Zeitfinder

Zeitlassen © Matthias Mala

Zeitlassen © Matthias Mala

Früher war alles besser! Wir kennen diese Klage, seit es eine erinnerte menschliche Vergangenheit gibt. Doch was nützt die Klage. Die guten alten Zeiten sind weg, verloren, nicht mehr auffindbar. Die Zeit ist eine andere geworden, und sie wird altern und dabei zu einer besseren werden.

Zeit schwindet, sobald man sie beobachtet, und sie verliert sich völlig, wenn man sie festhalten möchte. Zeit ist Bewegung. Was sich nicht bewegt ist zeitlos, und was zeitlos ist, ist tot – oder Ewigkeit. Doch selbst der unbewegte Beweger, der aristotelische Ursprung der Welt, bewegt sich in seiner Unbewegtheit.

Und obwohl, uns wie aus einem Jungbrunnen stets neue Zeit zufließt, geht uns in dieser Zeit die Zeit verloren. Zeitverlust ist etwas ganz arges. Längst gibt es im Verkehrsfunk minutengenaue Staudurchsagen, damit man seinen Zeitverlust einplanen kann.

Als ich das zum ersten Mal im Radio hörte, dachte ich: Zeitverlust? Liegt jetzt die Zeit wie verlorenes Transportgut auf der Autobahn herum? Wer soll sie aufsammeln? Und warnt man uns auch davor, falls sich der Zeitverlust durch ungünstige Winde verklumpt und auftürmt und hierdurch zum Verkehrshindernis wie „toter Fuchs auf der Autobahn …“ wird?

Zeit kann man ja nur verlieren, solange man sie hat. Hat man jedoch Zeit, hat man genug von ihr, so dass man sie gar nicht verlieren kann. Andererseits schreien die am lautesten, dass sie ihre Zeit verlieren, die keine Zeit haben. Zudem, wenn man Zeit verlieren kann, dann müsste man sie auch finden können. Nur davon, habe ich noch nie etwas gehört. – Zeit ist offensichtlich ein paradoxes Gut.

Ja, Zeitnehmen, das kenne ich. Ich weiß zwar nicht, wovon man sie sich nimmt, denn Zeit kann man nicht sparen, auch wenn immer wieder davon gesprochen wird. Oder haben Sie schon mal von einer Zeitsparkasse gehört? Auch auf Zeitkonten mit Zeitguthaben, die es in so vielen Firmen gibt, wird keine Zeit gehortet, sondern sie erlauben es einem allenfalls, sich Freizeit für vorgeleistete Arbeitszeit zu nehmen.

Nein, ich habe mir noch nie wirklich Zeit genommen. Was ich jedoch gerne mache, ist, mir Zeit zu lassen. Denn das ist das schönste Zeitparadox, je mehr Zeit ich mir lasse, desto mehr Zeit habe ich.

Es ist schon seltsam mit der Zeit. Sobald ich sie mir lasse, fließt sie mir zu. Sobald ich versuche, sie anzuhalten, entrinnt sie mir. Insofern besitzt die Zeit alle Eigenschaften eines Koans. Solange man um sie eifert, entzieht sie sich einem. Sobald man sie aber sein lässt, was sie ist, bewegt sie sich mit einem; und dabei scheint sie erst auf, wenn wir sie messen. Gehen wir zeitverloren durch die Welt, lässt sie uns ziehen; auch wenn sie uns im nachhinein die vergangene Weile exakt verrät, sofern wir diese bestimmen wollen.

Gleichwohl bleibt sie ein relatives Phänomen und das physikalisch wie psychisch. Ereignet sich viel in einer Spanne, scheint die Zeit zu rasen. Blickt man jedoch am Ende der Spanne zurück, scheint die Zeit sich übermäßig zu dehnen. Genau umgekehrt verhält es sich, wenn sich wenig ereignet. Dann kriecht die Zeit im Schneckentempo dahin. Blickt man aber zurück, scheint sie rasend schnell vergangen zu sein.

Was also tun mit seiner Zeit? Am besten gar nichts! – Genauer gesagt, sich möglichst wenig um sie sorgen. Die Zeit vergeht so oder so oder auch nicht. Es ist einzig die Bewegung in Verbindung mit der Schwerkraft, die Zeit ausmacht. Insofern ist Zeit eine Entwicklungskonstante. Auch hier ist dann Zeitlassen die beste Möglichkeit, um Entwicklung zu ermöglichen.

Praktisch bedeutet dies, solange wir uns bewegen, herrscht Zeit. Eine Bewegung aber ist immer jetzt und hier; erst durch die Zeit wird sie erkennbar. Im unmittelbaren Moment ist keine Zeit. Erst zwei unmittelbare Momente bilden eine Bewegung ab und formen damit ihre Zeit. Jedermann kann dieses Phänomen am Beispiel der Musik ablesen. Im absoluten Moment schwingt kein Ton; ihm fehlt die Zeit dafür. Erst mit der Bewegung und damit mit der Zeit können wir der Musik lauschen. – Wer keine Zeit hat, bewegt sich darum auch nicht. Er erstarrt, beziehungsweise verfällt der Konstriktion, er schnürt sich ein und ab.

Darum wünsche ich uns, Ihnen und mir, am Ende dieses Jahres, lassen wir uns Zeit. Lassen wir Bewegung zu und mögen wir in den Gesichtern ferner Freunde ab und an entdecken, wieviel Zeit wir uns in der Zwischenzeit zum Leben gelassen haben. – Bleiben Sie bewegt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s