Weiße Orchidee

weiße Orchidee © Matthias Mala

weiße Orchidee © Matthias Mala

Sanfter Wind streicht durch die Pappelreihe, die den Feldweg säumt. Ein munteres Rascheln liegt in der Luft, wir blicken auf. Silbrig grünes Laub flittert und flüstert, als wollte es uns ein Geheimnis mitteilen. Wir verlassen die halbe Allee und wandern über die offene Wiese. Milde Wärme der Abendsonne umfasst uns, unsere langen Schatten begleiten uns über die sattgrünen Matten. Goldenes Licht liegt über dem Land. Es ist ein gottvoll lauer Abend nach einem heißen Tag.

An ein paar Halmen in der Wiese haben sich Dutzende von Kohlweißlingen versammelt. Es scheint, als blühte inmitten der Wiese eine weiße Orchidee. Die Falter verharren nur kurz unbewegt, dann schlagen sie unhörbar mit ihren Flügeln, ohne vom Halm zu flattern. Ihre Bewegung gleicht dem Spiel der Pappelblätter; nur wechselt hier der Farbton zwischen Silber und Weiß. Wir verharren eine gute Weile und beobachten das Spiel. Weitere weiße Schmetterlinge kommen hinzu, doch keiner flattert davon. Schließlich spazieren wir auf das Dorf zu, die Schmetterlinge bleiben zurück als weiße Orchidee im Wiesengrund …

So selten haben wir einen Blick für unsere Umgebung. Meist sind wir in Gedanken oder lenken uns mit einem Smartphone ab. Und wenn wir es einmal ausschalten und wirklich unsere Mitwelt betrachten, dann denken wir uns überwiegend, was wir sehen. Der hat schwarze Haare; die trägt kurze Hosen; der Hund hechelt; die Bahn ruckelt; die Sonne ist heiß; es riecht nach Schweiß im Bus; warum nur sind alle Fenster zu?; ach, wäre ich nur zu Hause geblieben! In dieser Weise plappern wir in Gedanken nach, was wir sehen, was uns bewegt, was wir empfinden, ja selbst unsere Gedanken, werden wiederum zum Gegenstand unserer Nachdenklichkeit, so dass wir von der Welt nicht minder entrücken, als wischten wir über ein Smartphone rauf und runter.

Vermeintlich besonders spirituelle G‘scheithaferl empfehlen uns Gedankenstille, damit wir wieder einen Sinn für uns und unsere Umwelt entwickeln. Doch folgt man ihrer Empfehlung bekommt man nur einen Riesenknoten ins Hirn. Denn dann denkt man, das man besser nicht denken sollte, und dass die Nachdenklichkeit darüber bereits ein Denken ist, das denkt, und uns somit ins Denken zwingt, von dem wir eigentlich loslassen wollen. Also denken wir den Ouroboros, indem wir uns ein ums andere Mal in den Schwanz unseres Gedankenwurmes beißen.

Wer nicht denkt, dissoziiert – meistens -, und das ist alles andere als ein gesunder Gemütszustand. Darum empfehle ich eher: vergessen Sie das Denken und seine Kontrolle. Verlassen Sie sich darauf, dass Sie aufmerksam sind. Meistens sind Sie nämlich aufmerksam und durchaus wach für das, was um sie vorgeht. Während dieser Aufmerksamkeit bemerken Sie auch rasch, wenn Sie Ihre Wahrnehmung gedanklich verplappern. – Mehr müssen Sie auch nicht tun. Denn mit dieser Wahrnehmung finden Sie schon wieder zum Schweigen zurück und sehen, was ist. Das ist alles.

Ich habe kein Foto von den Kohlweißlingen auf den Grashalmen geschossen, da ich weder Smartphone noch Fotoapparat mit mir trug. Für den ersten Moment bedauerte ich es, doch im nächsten Augenblick war ich froh darum, denn so trug ich den Zauber des Bildes vom Schmetterlingsabend mit mir fort, was ich als eine Bereicherung empfand. Und jetzt, wo ich dies niederschreibe schwingt der Zauber erneut in mir. Ich muss ihn nicht denken, er steigt in mir auf, belebt und berührt mich, als stände ich wieder in der Wiese im goldenen Abendlicht. – Derweil knacken in der Küche die Deckel der gerade eingeweckten Chilis, und der Duft ihrer würzigen Schärfe belebt meine Sinne zusätzlich in der Wirklichkeit, so verbinde ich kontemplierend zwei Welten und meine Gedanken flüstern dazu leise wie Pappellaub …

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Ein Kommentar zu “Weiße Orchidee

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