Vergebliche Vergebung

Vergebung © Matthias Mala

Vergebung © Matthias Mala

Vergib jenen, die dir arges angetan haben, damit auch Gott dir vergeben kann. So die Botschaft des Neuen Testamentes (Mt 18,21-35). So auch die Botschaft aus der alternativ esoterischen Psychoszene. Wer nicht vergeben will, wird dort zum Täter wider den Täter. Er belastet sein Karma und schädigt mit seiner Unversöhnlichkeit die eigene Seele. Tausend Wiedergeburten als Fruchtfliege oder schlimmer noch als Peitschenwurm in einem lichtlosen Gedärm stehen ihm bevor, ehe er als gewöhnlicher Sünder wieder reinkarnieren kann. – Sie sehen schon, ich halte es nicht mit den Säuslern, die mit Kreidestimme den Opfern von Gewalttaten empfehlen, ihren Peinigern zu vergeben, um ihren Seelenfrieden wiederzufinden. Als besonders übergriffig empfinde ich es, wenn sich dieserart Vergebungsnötigung im Rahmen einer öffentlichen Familienaufstellung vollzieht. Ist eine Familienaufstellung gemeinhin schon unstrukturierter und in ihrer Aussage noch beliebiger als eine Kaffeesatzleserei, so ist ihre öffentliche Darbietung schlichte Missachtung der Intimsphäre aller Betroffenen.

Ja, ich halte die Aufforderung an ein Opfer, seinem Täter zu vergeben, für unanständig. Ebenso halte ich die Vergebungsrethorik des Christentums für scheinheilig und täterorientiert. Da erschuf der Demiurg mit dem Menschen ein unvollkommenes Wesen, das Er bewusst der Sünde aussetzte und es nach dem provozierten Sündenfall aus dem Himmelreich verbannte. Danach schickte Er, ganz Patriarch, seinen Sohn ins Diesseits, um den „Sündern“ zu vergeben, die Er zuvor zur Sünde verleitet hatte; frei nach dem Motto: Ich vergebe euch, was ich euch angetan habe. Gleichzeitig ließ Er ihn grausam foltern, um letztlich mit dem durch ihn überwundenen Tod seine Allmacht zu demonstrieren. Im Grunde war dieses Arrangement nur ein narzisstischer Zauber, mit dem Er die Tatsache verschleierte, dass Er keinen Schritt auf seine Geschöpfe zugegangen war und sie niemals um Vergebung für das von Ihm verschuldete irdische Leid gebeten hatte, das sie ganz menschlich mannhaft, jedoch nicht klaglos, trugen.

Und mit welcher Vehemenz Er seine Geschöpfe zwang, seinem als Täter unredlichen Versöhnungsangebot zuzustimmen, indem Er den dritten Teil seiner dreifaltigen Immanenz, den Heiland, ein schwaches, aber durchaus bedrohliches Gleichnis verkünden ließ. Es endet mit dem Schluss: „Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.“ Also wird der Dreifaltige jeden martern, der Ihm nicht vergibt. – Ich frage mich nebenbei auch, inwieweit das mit der Gottesebenbildlichkeit zu tun haben mag, die ja der eigentliche Schöpfungszweck gewesen sein soll. Denn verglichen mit Seinem Gebaren, wäre der Mensch gar vollkommener als sein Schöpfer. Denn ganz allgemein gilt es als sittlich, dass der Täter zunächst Reue zeigt und Buße tut, ehe ihm sein Opfer vergeben kann. Zudem gilt die Forderung nach Vergebung von Seiten des Täters prinzipiell als ungehörig. Er muss sich in Demut üben und Buße tun, bis ihm durch das Opfer verziehen wird. Ein Täter, der sein Opfer drängt, verletzt es nur ein weiteres Mal.

