Regelungen

Regelungen © Matthias Mala

Regelungen © Matthias Mala

Er wollte für seine verstorbene Frau einen schönen Grabstein setzen. Im Lapidarium eines Steinmetzes fand er ein schmuckes Exemplar aus dem Jugendstil. Dieser besondere Grabstein würde dem Andenken an seine Frau gerecht werden; entsprach er doch auch ihren Vorstellungen, die sie bei vergangenen Friedhofsgängen geäußert hatte. Also beauftragte er den Steinmetz, den alten Stein wieder herzurichten und mit einem neuen Epitaph zu vollenden. Der Grabstein wurde errichtet und die Familie fand, dass es eine traute Grabstätte geworden sei.

Indes verweigerte das Friedhofsamt seine Zustimmung zur Grabgestaltung, denn in diesem Sektor des Friedhofes durften keine antiken Grabsteine neu gesetzt werden. Er widersetzte sich dem Ansinnen des Amtes, den Grabstein zu entfernen. Doch letztlich musste er den Grabstein nach einem Rechtsstreit gegen einen neuen austauschen. Die Regeln der Friedshofssatzung kannte nun mal keine Ausnahme.

Unser Leben ist geregelt. Bereits vor der Geburt, ja, selbst wenn wir noch nicht einmal gezeugt wurden, greifen Gesetze, und selbst über den Tod hinaus, solange wir nicht zu Staub geworden sind, unterliegen unsere Überreste irgendwelchen Bestimmungen, die unsere Nachkommen beachten müssen. Solange wir lebendig sind, gibt es keine Lebensphase, in der wir nicht von Regelungen betroffen sind, die uns lenken oder schützen sollen. Doch damit nicht genug, ohne Unterlass fahnden wir nach ungeregelten Situationen, die wir einer Regelung zuführen können. Ich unterlasse es an dieser Stelle bewusst, weitere Beispiele über die Friedhofssatzung hinaus aufzuzählen; schließlich habe ich es allzu oft erlebt, sobald ich eine Regelung verlachte, dass irgendein Mitmensch gerade diese Regelung zu verteidigen begann. Etliche verteidigen Regelungen selbst dann, wenn sie sie ihrer Lebtag nicht betreffen werden, da sie Regelungen per se als die segensreiche Eindämmung jedes erdenklichen Chaos verstehen.

Mag auch die Welt aus dem Chaos entstanden sein, so ist es eben ihr schöpferischer Impetus, das Chaos zu überwinden. Folglich sind es neben den Naturgesetzen die menschengemachten Gesetze, die die Schöpfung vollenden, auch wenn gerade diese Gesetze ihrerseits die Welt in chaotische Zustände zurückstoßen. Die stete Belebung von Chaos wäre demnach eine Notwendigkeit, deren Entfaltung wiederum auf vorangegangener Regelung basiert. Ohne Regel also keine Schöpfung. Keine Schöpfung ohne Chaos. Kein Chaos ohne Regel. Das würde implizieren, dass der Zustand vor dem Urknall einer absoluten Ordnung entsprach. Durch welchen Umstand auch immer geriet diese absolute Ordnung, um ein Bit in Unordnung. Irgendwo war in dem Nichts des tragenden und sich selbst erhaltenden Urzustandes eine Nichtigkeit zu allen anderen Nichtigkeiten um eine Nichtigkeit verschoben. Diese Verschiebung war ursächlich für die Instabilität des Nichts, aus der heraus das Chaos entstand.

Aber es könnte ebenso sein, dass der Zustand vor der Schöpfung absolut anarchisch war, dass es überhaupt keine Ordnung gab, sondern die absolute Unordnung. Nichts galt, nichts folgte irgendeinem Gesetz. Alles war ebenso gültig wie ungültig, oder ebenso hell wie dunkel, oder ebenso oben wie unten. Jeder Wert war sich zugleich sein Gegenwert; das Gleichgewicht von Materie und Antimaterie, also das materielle Nichts – das absolute Chaos eines vorzeitlichen Nichtseins. Seltsamerweise entsprach dies aber auch einer absolut chaotischen Ordnung! Und durch irgendeinen fatalen Umstand verschob sich das absolute Chaos um eine chaotische Nichtigkeit, und es entstand ein Bit reguläre Ordnung, worauf sich das Chaos zu ordnen begann und sich diese Ordnung in einem Urknall fortsetzte und solange fortsetzen wird, bis die Welt an ihrer eigenen Ordnung in absoluter Erstarrung zerbricht.

