Mouches volantes

Mouches volantes © Matthias Mala

Mouches volantes © Matthias Mala

Viele Jahre schon legen wir uns zum Baden stets an dieselbe Lichtung am See. Es ist ein lauschiges Plätzchen, etwas abgesondert von den weitläufigen Liegewiesen rundherum. Ich mag es, auf dem Rücken liegend in den Himmel zu schauen und den Schwalben und Mauerseglern beim Tanzen und Gleiten zuzusehen. In den letzten Jahren wurden es immer weniger Vögel; dieses Jahr sind es nur noch vereinzelte, die ab und an im Himmel kreuzen. Dafür sehe ich nun die Mouches volantes deutlicher. Es sind feine Verklumpungen im Glaskörper des Auges, die einem tanzende Punkte, Figuren und Schleier im Himmel oder vor hellen Flächen sehen lassen. Schließe ich abwechselnd die Augen, veränderte sich dieser trügerische Tanz.

Jahr um Jahr waren es auch weniger Insekten, die uns auf unserer Wiese umschwirrten. Kaum noch Mücken, Fliegen oder Bremsen. In den letzten Jahren sah ich überhaupt keine Bremse mehr, deren Stiche ich besonders unangenehm empfand. Auch Bienen, Spinnen, Ameisen und Käfer sind rar geworden. Selbst die Wespen, die dieses Jahr angeblich eine Plage sein sollen, sind erheblich weniger geworden.

Schwimme ich heute in den See hinaus, schwimmen keine Bienen oder Käfer mehr auf dem Wasser, die ich früher, manchmal rettete, indem ich sie mir aufs Kopfhaar setzte und ihnen so einen Start zurück an Land ermöglichte. Auch am Abend fliegen kaum noch Fledermäuse, die einst den Reigen der Schwalben in der Dämmerung fortsetzten, wenn wir uns auf den Nachhauseweg machten.

Großflächig versprühte Eiweißgifte gegen die Brut und Lichtfallen gegen das schwirrende Ungeziefer haben die Insekten überall dezimiert und den Schwalben und Fledermäusen die Nahrung genommen. Nun können wir die Landschaft ohne lästige Insekten, ekliges Gekrabbel und schmerzhafte Stiche genießen; können unbehelligt bis spät nachts im Freien sitzen und den Touristen eine mückenfreie Sommerfrische bieten. Auch an den Scheinwerfern und Windschutzscheiben klebt selbst nach einer längeren Fahrt kaum mehr ein totes Insekt. – Und das alles ist so unbemerkt geschehen, dass es meine Mitwelt erstaunt, sobald ich sie darauf aufmerksam mache.

In ähnlicher Weise scheint die Liebe aus der Welt verdrängt worden sein. Sie findet längst ebensowenig Raum und Nahrung wie ein Mauersegler. Sie ist nutzlos. Sie lässt sich nicht handeln oder gewinnbringend als Illusion an Gäste verhökern. Sie bleibt wertlos wie eh und je. Ja noch schlimmer, sie lässt sich weder erdienen, noch halten, sie war stets nur ein Geschenk oder besser noch eine Begnadung. Man musste für sie offen sein und sie in Demut erwarten. Und obwohl sie die ganze Welt durchwirkte und aus himmlischer Fülle strömte, blieb sie zu allen Zeiten rar unter den Menschen. Sklaverei und Frondienst, Krieg und Armut sowie allgegenwärtige Hartherzigkeit merzten sie aus, ließen ihr kein Zuhause in den Herzen und in den Tempeln und Kirchen schon gleich gar nicht. Dort wo Liebe gepredigt wurde, war sie nur ein Surrogat, um die Enttäuschten ein weiteres Mal zu täuschen und auszubeuten. Den Lieblosen war sie ein billiges Geschwätz und den sich nach ihr Verzehrenden war sie ein Objekt, ein Fetisch, um ihr miserables Leben zu erhellen. Nur wenige waren von der Liebe berührt und wurden darob zu Ausgestoßenen, denn sie widersetzten sich den Gepflogenheiten und den leeren Worten. Und sprachen sie dazu gar noch von der lebendigen Liebe, die sie trug und mit aller Unbill versöhnte, so blieben sie unverstanden, und man nannte sie die Schwätzer statt der wahren Schwätzer.

Noch liebloser ist es heute hierzulande. Die Sorgen um unser alltägliches Brot sind im Gegensatz zu einst bescheiden geworden. Anteilig weit mehr Menschen als früher leben in gesicherten Verhältnissen. Und dennoch bleiben unsere Herzen verschlossen. Wir wischen die Liebe beiseite, wie eine Nachricht auf dem Smartphone. Wisch und weg, und archiviert für später, irgendwann einmal, falls wir die Liebe in einem Anfall romantischer Weltverbundenheit mal kurz aktivieren wollen.

Doch wenn wir die Liebe so gründlich aus unseren Herzen gewischt haben, verliert sich ihr Raum, er verödet und wird zur Wüste. Wir werden darauf in einem reizarmen deprivierten Zustand verharren und nicht mehr imstande sein, den Hauch der Liebe um uns zu entdecken. Wir werden dann auch den Begriff der Demut ebensowenig wie den der Gnade verstehen; da wir nicht mehr wissen, wie wir uns für das Heilige, das uns berühren mag, vorbereiten können. Ja, wir haben uns längst verschlossen und sind nicht mehr bereit, uns für die Inkarnation der Liebe in uns zu öffnen. ‑ Da bleibt jede Schöpfung aus. Da ist jede Schöpfung am Ende.

Ein Himmel ohne Schwalben. Ein Herz ohne Liebe. Wir verlieren uns. Sehen wir dies ohne wenn und aber, mag die Liebe vielleicht noch eine Chance haben, uns zu erreichen. Vielleicht reagieren wir darauf und schalten die Lichtfalle in unserem Garten ab. Vielleicht erkennen wir dann, dass wir ebenso die Geschöpfe sind, für die die Liebe weht …

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