Einsam sein

Einsam © Matthias Mala

Einsam © Matthias Mala

Sein Glauben war unerschütterlich. Er betete jeden Tag die Horen, und auch seine Arbeit verstand er als stete Zwiesprache mit Gott. Er war ein eifriger Mönch und seinen Ordensbrüdern ein Vorbild. Dennoch empfand er sich von Gott verlassen, denn sein Glaube schien ihm nur ein wie unerfülltes Sehnen. Es war ihm daher, als wäre sein Herz unheilbar verschattet. Also beschloss er eines Tages, seine Aszese zu verstärken und sich in eine Rekluse zu begeben.

Seine Ordensbrüder rieten ihm eindringlich davon ab, derlei selbstgewählte Isolation sei nicht mehr zeitgemäß, ja sie habe etwas unbarmherziges an sich. Womit sie zum Teil auch richtig lagen, denn sein Wunsch, sich in einer dämmrigen Zelle einmauern zu lassen, entsprang nur seinem düsteren Herzensgrund. Dennoch, er setzte seinen Willen durch, und wurde zur Weihnachtsnacht eingemauert. Nach einem Jahr wollte er, mit glühendem Herzen und dem in der Einsamkeit gefundenen Christus in sich, die dunkle Kammer wieder verlassen.

Während seiner Zeit in der Rekluse ging er durch Himmel und Hölle. Bedingt durch die Stille und reduzierte Sensorik, sah und hörte er Dinge, die nicht da waren. Diese Täuschungen belebten ihn, doch sobald sie verklungen waren, fiel er in die Dunkelheit zurück. Irgendwann erkannte er selbst den Wahnwitz seines Begehrens, Gott durch seine selbst auferlegte Aszese beeindrucken zu wollen. Das waren Tage, in denen er in seiner Zelle raste und gegen den vermauerten Auslass anrannte, als könne er die Wand durchbrechen. Er zog sich dabei blutige Blessuren zu, doch seine Mitbrüder beeindruckte das nicht. Sie sahen weder seine Verletzungen, noch erschütterte sie sein Klagen.

Danach geschwächt und krank an Leib und Seele, verfiel er in einen depressiven Stupor und verharrte über Tage fast regungslos auf seinem Lager. In dieser Zeit erfuhr er die nackte Dimension der Einsamkeit. Er war von Gott, den Menschen und der Welt verlassen. Diese Einsamkeit war ein einziger kalter, nicht endender Schrecken. Er begann schließlich, laut zu beten und zu sich selbst zu sprechen. Hierdurch kehrte das Leben in ihn zurück. Doch seine Gebete blieben weiterhin unerhört. Dennoch bewahrte er sich seine Glaubensgewissheit. Denn obwohl seine Worte unerwidert blieben, spürte er sehr deutlich, dass sie nicht ins Leere gingen.

Diese Empfindung aber war ihm die größte Versuchung. Denn er erlebte wie seine Worte an den Schöpfer, diesem zunehmend Gestalt verliehen. Gleichzeitig ahnte er, dass darin die Gefahr der Verblendung lag. Denn würde er die zugesprochene Gestalt zulassen, würde er sich in der so erzeugten Illusion verlieren, und sein Glaube bliebe sein Irrsinn, womit auch seine Glaubensgewissheit jeden Grund verlöre. Gott wäre dann sein Götze aber kein lebendiger Seinsgrund mehr.

Also achtete er auf seine Worte und all die täuschenden Zeichen der Finsternis, um nicht in die Irre zu gehen. Aufgrund dieser Achtsamkeit erforschte er sich allerdings immer genauer und immer tiefer. Anstatt sich Gott zuzuwenden, wendete er sich nun sich selbst zu. Er sah darin auch kein Sakrileg, denn er wusste, er musste sich selbst für Gott erhalten. Er brauchte innere Klarheit, um für Gottes Gnade bereit zu sein. Mithin verbrachte er die restlichen Tagen in seiner Rekluse mit sich und bei sich. Darüber verlor sich seine Einsamkeit, denn er entdeckte, dass er mit sich viel zu entdecken hatte, was letztlich in einer gründlichen Selbsterkenntnis mündete. Durch seine Selbsterkenntnis empfand er eine Nähe zu Gott, die anders war, als er sie sich je gedacht hatte. Doch sein in der Einsamkeit geschärfter skeptischer Blick mahnte ihn, seine Bedachtsamkeit zu bewahren. So stärkte die gefühlte Gottesnähe zwar seine Glaubensgewissheit, aber nicht seine Gewissheit, auch von Gott erhört worden zu sein.

Zum Weihnachtsabend kamen viele fromme Menschen in das Kloster, denn sie wollten an seiner Befreiung aus der Rekluse teilhaben und seine Erfahrung aus erster Hand vernehmen.

Nachdem die Ziegel aus seiner Zellentüre gebrochen waren, trat er langsam hervor. Er sah die vielen Besucher und wich zurück in das Dunkel seiner Zelle. Doch dann überwand er sich, nahm seine Furcht vor den Menschen als Prüfung an und trat mit entschlossenem Schritt hervor. Der Applaus der Besucher erschreckte ihn und kam ihm unziemlich vor, und so wiegelte er ihn mit den Händen ab. Es wurde still um ihn, beinahe so still, wie in seiner Zelle.