In diesem Sinne ist jede Ordnung und Regelung in ihrem Endzweck destruktiv. Zerstörung und Zerfall wären also höchst lebendige Eigenschaften. Sie allein führten zurück zum Chaos, da sich das Chaos selbst mangels Struktur nicht destrukturieren kann. Am Ende aller Regelung, in der absoluten Erstarrung, konterkariert sich der stete Ordnungsprozess selbst, indem er der absoluten letztgültigen Regelung eine weitere Regelung zufügt, durch die sich das gesamte Regelwerk im vollkommenen Chaos auflöst.

Ob so oder so, allein das Chaos ist der frühlingshafte Zustand des Seins. Es ist sein Anfang und sein Ende. Es ist der Ouroboros, die sich selbst verzehrende und wieder ausspeiende Weltenschlange, der sich als der Puls der Äonen, immer wieder selbst erschöpft und schöpft.

Lenke ich diese Kontemplation auf eine lebendige spirituelle Perspektive um, ergibt sich für mich ein Plädoyer zur Eigenständigkeit. Eigentlich wollte ich sagen: zur Anarchie. Allerdings vermeide ich diesen Begriff, da ihn die meisten Menschen mit Gesetzlosigkeit und Gewalt verbinden und nicht als freie Vereinbarung freier Menschen verstehen. Auch können und wollen sich die meisten Menschen ein Leben unter diesem Motto nicht vorstellen.

Sprechen wir darum von Eigenständigkeit und fragen uns: Können wir ein eigenständiges spirituelles Leben führen? Denn offensichtlich können wir ob der abertausenden von Gesetzen und Vorschriften, die unseren Alltag von der Wiege bis zum Grab regeln, schon längst kein eigenständiges profanes Leben mehr führen. In diesem Sinne sind wir Schräubchen in einer globalen Mensch-mach-was-Maschine, die da fordert: Lerne, arbeite, konsumiere und sterbe. Sie fordert nicht einmal mehr im biblischen Sinne: Seid fruchtbar und mehret euch.

Bleibt uns also nur die Option auf ein eigenständiges spirituelles Leben. Eigenständigkeit bedeutet dabei vor allem, durch eigene Erkenntnis – sprich durch Selbsterkenntnis – einen Sinn für das Transzendente zu entwickeln, auf dass wir für die geistliche Ebene erreichbar werden. Das bedeutet, auf jede geistliche Autorität zu verzichten, keiner Religion und keiner okkulten Einflüsterung zu folgen. Denn eine mystische Verbindung entsteht ohne Vermittler. Da sind nur das Namenlose, das Zeitlose und Meins. Ja, Meins, da ist kein Ich, da ist keine Person, noch weniger persönliche Erfahrung. Da ist nur der Raum, in dem ich bin und der weiter als mein Ich reicht. Der Raum und meine Anwesenheit sind Meins. Und diese semantische Undeutlichkeit in Verbindung mit luftiger Irrationalität bilden die metaphysische Sphäre, in der alles Chaos zur Ordnung kommt, sich das Mandelbrotsche Apfelmännchen in alle Richtungen dupliziert und doch niemals gleicht.

Und in dieser Emanation findet im antiken Sinne das Gespräch der Götter statt. Denn einst meinte man, der Mensch sei das Gespräch der Götter; womit wir also erst dadurch Existenz erlangen und Schicksal erleiden, weil man im Pantheon über uns spricht.

Doch auch diese Vorstellung verwerfe ich, behandele sie aber als ein gelungenes Bild, das mystisches Erleben skizziert. In dieser Sphäre formt sich auch die Sinnlichkeit für transzendente Führung. Und wer diese Form der Führung jemals auch nur erahnt hat, der kann mit den Göttern über die kleinkarierten weltlichen Regeln nur noch lachen. Er ist zu einem freien Menschen geworden, den kein irdisches Gesetz mehr zwingen kann. Denn er ist nicht mehr wirklich von dieser Welt.

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