Ein guter Mensch

Memoria Robert © Matthias Mala

Memoria Robert © Matthias Mala

Letzte Woche haben wir Robert begraben. Er war 77 Jahre alt. Ich kannte Robert seit fast 40 Jahren. Robert war gewissermaßen eine Institution in den Sucht-Selbsthilfegruppen. Die ersten zehn Jahre seiner Sauberkeit stand er noch unter Vormundschaft, da die Psychiater damals nicht annehmen konnten, dass er noch zu einem selbstständigen Leben fähig sein würde. Doch Robert blieb sauber und seine geistige Gesundheit verfestigte sich immer mehr. Robert ging seit seiner Entlassung aus der Psychiatrie mehrmals in der Woche in Selbsthilfegruppen, um weiterhin ein stabiles Leben zu führen. Am Ende starb er sauber. Er war Jahrzehnte clean gewesen.

Robert war ein guter Mensch; denn er ging verdammt ehrlich mit sich um. Er stand zu seinen Schwächen. Litt an jenen, die er nicht aufgeben konnte, und freute sich über jede, die er überwand. Er war in einem mystischen Sinn gläubig und voller Demut gegenüber seiner Höheren Macht. Er wusste, dass er nicht der Meister seines Lebens war, sondern einer geistlichen Führung unterlag. Er vertraute auf diese Höhere Macht und wusste aus Erfahrung, dass sie ihn zur rechten Zeit im erforderlichen Maß befähigen würde, sein Leben weiterhin dem Heilen zuzuwenden. So schritt er stets achtsam für sich und seine Umgebung auf dem Weg der Genesung voran. Dennoch blieb er, schon aus den früher erlittenen Misshelligkeiten heraus wehrhaft für seine Person; was ihn zu einem charakterstarken Menschen machte.

In den Selbsthilfegruppen saß er für sich und seine Sauberkeit. Er missionierte nicht, beschwatzte niemanden, seine Drogensucht aufzugeben. Er war kein Retter. Er war da und sprach, wenn er teilte, über sich und seine Suchterkrankung und seine Schwierigkeiten, ein sauberes Leben zu führen. Er sprach dabei in einfachen Sätzen tiefe Wahrheiten aus. Hierdurch gab er anderen Süchtigen, die ihre ersten Schritte auf dem Weg der Sauberkeit begannen, eine klare Orientierung. Viele erreichte er damit. Sie wurden nach ihrer Begegnung mit Robert sauber, und ebenfalls wertvolle Mitglieder der Gruppen.

Es war sein schlichtes Hiersein, seine unverkennbare Sauberkeit und seine gelebte Wahrhaftigkeit in Wort und Tat, die ihn für seine Freunde zu einem Vorbild machten. In dieser Weise rettete er vielen einstmals akut süchtigen Menschen das Leben, indem er ihnen beispielhaft vorlebte, dass ein Süchtiger, trotz schwerer drogenbedingter geistiger und körperlicher Schädigungen durch die Sauberkeit seinen Frieden finden und ein glückliches Leben führen kann. – Robert war ein spiritueller Mensch und ein Seelenheiler; weit mehr als er selbst erahnt hätte, hätte er diese Anmutung für sich zugelassen. Aber um dies zu können, war er zu bodenständig und zu demütig; denn er wusste: Hochmut kommt vor dem Fall, und fallen wollte er kein weiteres Mal.

Zu seiner Beerdigung war von der Familie nur noch sein Bruder anwesend, der Rest war schon vor ihm gegangen. Dafür war die Kapelle bis auf den letzten Platz gefüllt mit gut hundert Freunden, die ihm mit dem Bruder das letzte Geleit gaben. Als ich dem Bruder kondolierte, weinte er, vor Schmerz über den Tod des Bruders, aber auch über Roberts Glück, dass er so viele Freunde besaß, denen er so viel bedeutete. So vollendete sich das Leben eines Weggefährten, dem ich ebenfalls meine Sauberkeit mit zu verdanken habe.

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4 Kommentare zu “Ein guter Mensch

  1. Lieber Matthias, dies ist ein wunderschöner Text, weil er vom Menschen handelt, in seiner Kleinheit und seiner Größe. Weil Dir keine Sprüche aus der Feder fließen, sondern weil du zu uns sprichst. Es ist schön, dass man für solches Sprechen einen Blog benutzen kann. Es ist schön, dass auch diese Technik menschlich ist, wenn sie von Menschen benutzt wird.
    Grüße! Uwe

  2. Lieber Matthias,
    ein äusserst gelungener und empathischer Nachruf. So wird er mir in Erinnerung bleiben.
    Danke & viele Grüße
    Markus

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