem Sinne, lassen wir den Wahnsinn – ach, ich meinte das neue Jahr – angehen.

Matthias samt Ruth

 

Nach Korrektur dieser Zeilen, erinnerte ich mich wie so oft an den Sommer 1978, als ich erstmals in Schwabing auf der Leopoldstraße meine Bilder verkaufte. Es war eine nicht minder närrische Zeit wie heute. Es war eine Zeit, in der ich dem Tode näher als dem Leben war. An meinem Bilderstand zogen Feministen vorbei, die sich selbst Hexen nannten. Ich verstand das nicht, warum man sich in einer säkularen Zeit mit den Opfern der Inquisition gleichsetzte. Heute verstehe ich das, weil Opfersein längst zu einer feministischen Kategorie geworden ist. Die zweite Generation der RAF setzte den Terror der Baader-Meinhof-Bande, die sich im Vorjahr in Stammheim selbst liquidiert hatte, fort. Anfang August wurde ein Brandanschlag auf das Cinema Rex in Abadan im Iran verübt, bei dem 430 Menschen starben. Gleichzeitig ereigneten sich noch 27 weitere Brandanschläge im Iran. Diese Attentate hatte Ayatollah Chomeini aus seinem französischen Exil heraus befohlen. Im gleichen Monat wurde Johannes Paul I., der Monatspapst, zum Papst gewählt. Er war der erste Papst, der auf seine Krönung verzichtete.

Ich sprach den Malerkollegen vom Nebenstand auf diesen Umstand an. Er sah mich erstaunt an, und meinte: „Ach, es gibt einen neuen Papst! Ich wusste gar nichts davon. Weißt du, ich lese keine Zeitung. Dieser ganze Krampf interessiert mich nicht. Ich schau zum Fenster raus und male. Das genügt mir.“

Ich war nun meinerseits erstaunt. Diese Selbstgenügsamkeit war mir fremd. Ich meinte damals noch, die Welt verändern zu müssen, ehe ich mich verändern könnte. Ja, und ich meinte, ich hätte dazu noch alle Zeit der Welt, bis mir dann im Herbst erstmals das Totenglöckchen läutete. Seitdem ändere ich die Welt dort, wo sie mir am nächsten ist, in mir. Und seitdem trommele ich den kollektiven Irrsinn, wann immer er mich anwandelt, auf meiner Schoaßtrommel in den Wind. Sprich ich lasse einen auf meinen und Euren, also auf unseren Irrsinn fahren …

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s