Uniform

Uniform © Matthias Mala

Uniform © Matthias Mala

Kleiderordnungen gibt es seit jeher und aus vielfältigen Gründen. Die römischen Kaiser leisteten sich beispielsweise purpurne Togen, die vom Blut tausender Purpurschnecken gefärbt waren. Im Mittelalter mussten Juden, Huren und Aussätzige gelbe Kleider tragen, damit der brave Bürger einen großen Bogen um sie schlagen konnte. In der Mode uniformieren wir uns ohnehin und folgen ihrem Diktat, auch wenn es noch so unsinnig ist. So wunderten sich beispielsweise viele Frauen, als die Mode Bauchfreiheit verlangte, warum sie gerade in der unbekleideten Zone wieder Babyspeck ansetzten. Dabei war der Zuwachs ganz natürlich. Weil durch die Entblößung in diesem Bereich die Körpertemperatur sank, sorgte der Körper von sich aus für mehr Isolation. Anders vor 220 Jahren, als der Empirestil den Rokoko ablöste, siechten die Frauen dahin, weil die modebewusste Dame damals auch im Winter hauchdünne durchsichtige Kleider trug. Während sie sich noch wenige Jahre davor, im Rokoko, mit Bleiweiß als Schminke tiefe Narben ins Gesicht ätzten, als die Mode nach bleichem Teint verlangte. Aktuell gibt man viel Geld aus, um sich eine zerrissene Jeans zu leisten. Ein Irrwitz über den man aber erst in etlichen Jahren den Kopf schütteln wird. Indessen hatte eine Mode selten so lange Bestand wie zum Beispiel das dem Biedermeier entstammende Dirndl. Die Jeans ist dagegen erst seit rund 50 Jahren Trend und wird wohl kaum je zur Tracht werden.

Beim Militär war und ist die Uniformierung überlebenswichtig, damit man im Schlachtgetümmel seinem Feind und nicht seinem Freund den Schädel einschlug. Auch hat die Uniform für die Soldaten einen hohen Identifikationswert. Den Rock des Kaisers zu tragen, war einst Teil der Mannesehre und ist es unter Soldaten noch immer, auch wenn man sich inzwischen für Parlament und Vaterland die Uniform anlegt und sich in Lebensgefahr begibt. Nur im Gegensatz zum Kaiserreich ist heute auch die militärische Uniform aus dem Straßenbild verschwunden.

Fasching der Gesinnung

Wir kleiden uns nicht nur, weil es uns so gefällt, sondern weil wir über unsere Kleidung sozialen Status und Gruppenzugehörigkeit signalisieren. So braucht es nur wenig, um sich von der Masse abzugrenzen und an sich selbst zu erleben, wie Kleider Leute machen. Diese Absonderung geschieht vor allem durch jene, die uns betrachten und weniger durch uns selbst. Im Fasching schlüpfen wir verkleidet in eine andere Rolle. Doch da sich zu diesem Anlass immer weniger wirklich verkleiden, darf man annehmen, dass ihre Alltagskleidung auch ihre alltägliche Verkleidung ist. Sie bleiben uniformiert. Gerade deswegen ist jede Abweichung auffällig und verlangt vom Betrachter eine Positionierung in dem Sinne: Wie gehe ich mit dem Nonkonformen um?

Solange sich der Nonkonforme regelgerecht verhält, werden wir ihn dulden und als Exoten vielleicht sogar mögen; jedoch sobald er sich regelwidrig benimmt, werden wir unsere Duldsamkeit verlieren und ihn ausgrenzen. Aber auch der nicht Uniforme vermag sich bewusst abzusondern, indem er mit seiner Kleidung auch seine Weltanschauung offenbart. Dies geschieht vor allem im ideologischen Kontext, zwar ist die Zeit der Braun-, Blau- und Schwarzhemden längst vorbei, doch dafür gibt es Glatzen, Punks, Kutten und Kapuzenshirts, um seine politische Position sichtbar zu machen und sich gegebenenfalls ins Schlachtgetümmel des Straßenkampfes zu werfen.

Nicht anders ist es mit der religiösen Demonstration durch einen Habit. Nonnen und Mönche sind im Straßenbild selten geworden. Dafür sehen wir allüberall Frauen mit Hidschāb, Niqab, Çarşaf, Tschador oder Burka, also vom Kopftuch bis zur Vollverschleierung, die sich hierdurch sichtbar zum Islam bekennen, während gleichzeitig das öffentliche Tragen einer Kippa, der jüdischen Gebetsmütze, für ihre Träger auch hierzulande lebensgefährlich geworden ist.

Orange City oder Mekka für alle

In den 80er Jahren, als Bhagwan – der spätere Osho – weltweit zahlreiche Anhänger rekrutierte, kam es zu einem Wechsel im Straßenbild, indem es zahlreiche orangefarbene Einsprengsel gab. Seine Anhänger nannten sich Sannyasins trugen rot-orange Kleidung und eine Holzperlenkette mit dem Bild des Bhagwan um den Hals. Es war eine Bewegung spirituelle Erkenntnis suchender Mittelständler, die sich so gewandete. Nachdem in Bayern die ersten Lehrer im orangenen Gewand vor ihren Klassen standen, sah das Kultusministerium darin eine stille Indoktrination der Schüler. Es verbot diese spezielle Tracht in der Schule. Kurz darauf erledigte sich dann das Thema von selbst, da der Bhagwan es seinen Sannyasins freistellte, wie sie sich kleideten.

