Immergleich

Südfriedhof © Matthias Mala

Südfriedhof © Matthias Mala

Das Radio läuft. Launig erzählt jemand, wie ein Abt vor mehr als tausend Jahren Straßen in den Wald bauen ließ, um die Rodungen voranzutreiben. Zugleich fällt mir dazu ein, wie diese braven Mönche Wotaneichen abholzten, um die Machtlosigkeit der heidnischen Götter zu demonstrieren. Manch einer dieser Mönche bezahlte zwar seinen Frevel mit dem Leben, doch wurde er darauf zum Märtyrer und Heiligen. Gleichzeitig assoziiere ich zu islamischen Märtyrer, nach denen heute Moscheen und Schulen benannt werden. Doch zurück zu den Mönchen, die in den Lebensraum der Heiden eindrangen, ihnen ihren Glauben aufdrängten und im Gegenzug ihre Rituale und Bräuche übernahmen und umdeuteten. Damit verschwand deren Kultur, und wer sich dennoch dem neuen Glauben verweigerte, büßte mit seinem Leben. So löste unsere christliche Kultur die heidnische ab. Und weiter dachte ich, was hier so launig erzählt wurde, wird in anderer Weise in China erzählt, wo man aktuell die Kulturrevolution und Mao heroisiert. Der millionenfache Mord und die herrschsüchtige Vereinnahmung der Gedanken durch die revolutionären Garden, unterscheiden sich prinzipiell nicht von den Untaten der Mönche, Mullahs und allen anderen Missionaren, die die Menschheit mit ihren Ideen beglücken wollen. „Denkt so wie ich und alles wird gut“, so die immer wiederkehrende Begründung der wahnhaften Menschheitsbeglücker.

Derart motiviert wurden im Laufe der Menschheitsgeschichte Abermillionen Menschen ermordet und Männer in Kriegen verheizt. Allein um einer Religion oder Ideologie wegen, kehrten wir Menschen den Leviathan, das satanische, alles vernichtende Ungeheuer in uns, heraus. Napoleon, Hitler, Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot heißen die modernen Monster. Und es gibt noch unzählige andere, deren Möglichkeiten zum Genozid nur beschränkt blieben; zum Beispiel Harry S. Truman, der im Namen des Friedens und der Gerechtigkeit Atombomben über Hiroshima und Nagasaki auf Zivilisten werfen ließ, nur weil sie in einem geografisch idealen Testgebiet lebten, um die Effizienz der Bombe zu erproben.

So assoziierte ich weiter von gefällten Wotaneichen zum niemals stillstehenden Wahnsinn menschlichen Strebens nach der besseren Welt. Mithin dachte ich darüber nach, wie sich heute wieder die politischen Lager im eigenen Land gegenseitig denunzieren und befehden, so dass man gar einen Bürgerkrieg befürchten muss, in dem sich die Gutmenschen auf beiden Seiten der Front mit reinem Herzen gegenseitig massakrieren würden.

Und wir Menschen lernten bislang nichts dazu, nichts aus der Geschichte, nichts aus der Psychologie und nichts aus dem großen Ozean der Weisheit, den das spirituelle Gewerbe für uns alltäglich wogen lässt. – Da gibt es seit Jahrzehnten Schülerreisen nach Ausschwitz, und zurück kommen erschütterte Kinder, die bald erwachsen, das böse Spiel in kleiner doch gleicher Weise fortführen, indem sie Gruppen ausgrenzen und zumindest verbal vernichten wollen. Das faschistische Verhalten von einst setzt sich so unbedacht fort. An ihm sind zudem aktuell so gut wie alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligt. Die Linken, die Rechten, die Feministen, die Hooligans, die Sektierer, die Priester und Homöopathen und so weiter und so fort. Weswegen jüngst eine neue, vom Bundesjustizminister angeregte, private „Zensurbehörde“ eingerichtet wurde, die den Machthabern ungenehme Meinungen auf Facebook löschen lässt, obgleich es im Art. 5,1 GG unmissverständlich heißt: „Eine Zensur findet nicht statt.“

Folglich frage ich mich in meiner Beschauung des alltäglichen Wahnsinns weiter: Müssen wir uns das gefallen lassen? Müssen wir uns – Sie und ich – von irgendwelchen Menschen, die meinen, gerademal die Guten zu sein, sagen lassen, was richtig und falsch ist, was wir zu denken und zu sagen haben? Und vor allem, müssen wir ihnen folgen? Offensichtlich scheint es ein Mem oder Folgsamkeits-Gen oder ein noch unentdecktes Spiegelneuron, quasi ein Uniformierungsneuron, zu geben, das uns zum Gleichschritt und zum vorauseilenden Gehorsam zwingt.

