Auf ein Wort von Gott zu Gott

Von Gott zu Gott © Matthias Mala

Von Gott zu Gott © Matthias Mala

Er reiste durch Indien, um Erleuchtung, Erkenntnis oder wenigstens ein noch tieferes Wissen von Transzendenz zu gewinnen. Er fragte sich weder vorher noch nachher was Erleuchtung, Erkenntnis oder Transzendenz sein könnten, denn er wusste es zu jeder Zeit, schließlich war er auf dem Weg. Was er wirklich suchte, sich aber nicht selbst zugestand, war Bestätigung. Gleichwohl verstand er sich als ein durch und durch spiritueller Mensch; deshalb konnte man mit ihm auch reden über was man wollte, spätestens mit dem dritten Satz war er bei seinem Thema: das Höhere Selbst und die göttliche Liebe.

So innerlich gefestigt traf er auf verschiedene Gurus, um ihnen zuzuhören, sie zu befragen und nach ihrer Zustimmung zu heischen. Dabei traf er überwiegend auf seltsame Gestalten. Der eine zeigte billige Zaubertricks, die andere massierte vorwiegend das dritte Auge ihrer Besucher, der nächste bat um eine Million Euro, um die Welt zu retten, wieder ein anderer empfahl Haschisch zu rauchen, bis man sich übergeben musste und dergleichen Absurditäten mehr. Selbstverständlich durchschaute er all die Verdrehtheiten der Gurus, aber er erkannte bei jedem auch die Essenz seiner Botschaft und achtete sie darob; quasi nach dem Motto: Er ist zwar ein Lump, doch er besitzt ein großes, weises Herz.

Schließlich traf er auf einen Guru, der ihm eine Stunde Audienz gewährte, und dabei kein einziges Wort sprach. Er blickte ihn nur unverwandt schweigend an. In dieser Stunde durchlief er alle möglichen Zustände. Mal war er verlegen, mal peinlich berührt; mal war er wütend, mal erschien ihm alles lächerlich; mal meinte er, erleuchtet zu sein; mal wähnte er sich strohdumm, und dergleichen Phasen mehr. Während diesem Wechselbad der Gefühle und Eindrücke sah er sich in einer seltsamen Art und Weise bloßgestellt. Dabei war er der einzige Zeuge dieser Enthüllung. Jedenfalls kannte er die Welt der Gurus gut genug, dass er auch diese schweigsame Unterredung als dürftigen Trick durchschaute; dennoch war er von dieser Begegnung am nachhaltigsten beeindruckt. Und wann immer er später davon erzählte, war seine Irritation über das Erlebte immer noch hörbar.

Eine schweigende Kommunikation ist zunächst einmal nicht mehr als der Anstoß zu einem inneren Monolog. Er verläuft jedoch anders, wenn dieser Monolog einer Person gegenüber geschieht, die uns aufmerksam zugewandt ist, als wenn wir ihn meditierend vor einer kahlen Wand führen. Die Zuwendung eines anderen Menschen versetzt uns in Dialogbereitschaft. Wir treten daher auch mit dem schweigenden Gegenüber in einen Dialog. Wir beobachten den Schweigenden, reagieren auf seine Mimik und Haltung, wie auch auf seine anscheinende Offen- oder Verschlossenheit. Gleiches geschieht umgekehrt. Freilich besitzt ein solcher Dialog keine Tiefe. Er bleibt im Grunde ein Monolog.

Wir können aber auch in schweigende Kommunikation mit der Welt treten, indem wir sie betrachten und diese Betrachtung weiter zu einer Kontemplation vertiefen, in der wir nur sehen, was ist. Wir sehen die Welt vor uns und sehen uns dabei in stiller Betrachtung. Das ist was geschieht. Und wir sehen allmählich weiter, wie sich unser Blick auf die Welt verändert, wie wir von der stillen Beschreibung von Farbe, Licht und Bewegung, zu einer stillen Schau gelangen. Wie wir dabei die Welt aufnehmen und uns zugleich an die Welt entäußern. Wir beginnen, uns in unserer Schau zu vermischen. Die Grenze zwischen dem Gegenüber, dem Du der Welt, und uns verwischt. Die Welt rückt in uns, und wir rücken in die Welt hinein. Wir schauen, dass ist, was ist. Die Welt und wir sind eins geworden.

Diese Form der Kommunikation ist weder Monolog, noch Dialog, sondern sie wird zum Unilog. Das Daseiende kommuniziert. Nicht mit sich selbst und auch nicht mit uns, sondern omnituentem, das heißt allschauend, und omnipräsent. Dies ist die intensivste Kommunikation mit dem Höchsten. Sie ist ein Schöpfungsakt für sich. Denn die Welt wird sich selbst wahr. ‑ Mehr lässt sich darüber nicht sagen. Also schweige ich.

Das Schwerpunktthema der neuen Connection spirit (9-10/15) lautet „Wie Sprache Welten erschafft“. In diesem Heft finden Sie auch einen Beitrag von mir: „Vom Schwätzen und Schweigen“. Sie können diesen Beitrag auch in der Inhaltsvorschau auf der Internetseite von connection.de nachlesen. Über diese Seite können Sie auch das aktuelle Heft bestellen. 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s