Jedenfalls ist die modische Uniformierung stets ein Zeichen der Anpassung und damit auch ein Appell, dem Modediktat und der Bekundung zur Assimilation zu folgen. Ebensowenig weicht die religiös oder politisch gewählte Uniformierung von dieser stillen Absicht ab. Sie ist zum einen Erkennungszeichen und Symbol des Zusammenhalts im Sinne von: „Du bist auch einer von uns, wir halten zusammen!“. Zum anderen ist sie auch ein Moment der Indoktrination und Missionierung. Der religiöse und politische Habit wird nicht aus modischen Gründen getragen, sondern aus Überzeugung und aus dem Willen heraus, überzeugen zu wollen. Er ist ein Bekenntnis – und je nach Religion ein aggressives und politisches dazu.

Machen wir uns nichts vor, so gut wie jede Religion ist seit jeher mit der politischen Macht verbunden und will es auch bleiben. Religion sucht die Nähe zur Macht, wie umgekehrt. Und Macht haben bedeutet, die Majorität und das Sagen in einer Gemeinschaft und besser noch im ganzen Land zu haben. Derzeit erleben wir, wie Buddhisten in Birma die muslimische Minderheit unterjochen und aus dem Land verjagen. Ebenso erleben wir, wie in der arabischen Welt, die bis zu Mohammeds Erscheinen überwiegend christlich geprägt war, die letzten verbliebenen Christen verfolgt, ermordet oder vertrieben werden. Während dort 2010 die letzten noch ansässigen Juden mit der Jasminrevolution – auch arabischer Frühling genannt – vertrieben oder ermordet wurden. Seitdem sind die arabischen Länder für die verbliebenen Muslime endlich judenfrei.

In die eigene Suppe brocken

Steht womöglich ein obsessiv spiritueller Impuls dahinter, dass man, sobald man vom Objekt seiner transzendentalen Beschauung erleuchtet und geistlich transformiert wurde, auf den Marktplatz stürmen muss und seine Mitmenschen an seiner Erweckung teilhaftig werden zu lassen. – Ich denke ja, der Impuls ist beinahe zwingend. Denn es genügt schon, zu beobachten, mit welch fanatischem Eifer harmlose Esoteriker ihre Engelsbotschaften und Weltbilder verbreiten. Der Kern dieser Botschaften ist immer gleich: denkt, betet und handelt wie ich, und die Welt wird friedlich. So halten es auch die Ideologen aller politischen Himmelsrichtungen. Sie wollen einen Echoraum schaffen, in dem alle im geistigen und geistlichen Gleichschritt marschieren. Ihre Motivation beruht indes nicht auf Glaubensgewissheit, sondern auf tief verborgener Glaubensunsicherheit. Denn jeder, der sich ernsthaft der mystischen Schau, der Kontemplation, anheim gibt, hadert letztlich mit dem Offenbarten. War es wahre Transzendenz? Oder doch nur transzendentale Vibration? Ist die Erleuchtung Einbildung oder Wirklichkeit?

Also braucht es Bestätigung durch vielfaches Bekenntnis. Wenn nicht nur ich an das Offenbarte glaube, sondern auch mein Nachbar und dessen Nachbar, dann muss es wahr sein. Und wer sich der Offenbarung widersetzt, dem setze ich solange zu, bis er sich unterwirft. Denn wer sich widersetzt, beleidigt mich und meine Erleuchtung und letztlich das Höchste, die sich offenbarte himmlische Jenseitigkeit.

Das ist das Spiel. Wir Menschen spielen es schon seit Anbeginn unserer Schöpfung. Wir spielen es friedlich, solange wir in der Minderheit und schwach sind. Wir spielen es aber auch ebenso blutig, gerade weil wir in der Minderheit und schwach sind. Und wir spielen es überhaupt am liebsten blutig, sobald wir die Macht dazu haben. Im Namen Gottes haben wir uns stets die Schädel eingeschlagen; und unser Gott betrachtete uns dafür mit Wohlgefallen und hob uns letztlich ob unserer Schandtaten noch in den Himmel.

Darum sage ich: Weg mit allen religiösen Symbolen, weg mit jeder religiösen Uniformierung aus der Öffentlichkeit. Macht im Privaten, was privat ist. Und Religion ist privat – Politik leider noch nicht. Religion und Ideologien lassen sich bedauerlicherweise ebensowenig verbieten wie die Dummheit. Aber man sollte ihnen keine öffentliche Plattform bieten. Wer ein wirklich spirituelles Leben führt, der wird schon von sich aus mit sich und seinem Zweifel wie mit seiner Glaubensgewissheit privat bleiben. Der braucht keine Kirche, keine Moschee, keinen Tempel und vor allem keine Religion und keinen Gott. Denn Er – was immer er auch sein mag – ist viel zu weit, als dass wir ihn je auf uns reduzieren könnten …

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s