Doch betrachtet man die christliche Pflicht zur Vergebung mit den Augen einer zur damaligen Zeit üblichen Stammesgesellschaft, so macht sie durchaus Sinn. Denn für einen Klan, in dem jeder auf jeden angewiesen ist und man deswegen nur im Konsens mit den angestammten Hierarchien agieren kann, ohne die Gemeinschaft zu gefährden, ist eine zeitnahe Vergeltung zwingend, will er seinen Zusammenhalt nicht durch schwellende und unbereinigte Konflikte gefährden. Vergebung zu fordern, ja zu erzwingen, war damals ein notwendiges Instrument der Befriedung. Daran erinnerte Christus mit seinem Gleichnis.

Dieser Anspruch auf Vergebung war bis zur Renaissance auch gängiger Brauch, um ernsthafte Konflikte zu bereinigen. So waren handfeste Auseinandersetzungen damals gang und gäbe. Erschlug dabei jemand seinen Gegner, so wurde von ihm ein Bußgeld erwartet. Und um allgemein sichtbar zu machen, dass die Tat vergeben wurde, musste der Totschläger noch einen Sühnestein setzen. Der Täter hatte dabei einen Anspruch auf Vergebung, wenn er in dieser Weise die Folgen seiner Tat sühnte.

Christi Gleichnis weist aber auch noch auf einen anderen Umstand, denn die von ihm gestiftete Sekte war eine gnostische Vereinigung. Demnach ging es Christus nicht um eine Versöhnung mit der alten jüdischen Gottheit, dem Demiurg; denn dieser galt als der Herr der Finsternis. Dafür galten die Menschen, die dem Heiland nachfolgten, als göttliche Wesen. Ihre Seelen waren die Lichtfunken, die Christus heim ins Himmelreich zum Vater führte. Somit waren sie in der Tat die besseren Wesen, als sie der Schöpfergott einst formte. Hier erst macht sein Gleichnis Sinn. Denn dann gilt die eingeforderte Vergebung dem Gott gleichberechtigten, eine göttliche Seele beherbergenden Menschen. Die begangene üble Tat ist zweitrangig. Sie bleibt ein in irdischer Finsternis verhaftetes Fehlen. Die eingeforderte Vergebung gilt einzig der zu erlösenden Seele. Und wer sie verweigerte, bände das himmlische Licht weiter an die Finsternis und schädigte damit sich und seinen nächsten. Ja, er würde in irdischer Umnachtung den Bund mit Gott verletzen; denn erst wenn alle Seelenlichter befreit sind, wäre Christus Mission erfüllt und die Welt wieder strikt und ewig in Licht und Finsternis geteilt.

Derlei eingeforderte Vergebung aber funktioniert nur, solange das Opfer zur Vergebung verpflichtet bleibt und im Falle seiner Weigerung geächtet wird. Es ist fürwahr eine Täterperspektive, die hier eingenommen wird. Sie ist als Haltung vielfach gegenwärtig. Neben der Selbstgerechtigkeit des Einzeltäters und seiner Schuldzuweisung an sein Opfer ist sie vor allem ein eingeübtes Ritual bei kollektiver Täterschaft.

Der Täter geht auf sein Opfer zu und bietet ihm ungebeten seine Entschuldigung an. Der Anstand verpflichtet darauf das Opfer, wenn auch widerwillig in die gereichte Hand einzuschlagen. Die Deutschen, wie auch die Österreicher, sind so vorgegangen und haben die Aussöhnung mit Israel und den im Zweiten Weltkrieg überfallenen Völkern gesucht. Es war zum einen eine über Jahrzehnte hinweg eine selektive Aussöhnung, zum anderen aber fehlte außer in Fensterreden ebenso über Jahrzehnte hinweg der Wille zu einer inneren Aufarbeitung und Reue. Die vielen Nazi-Parteigenossen, die in den Regierungen, Parlamenten und Verwaltungen beider Länder zu Amt und Würde gekommen waren, sprechen für sich. Hier wurden die ehemaligen Opfer im Zuge einer größeren politischen Option vereinnahmt. – Dieserart Vereinnahmung folgte im Grunde den Regeln der Vergebungspflicht der alten Stammesgesellschaften zu Christi Zeiten. Diese Haltung gleicht aber auch der unwilligen Entschuldigung, die ein Angeklagter in einem Strafprozess dem Opfer seiner Schandtat gegenüber ausspricht; wohlwissend dass seine Worte seine Strafe reduzieren. Nur selten liest man, dass ein Opfer diese Floskeln zurückgewiesen hat. Auch hier wirkt die christliche Vergebungspflicht zulasten der Opfer.

