Wellness

Wellness © Matthias Mala

Wellness © Matthias Mala

Nach dem Yoga in einer körperwarmen Saline bei Sphärenklängen schweben. Danach einen Fruchtsaftcocktail vom Bio-Obst. Im Tepidarium findet man Entspannung. Anschließend geht es zur ayurvedischen Massage, die mit einer Hot-Stone-Massage aus angewärmten Halbedelsteinen gekrönt wird, damit die Chakren kreisen und mit ihnen der Energiefluss pulsierend strömt. Ein leichtes Abendessen, ein Gespräch über Achtsamkeit beim spirituellen Coach. Schließlich schlafen auf naturbelassenen Matratzen, mit einem Kräuterkissen unterm Kopfkissen. Der nächste Morgen beginnt dann mit einem Sonnengebet und einer Mediation. Und der Tag setzt sich in selbstverständlicher Leichtigkeit fort. Man hat sein Leben verlangsamt, man kommt zu sich, tankt Energie und findet wieder Sinn im Leben. Denn man rückt dem Transzendenten ja so nah.

Das ganze nennt sich Wellness. Ich nenne es Lifestyle-Kitsch! Früher sagte man dazu Wohlfühlen, aber Wohlfühlen ist zu banal, verkauft sich nicht so gut ‑ wie ein Anglizismus. Und Wellness verkauft sich sehr gut: auf über 70 Milliarden Euro wird der Jahresumsatz in Deutschland geschätzt. Warum aber Wellness überwiegend mit Anleihen aus der Esoterik oder Spiritualität vermarktet wird, hat etwas mit der Einstellung ihrer Kundschaft zu tun. Um in einem Wellnesshotel ein paar Tage abzuhängen, braucht man schon einige Hundert überflüssiges Geld. Man muss also schon zum Mittelstand zählen, wenn man den Flow während einer Wellnessbehandlung erleben möchte. ‑ Und der Mittelstand ist in hohem Maße esoterisch infiziert. Weiterlesen

Kainsmal

Kainsmal © Matthias Mala

Kainsmal © Matthias Mala

Ein Schandmal für eine schändliche Tat. Ein Kainsmal. Es bedeutet, meide diesen Schuft, geh ihm aus dem Weg, lass dich nicht mit ihm ein. Der biblische Gott markierte so Kain, damit ihn niemand etwas anhaben sollte; denn die Strafe, mit seiner Schmach zu leben, sollte Kain lange erhalten bleiben. Ja, sein Gott wünschte ihm ein langes Leben, um seinen Brudermord ausreichend zu sühnen. Ja, mehr noch, Er verstieß ihn in das Land der Wiedergänger, in das Land Nod, was wörtlich bedeutet „ruhelos umherwandern“. Somit sühnte Kain als Untoter über seinen Tod hinaus.

Das moderne Kainsmal ist das Führungszeugnis. Es listet erfolgte Verurteilungen auf. Doch es kennt auch – anders als Gott – Gnade und Vergessen. Nach einer gewissen Zeit werden die Schandtaten im Register gelöscht. Das Kerbholz ist wieder geglättet.

Doch das Kainsmal findet sich auch in anderer Weise, nämlich als ein Zeichen unverschuldeter Schande. Der Markierte wird zum Gegenstand moralischer Empörung, denn er weist durch sein Dasein in beschämender Weise auf die Schuld seiner Mitwelt und das Unrecht, das ihm durch sie angetan wurde. Der Markierte wird so zum Mal ihrer Schändlichkeit. Allein durch seine Sichtbarkeit weist er auf die Täter und ihre scheinbar unbescholtenen Kumpanen. So empfanden nach dem Zweiten Weltkrieg viele Deutsche die „Displaced People“ (DP) ‑ das waren durch Krieg, Verfolgung und Internierung heimatlos gewordene Menschen ‑ als ein Zeichen ihrer Schande, da sie durch sie an ihr eigenes schuldhaftes Handeln und Mitläufertum erinnert wurden. Die Anwesenheit des Verfolgten in ihrer Nähe, war ihnen darum ein Greuel. Weiterlesen