Jedenfalls fasziniert mich in diesem Zusammenhang schon seit jeher die Tatsache, dass mit Beginn der Hitlerei, die meisten Deutschen einander statt mit Grüß Gott oder Guten Tag mit Heil Hitler grüßten. Dabei stand niemand hinter ihnen, der sie zwang, noch gab es eine Grußverordnung oder wurde bestraft, falls man beim gewohnten Gruß blieb. Der weitere Irrsinn war, dass man schlagartig mit dem 9. Mai 1945 kein Heil Hitler mehr zu hören bekam. Der Spuk war vorbei, als wäre er nie gewesen. Es war einzig und allein, die Anpassungsbereitschaft jedes einzelnen, der ihn dazu zwang, sich dem Diktat der Massenmeinung zu unterwerfen.

Ein banales Beispiel für diesen vermeintlichen sozialen Druck, der sich in Echoräumen noch erhöht, in denen man seine Meinung mit vielen teilt und bestätigt erhält, will ich hier skizzieren: Der Schriftsteller und Arzt Hanjo Lehmann, schrieb anlässlich der Debatte des Bundestages zur Sterbehilfe im November letzten Jahres ein, in biblischem Zorn verfasstes, Gedicht an die Abgeordneten. Daraufhin wandte sich die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende indigniert an den Vorsitzenden der Gewerkschaft ver.di Frank Bsirske, weil Lehmann seinen Brief als Mitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller unterzeichnet hatte, dem er zugehört. Als Reaktion darauf warfen Bsirske und Eva Leipprand, die Vorsitzende des zu ver.di gehörenden Schriftstellerverbandes, Lehmann vor, den Eindruck erweckt zu haben, dass er im Namen des Verbandes deutscher Schriftsteller gesprochen habe, und beantragten vor dem Landgericht Berlin eine Unterlassung gegen ihr vorlautes Mitglied.

Damit versuchen die beiden Gewerkschaftsfunktionäre in vorauseilendem Gehorsam, ein Mitglied mundtot zu machen und ihm einen möglichst großen finanziellen Schaden zuzufügen. Ihr Verhalten ist beschämend und unwürdig. In dieser Weise aber setzt sich einmal mehr das immergleiche Dumme und Böse durch, indem sich Menschen fügen, noch ehe sie gekrümmt wurden. Und beide Funktionäre sind Menschen, die sich zu den Guten rechnen, nicht umsonst sind sie Mitglieder der grünen Partei, die immer alles richtig macht und besser weiß, auch wenn sie mal Straffreiheit für Kinderschänder forderte, da sie die Täter mit den Opfern verwechselte. Kann ja mal passieren …

Allerdings möchte ich auch jetzt auf den spirituellen Schlenker am Ende meiner Betrachtung nicht verzichten: Das Immergleiche wird sich erhalten und fortsetzen, solange wir uns ihm unterwerfen und anpassen und nicht erkennen wollen, dass sich das Dumme und Böse hierdurch unser bemächtigt.

Und solange wir Religionen und Ideologien folgen, haben wir schon verloren. Und solange wir uns einbilden, wir könnten durch unsere besseren Ideen die Welt verbessern, werden wir nur das Immergleiche fortsetzen. Die Welt wird nicht besser, solange wir sie verbessern wollen, solange wir anderen hierzu predigen oder die Untaten der Immergleichen relativieren und lindern, indem wir mit ihnen das Gespräch suchen. Ebensogut könnten wir der Katze predigen, das Mausen sein zu lassen.

Nein, die Welt wird allenfalls besser, wenn wir aus dem Immergleichen aussteigen und unseren Weg gehen, der uns nicht von anderen vorgesagt wurde. Dies ist keine einfache Wanderung, denn wir können und werden uns irren. Deswegen sollten wir stets den Zweifel hegen. Nur so können wir unser Tun tiefgreifend reflektieren. Tiefgreifend bedeutet, unter die Oberfläche zu schauen, und unser eigentliches Motiv erkunden. Folgen wir dieser Kontemplation, werden wir meist sehr genau erkennen, was richtig oder falsch ist. Solange wir dabei das Falsche bedingungslos als falsch erkennen, werden wir auf unserem Weg bleiben und Führung erleben. Ich erlebe diese Führung gerade jetzt persönlich wieder einmal in beunruhigender Deutlichkeit, und es fügen sich Ereignisse, die ich so nicht einmal zu denken wagte. Dieses Erleben macht mich ein ums andere Mal still und demütig. Mit der Demut aber kehrt so viel Frieden in mich ein, dass ich der alltäglichen Narretei des Immergleichen gelassen zusehen kann, ohne wirklich davon berührt zu werden.

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