Friedhofsruhe

November © Matthias Mala

November © Matthias Mala

Totenkulte sind so verschieden wie die Kulturen und sie verändern sich ebenso wie diese. Ging ich als Jugendlicher noch in die Leichenhallen zum „Public Viewing“, um den aufgebahrten Toten in ihr blassgelbes Antlitz zu schauen, von denen mal Frieden, mal Agonie, mal Schrecken und mal ein letztes Lächeln abzulesen war, um den Tod zu verstehen, so ist das heute kaum mehr möglich. Einen Verstorbenen, offen zu zeigen, wird hingegen beinahe schon als Aggression, gegen ihn und die Teilnehmer seines Leichenbegängnisses verstanden. Jedenfalls blieb mir die Laune, über Friedhöfe zu schlendern. Den Tod muss ich indes schon lange nicht mehr in den Gesichtern von Leichen suchen und verstehen wollen. Denn dort findet man allenfalls nur Botschaften des Sterbens. Schließlich erkannte ich auf der Suche nach ihm, dass der Tod der Begleiter des Lebens und als solcher notwendige Voraussetzung für seine stete Wandlung ist, damit es eben nicht tödlich erstarrt.

Ein Spaziergang über Friedhöfe ist mir deswegen so angenehm, weil sie nicht so sehr begangen sind, außerdem sind Hunde ausführen und Fahrradfahren untersagt. Insbesondere letzteres ist für einen passionierten Spaziergänger wie mich recht angenehm. Dass dennoch Radler größere Friedhöfe queren, liegt daran, dass der Mensch, sobald er sein Verkehrsmittel wechselt, auch umgehend die speziellen, damit einhergehenden Flegeleien adaptiert, und es zudem schon lange keine Friedhofswärter mehr gibt. Eine Arbeit, die eigentlich bei dem inzwischen beinahe rosigen Mindestlohn wohl viele Bewerber fände.

Dafür kann man beim Gang über einen Friedhof tatsächlich etwas über den lebendigen Tod erfahren, und zwar in der Gestalt der Friedhofverwaltung, die sich zum allmächtigen Schnitter individueller Erinnerungen macht. Sie schurigelt die Hinterbliebenen, wo es nur geht. So sträubte sie sich über Jahrzehnte, Porträts Verstorbener an Grabsteinen zu dulden; nicht weil es begründet war, sondern weil man es konnte. Es war pure Chuzpe und Willkür; denn wieso ist heute etwas möglich, was noch vor wenigen Jahren als Untergang abendländischer Friedhofskultur galt – zumindest in München, denn auf dem Land war das schon immer möglich. Auch verfolgt sie die Idee des Friedhofs als einheitlichen Landschaftsgarten, weswegen dann Areale mit Grabsteinen gleich Reihenhaussiedlungen mit solchen aus Holzkreuzen einander abwechseln. Und wehe ein Angehöriger stellt bei den Holzkreuzen ein schmiedeeisernes auf, oder setzt einen gestalteten Brocken zu den uniformen Grabsteinen. Dann fletschen die Untoten der Verwaltung ihre skelettierten Zähne.

Zu Allerheiligen dieses Jahres spazierten wir über den Münchner Ostfriedhof. Es war ein sonniger herbstbunter Tag, so ganz ohne gruftige Nebelschwaden. Bei der Aussegnungshalle des Krematoriums war ein Plakatreiter aufgestellt. Durch ihn wurde man belehrt, dass wegen einem einheitlichen Erscheinungsbild der Urnenhallen, es streng verboten sei, Erinnerungsstücke, Zierrat, Blumen oder Kerzen zu den Urnen oder in die Urnennischen zu stellen. Begründet wurde es mit Brandgefahr. Allerdings sind die Urnenhallen allesamt aus festem Stein und außer Asche in Metalltöpfen und illegalem Zierrat nicht viel mehr vorhanden. Was also soll da brennen? Jedenfalls, so die Ankündigung, werde fortan jeder Schmuck, der die überwältigende Innenarchitektur einer Urnenhalle störe – also ausnahmslos jedes Erinnungsschnipsel und jedes Blümchen – sofort entfernt.