Doch betrachtet man die Leidensgeschichte eines Opfers aus dessen Perspektive, erfährt man, dass es mit dem Vergeben eben nicht so leicht ist, wie es sich der Täter oder ein esoterischer Säusler wünscht. Das Opfer kann die Schmach der erlittenen Tat nicht so ohne weiteres von sich geben. Vor allem dann nicht, solange es an den Folgen der Tat leidet, solange der Schmerz und der Schreck in ihm haust und sein Leben beschränkt. Vergibt es, solange es den Schmerz noch in sich trägt, verletzt es sich selbst; denn es handelt gegen sich selbst. Dieserart Vergeben erlaubt auch keine wirkliche Versöhnung; womit letztlich auch dem reuigen Täter nicht geholfen ist. Solche Vergebung ist vergebens.

Wahrhaftige Vergebung setzt zwar die Reue des Täters voraus, doch ist sie nicht die zwangsläufige Folge auf dessen Buße. Denn so manche Tat kann ein Opfer sein Leben lang nicht vergeben, da sie ihm in die Seele eingebrannt oder in den Leib geschrieben wurde. Wer schwer traumatisiert oder verstümmelt ein Verbrechen überlebt, wird die Folgen der Tat seiner Lebtag nicht mehr übersehen können. Er kann sie beim besten Willen nicht weggeben oder zurückreichen. Hier gibt es keine Vergebung.

Das zu verstehen ist für beide Seiten wichtig. Für den Täter, damit er sein Opfer nicht drängt. Und für das Opfer, damit es zu sich steht, solange es Vergebung ausschließt. Es ist weder Hartherzigkeit noch Rachsucht, wenn ein Opfer nicht vergeben kann. Ein solches Opfer verdient ebenso wie das vergebende uneingeschränkten Respekt.

Was bleibt, ist verzeihen. Wer nicht mehr zeiht, hat verziehen. Verzeihen heißt, nicht mehr zu bezichtigen, nicht mehr Schuld zuweisen. Die Schuld wird aufgelöst und Befriedung ist möglich. Hier spielt auch der Faktor Strafe mithinein. Einem Täter, der seine Strafe verbüßt hat, vermag man eher zu verzeihen, als einem, der sich seiner gerechten Strafe entzog. Ein anderer Faktor, der verzeihen ermöglicht, ist die Zeit, weswegen im Strafgesetzbuch auch das Institut der Verjährung vorgesehen ist.

Hat man verziehen, schulden Opfer und Täter einander nichts mehr. Durch verzeihen aber ist das Erlittene nicht zwingend vergeben. Denn ob und wann ein Opfer dem Täter auch vergibt, ist und bleibt seine ganz eigene Angelegenheit. Zudem braucht es dazu den Täter nicht, sondern es macht das allein mit sich selbst aus, sobald die Umstände es ermöglichen, die erlittene Verletzung ab- und wegzugeben.

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3 Kommentare zu “Vergebliche Vergebung

  1. Es gibt Sachen die kann man nicht vergeben und selbst ein Verzeihen ist schwierig.
    Analog zu der Erkenntnis – wenn der Klügere immer nachgibt, trampeln die Idioten weiterhin auf ihm herum.

    • Wie wahr mein Freund … Jiddu Krishnamurti meinte einmal: Und wenn Ihnen einer auf die Backe schlägt, halten Sie ihm dann die andere hin? … Schön, dumm müssten Sie sein!

  2. Mein Lieblingsspruch zu diesem Thema:

    „Forgiveness means, giving up all hopes for a better past“ (Jack Kornfield)

    Mit herzlichem Gruß
    Marianne

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