Dann begann er zu sprechen. Er wollte erklären, warum er den Applaus als eitel und selbstgerecht empfand, wollte sagen, dass er sich in seiner Rekluse als ebenso eitlen Sucher erkannt hatte und Gottesliebe nur eine Gnade, aber nicht das Ergebnis eifernder Suche und Aszese sein kann. Die Worte flossen aus seinem Mund und er bemerkte dabei, wie die ganze stille Erkenntnis, die er in der Dämmerung seiner Zelle gehoben hatte, durch ihn sprach. Es waren seine Worte, aber es war nicht seine Rede, es sprach aus ihm. Wie er so sprach, sah er in die Gesichter der Andächtigen und begriff, dass keiner unter ihnen ihn verstand. Man lauschte seinen Worten wie einer Sensation, aber niemand vermochte sie nachzuvollziehen oder ihren tieferen Sinn zu verstehen. Und so wurde seine Rede leiser und leiser, bis er schließlich verstummte. Er sah und spürte, dass er zurück unter Menschen noch einsamer war als zuvor in seiner Rekluse. Diese Einsamkeit war nicht nur kalt und starr, sondern auch bitter.

Dies erschütterte ihn so sehr, dass er zu Weinen begann, die Tränen liefen ihm über sein Gesicht, noch einmal wollte er ansetzen, sich erklären, doch kein Wort kam mehr über seine Lippen. Er war verstummt. Die Einsamkeit unter den Menschen schnürte ihm die Kehle zu. Sie lastete auf ihm und drohte ihn zu erdrücken. Ja, er sah dem Tod ins Auge und war bereit zu sterben, denn der Tod schien dagegen eine Erlösung zu sein. Und so gab er sich ganz in Gottes Hand.

Doch er starb nicht. Er stand nur da, scheinbar gottverlassen. Währenddessen wandelte sich die Qualität seiner Einsamkeit. Er fühlte sich nicht mehr verlassen, sondern umfasst. Es war als würde ihm eine Kraft zufließen, ihn umhüllen und ihn verklären. Die Besucher ahnten davon nichts, doch sie sahen, wie sich ein heller Schein um sein Haupt legte. Ergriffen sanken sie nieder und begannen zu beten. Doch auch dieses Beten durchschaute er als leer und spürte erneut die Einsamkeit. Aber er schwieg weiter. Denn er fühlte sich mit einem Mal geborgen. Er war nicht mehr einsam, sondern allein; es war ein Alleinsein, das keinen Raum für Einsamkeit kannte. All die erlittene Not fiel von ihm ab. Er sank ebenfalls auf die Knie und sprach zu Gott: „Ich war immer bei Dir, denn ich glaubte an Dich.“ Die Menschen um ihn nahmen seine Worte auf und beteten sie nach, aber er hörte sie nicht, er hörte nur, wie Gott just in diesem Augenblick dieselben Worte zu ihm sprach.

Im aktuellen Heft Connection Spirit ist ein Aufsatz über Einsamkeit von mir erschienen. Schwerpunkt des Heftes ist „Die Welt als Ganzes – Netz und Innenraum“. Über diesen Link können Sie das Heft bestellen und in der Vorschau blättern.

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2 Kommentare zu “Einsam sein

  1. Lieber Matthias!
    Vielen Dank für diesen wundervollen Text. Er hat mich tief berührt. Vor einigen Jahren habe ich immer ganz „platt“ gedacht: Wer mit vielen Leuten tagtäglich zu tun hat und von diesen umgeben ist, kann nicht einsam sein… Ich bekam das Gegenteil zu spüren. Trotzdem war meine anfängliche Strategie dieselbe: Fühlte ich mich einsam, ging ich dorthin, wo viele Menschen waren (Kaufhaus, Cafés, etc.). Ich saß da zwischen Massen von Menschen und fühlte mich noch schlechter als zuvor wo ich allein war. Es war eine bittere Erkenntnis, dass diese vielen Menschen nichts an dem Gefühl der Einsamkeit ändern konnten, sie erreichten mich nicht. Ich fühlte mich genauso wie das „rote Männchen“ auf Deiner Zeichnung. Wie unter einer Glasglocke gefangen… Die Einsamkeit war in mir und ich konnte offenbar nicht vor ihr davonlaufen und sie auch nicht mit „Medizin“ von außen lindern. Inzwischen habe ich einen Weg gefunden. Immer, wenn ich mich einsam fühle, fange ich an, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Ich frage mich, was mir gut tun würde, tue dann Dinge, die mir Freude machen (Spaziergang, singen, Musikhören, photographieren, etc…) und siehe da: ich fühle mich dann eins mit mir, sicher, geborgen und geliebt…
    Liebe Grüße, Anni

    • Danke, liebe Anni, ja ich beobachte das auch, dass sich viele einsame Menschen inmitten des Trubels bewegen. Manche davon bedienen mit stiller Verzweiflung ihr Händi. Diese Menschen sind kaum ansprechbar. Andere aber, häufig ältere, die in Fußgängerzonen oder Kaufhauskantinen sitzen und den Leuten nachsehen, kann man noch ansprechen und ihre Einsamkeit teilen. Etliche von ihnen sind dabei eher All-Ein, haben also ihre Einsamkeit transzendiert. – Die Begegnung mit diesen unerkannten Weisen ist mir stets ein Geschenk.

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