Na, wunderbar, so sieht der lebendige unselige Tod verdorrter Verwaltungen aus. Gestützt werden diese Wiedergänger von einem absurden Wust von Vorschriften und Gesetzen, die nur eins im Sinn haben, den Totenkult im Griff zu behalten und das Nachleben der Bürokratie in alle Ewigkeit zu sichern. Wahrscheinlich ging es ähnlich schon bei den Pharaonen zu. Damals konnte man auch sterben wie man wollte, nur zur Ruhe legen durfte man sich nur im Kontext priesterlicher Vorgaben, damit Einbalsamierer und Kanopenbefüller ihr Schärflein erhielten.

Einen Teil der Verordnungen und Vorgaben, wie man hier als Verblichener von Vater Staat noch bis zur Verbrennung und Verwesung umsorgt wird, habe ich hier vereint und verlinkt:

Verordnung über das Leichenwesen im Bereich der Landeshauptstadt München (Leichenordnung) – Link

Satzung über die Bestattungseinrichtungen der Landeshauptstadt München (Friedhofssatzung) – Link

Verordnung zur Durchführung des Bestattungsgesetzes des Freistaates Bayern – Link

Bayerisches Bestattungsgesetz – Link

Und selbst wenn wir verwest und kompostiert sind, und kein Knöchelchen von uns mehr in heimischer Friedhofserde liegt, hat man noch nicht seine Ruhe, genauer gesagt die lieben Nachkommen nicht. Denn die Grabmieten steigen in München nicht anders wie die Wohnungsmieten. Folglich werden die meisten Gräber nach Ende der Ruhezeit von zehn Jahren aufgelöst. Doch dann wiehert der Amtsschimmel noch einmal richtig laut. Derzeit korrespondiere ich schon seit einem halben Jahr, damit die Münchner Friedhofsverwaltung endlich ein Ahnengrab auflöst. Ich denke, es wir nochmal ein halbes Jahr dauern, bis der Grabstein umfällt und ins städtische Lapidarium verbracht wird.

Doch da lache ich mit Gevatter Tod, denn all diese Versuche, den Tod zu verstehen, scheitern schon an unserem Unvermögen, das Leben zu verstehen. Wir stolpern und stempeln gleich Blinden durch die wenigen Tage unseres Lebens – ein Hundertjähriger, überwiegend sind das Frauen und Generäle, bringt es auf 36525 Tage. Davon verbringen wir die ersten fünf Jahre in überwiegend infantiler Amnesie und die letzte Dekade meist in seniler Demenz. Doch in der verbliebenen wachen Zeit waren es vielleicht ein Dutzend Augenblicke, in denen wir das Leben – und mit ihm den Tod – für einen Wimpernschlag mit unserem ganzen Wesen und Sein verstehen durften. Diese kurzen Lichtblicke waren die Quintessenz unseres Daseins und womöglich Anstoß für eine etwas längere Nachdenklichkeit. Doch überwiegend verbrachten wir unsere Zeit im schleierhaften Dunst der Alltäglichkeit, mit Wichtigkeiten wie jenen: Welcher Frau hat Donald Trump den Po getätschelt? Oder bläst Madonna wirklich so gut, wie sie im Wahlkampf für Hillary Clinton behauptet hatte? (Quelle)

Deswegen sollten eigentlich zu jedem Totengedenktag Nebelwerfer auf den Friedhöfen aufgestellt werden, damit wir wenigstens einmal im Jahr auch bildlich an unsere Nachlässigkeit unserem eigenen Dasein gegenüber gemahnt werden und wie im scheinbar wahren Leben in dichten Schwaden über den Gottesacker tappen.

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3 Kommentare zu “Friedhofsruhe

    • Danke, mein Lieber. Wachsmalkreide und Ecoline, hier auf Schoelhammer Aquarellpapier. Sehr gute Effekte gibt es auch gibt es auch auf Lanavanguard von Lana, ein 100 % glattes Papier, eignet sich auch gut für Mischtechniken mit Faserstiften, es verleiht den Farben innere Brillanz. Hier das gleiche Motiv mit gleicher Technik auf Lana.

  1. ‚Lanavanguard‘ – noch nie gehört von dem Papier. Muss ich mal schauen. Aber zur Zeit ist mein Papierlager reichlich gefüllt. Jetzt müssen die weißen Flächen mit Motivation gefüllt werden. 😉

    Herzliche Grüsse,
    G.

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