Geistlose Geschwätzigkeit

Wahrheit © Matthias Mala

Wahrheit © Matthias Mala

Treten wir durch stille Betrachtung unseres Seins und Mitseins in jene Sphäre über, in der die Betrachtung nicht mehr die unsere, sondern scheinbar eine fremde ist, also in jenen geistigen Ausnahmezustand der Mystiker ein, in dem sie von ihrer Mitwelt schlicht für irre gehalten und womöglich später heiliggesprochen wurden, dann … Dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder wir verstummen, weil uns das Unermessliche überwältigte, oder aber wir werden geschwätzig und beginnen, wie Pfingstler zu stammeln, indem wir das Unermessliche in die begrenzte Dimension der Worte zwängen wollen. Was dabei herauskommt, vermitteln uns die Religionen seit einer gefühlten Ewigkeit.

Kündete doch Johannes mit dem ersten Satz seines Evangeliums in gnostischer Manier von der Macht des Wortes: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“. Und er erzählt weiter, wie der Seelenfunkenfischer, der Archont Jesus Christus, auf die Erde niederkam, um die erleuchteten Pneumatiker und noch verdunkelten Psychiker ins Licht zurückzuführen, aus dem sie einst Luzifer lockte. Ja, Christus fuhr nach seinem Martertod in die Hölle hinab, um dort die Seelenfunken zu befreien und kam schließlich als Erlöser für 40 Tage zurück, ehe er in den Himmel auffuhr. Der Schädel Adams am Fuß des Kreuzes weist als Ikone auf diese Großtat des Archonten.

Doch was wollte der Evangelist damit andeuten? Dass Gott sich angesichts seiner Fülle und seines Lichts nicht mehr selbst genug war und deshalb seine Erleuchtung in einem Schwall erbrach, wodurch er sich ein glitzerndes Heer aus Sternenstaub geborener Seelen zur Gesellschaft schuf, die sich allerdings kometenhaft verloren und erst wieder sorgsam eingefangen werden mussten? Oder rügt er gar Gott ob seiner Geschwätzigkeit, durch die er all die Wirrnis in die Welt blabberte?

Jedenfalls scheint es dem Menschen in seiner Gottesebenbildlichkeit eigen zu sein, dass er besonders affektgeladenes Geschehen kaum beschweigen kann, sondern darüber zwanghaft ins Schwätzen gerät. Denken wir nur an die Attentate vom 9. September 2011. Die Sondersendungen darüber wiederholten in einer Dauerschleife den Aufprall der beiden Flugzeuge in das World Trade Center. Dazu wurden die Bilder immer wieder neu besprochen. Es war ein atavistisches Ritual, durch das sich das magische Potential unserer Psyche entlud. Das Unfassbare sollte durch wiederholte Worte und Bilder fassbar werden. Nur veränderten sich dadurch die Bilder nicht, es blieb der immergleiche Film. Doch durch die Worte bekam er von Minute zu Minute immer neue Konnotationen, die über die Zeit den Bildern einen Sinn unterlegten, der seinerseits alle nachfolgenden Gewalttaten begründete. So wie der Begriff Nine-eleven zum Mem respektive Trigger wurde, der den gesamten historischen Komplex um die Attentate vergegenwärtigt.

Ebenso verschwindet die kontemplative Gegenwärtigkeit. Sie wird konserviert und hierdurch von ihrem lebendigen Zusammenhang gelöst. Zurück bleibt etwas mumienhaftes, das nur noch eine entfernte Ähnlichkeit mit dem, uns zuvor so erfüllendem, Erleben zu tun hat. Das Erleben transzendentaler Unmittelbarkeit ist verblasst wie ein altes Foto.

Mystik und Kontemplation sind damit zerredet und erledigt. Spiritualität wird zwischen zwei Buchdeckel gepresst oder in ein Blog gestellt, wo es dann, wie dieser Beitrag auch, abgedreht werden kann. Das seltsame, ja das ver-rückte daran ist, dass die meisten sich mit derlei Gespinst zufrieden geben, ja es gar für bedeutende Fülle halten. Dabei verdecken sie mit derlei Euphorie nur ihr Unvermögen, das geistliche Entzücken unmittelbarer Schau, schweigend und schauend, in sich wirken zu lassen. Sie bleiben somit leere verschlossene Gefäße, und meinen, dass das Etikett darauf den Inhalt macht.

Ein in lebendiger Beschaulichkeit verankerter Mystiker hat allerdings damit nichts gemein. Er oder sie weiß um die Verblendung spirituellen Wissens und vermeintlicher Gnosis. Er bleibt ein offenes Gefäß, überquellend von der Fülle zeitloser Ekstase. Freilich, nichts davon ist seins …

 

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2 Kommentare zu “Geistlose Geschwätzigkeit

  1. Ich drehe bei Nachrichtensendungen oft den Ton ab um „nur“ die Bilder auf mich wirken zu lassen. Ohne Kommentare (egal mit welchem politisch-propagandistischen Hintergrund) kommt man dem Gehalt oft viel näher.

    Zum Johannes-Evangelium – einige Forscher halten es für ein Konstrukt der katholischen Kirche um damit das Thomas-Evangelium auszuhebeln. Aber das wäre jetzt wieder eine völlig andere Geschichte. Dafür fehlt uns jetzt eine Stunde Zeit. 😉

    Fröhliche Ostern!
    G.

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