Wahrer Frieden

Frieden © Matthias Mala

Frieden © Matthias Mala

  Seit ich auf der Welt bin, geht die Welt unter. Und all die Jahrhunderte und Jahrtausende zuvor ging Jahr für Jahr die Welt ebenso unter. Weltuntergang ist eine besondere menschliche Kulturleistung. Und neben den vielen alltäglichen Krisen, die zum Weltuntergang hochstilisiert werden, gibt es in schöner Regelmäßigkeit noch die geistlichen Prophezeiungen für den nächsten Weltuntergang. Manche Sekten begehen dazu gar kollektiven Selbstmord, um das irdische Jammertal zu verlassen.

Selten wird ein Weltuntergang nicht als Folge menschlicher Untat gesehen. Angreifende Aliens oder zu Godzillas mutierende Echsen sind Produkte der Filmindustrie, die häufig eine unbestimmte Bedrohungslage illustrieren. Sie sind moderne Märchen, um die Furcht vorm bösen Wolf, der letztlich nur das Abbild unserer Schrecklichkeit ist, zu kompensieren. Nicht von ungefähr hatte dieses Genre in der Zeit des kalten Krieges seine Blüte. – Weltuntergang bleibt somit menschlich.

Außer es handelt sich um eine Naturkatastrophe wie explodierende Megavulkane, Super-Tsunamis oder Kometeneinschläge. Hier sind wir Menschen zwar tatenlose Opfer, aber zum Teil auch Opfer eigener Nachlässigkeit, etwa wenn wir Vulkane bedenkenlos besiedeln oder Häuser in Überschwemmungsgebiete bauen.

Krieg ist Frieden!

Die meisten Heimsuchungen bleiben jedoch unserer Friedlosigkeit geschuldet. „Krieg ist Frieden“, sagt der große Bruder auf Neusprech in George Orwells dystopischen Roman „1984“.  ‑ Dabei ist diese Floskel ganz und gar gewöhnlich. Zu allen Zeiten wurde der Frieden als Rechtfertigung für einen Krieg beschworen. Der letzte heiße Krieg, an dem sich Deutschland beteiligte, war 1999 der völkerrechtswidrige Angriff auf Serbien. Der Krieg wurde von einer Regierungskoalition aus SPD und Grünen geführt. Das Selbstverständnis der Grünen war damals immer noch das einer pazifistischen Partei. Damals prägte der grüne Außenminister Fischer den Satz: „Nie wieder Krieg, nie wieder Ausschwitz!“, um den Angriff auf Serbien-Jugoslawien zu rechtfertigen.[1]

Während des Kosovokrieges und die letzten fünfzehn Jahre danach herrschte trotz mancher Scharmützel mit deutscher Beteiligung nach landläufiger Meinung hierzulande Frieden. Ja, in Sonntagsreden wird oft die anhaltende Friedensphase seit dem Zweiten Weltkrieg gerühmt. Deutsche Kriegsbeteiligungen heißen darum auch Friedenseinsätze.

Ist Frieden die Abwesenheit von Krieg?

Krieg ist Frieden. Die orwellsche Dystopie ist wahr geworden. Wie kann man da noch begreifen, dass Frieden, nicht die Abwesenheit von Krieg ist, sondern eine eigene Dimension des Selbst- und Weltverständnisses darstellt. Wäre Frieden nur die Abwesenheit von Krieg, wären wir darum keineswegs friedvoller, wie die jüngste Geschichte zeigt. Wir morden dann nur jenseits unserer Grenzen und tragen unsere Vergeltungs- und Angriffsabsichten weiter mit uns fort. Das bedeutet, auch wenn die Welt um uns herum friedlich wirkt, ist sie es nicht; denn solange wir unfriedlich sind, kann kein wahrer Frieden sein.

Wollen wir Frieden, genügt es nicht, nicht nur kriegsmüde zu sein, sondern wir müssen bereit sein, Frieden in uns einkehren zu lassen. Das klingt zunächst einmal nur wie ein weiteres Wort zum Sonntag. Dennoch ist Frieden tatsächlich ein Empfinden, für das wir uns öffnen können, und wenn es uns dann erfasst, erfasst uns womöglich auch die dahinter wirkende Dimension.

Vom Frieden umweht

Beginnen wir darum mit einer idyllischen Beschaulichkeit. Denken wir uns an einen ruhigen Platz, von dem aus wir weit in die Landschaft blicken können. Von einem solchen Platz aus, verlieren wir uns ein wenig und gehen in die Natur über, daraufhin kehrt Stille in uns ein und ein Hauch von Frieden umweht uns. Dieser Hauch kann uns aber nur umwehen, wenn wir in unserem Herzen Frieden haben. Er hat nichts mit der Idylle zu tun; schließlich wurde auch so mancher Krieg in idyllischen Landschaften geplant und angezettelt.

Friedrich Nitzsche beschreibt in seinem Gedicht Sils-Maria einen solchen Moment friedlicher Einkehr:

Hier saß ich, wartend, wartend, ‑ doch auf Nichts,
Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts
Genießend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,
Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.
Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei ‑
Und Zarathustra ging an mir vorbei …

Im Frieden ist kein Frieden

Demnach wäre eine Voraussetzung für Frieden eine Gemütsverfassung jenseits von Gut und Böse.

Dass wir mit Wut und Groll im Herzen keine friedliche Anmutung wahrnehmen werden, wird jedermann selbstverständlich sein. Dass wir aber auch mit einem Herzen voller Güte den Frieden ausschließen, bleibt hingegen allgemein unverständlich. Dabei gibt es einen erkennbaren Zusammenhang von Güte und Schlechtigkeit. Häufig ist nämlich der Auswuchs des Bösen ursächlich für die Entfaltung einer moralischen Kraft, die das Böse überwinden möchte. Weil wir im Frieden kein spürbares Verlangen nach Frieden haben, da wir uns ja in ihm befinden, muss es erst Kriegsdrohungen oder gar einen heißen Krieg geben, damit wir Frieden als einen erstrebenswerten Zustand beschwören.

Im Grunde sind Krieg und Frieden nur Phasen, die sich gegenseitig ablösen. Spannung und Entspannung wechseln einander ab, gehören aber zwingend zusammen, denn in beiden Phasen werden die Grundsteine für erneute Krisen gelegt. ‑ Das Sprichwort vom Krieg als Vater aller Dinge bestätigt sich nach dieser Sicht.

So wie der Frieden dem Schatten des Krieges nicht entkommt, wird auch das Gute immer wieder vom Schatten des Bösen berührt.

Auch wir da unten …

Jenseits von Gut und Böse können wir mithin nur sein, wenn wir weder dem einen noch dem anderen zugeneigt sind. Wagen wir diese Unentschiedenheit, ja Gleichgültigkeit, sehen wir schlicht, das was ist. Wir sehen dann kühl und gelassen, dass wir in unserem Herzen der politischen Dimension von Krieg und Frieden gar nicht so weit entrückt sind. In unserer Weltsicht oder besser gesagt in unserem Meinungsbild gibt es ebenso Ausgrenzung wie Bündnis, Herzlosigkeit wie Mitleid, Verachtung wie Wertschätzung, alles Elemente, die auch Krieg und Frieden bestimmen. Es sind folglich nicht nur die da oben, sondern auch wir da unten, die, längst insgeheim korrumpiert, diesem kriegerischen Wechselspiel folgen. Nicht von ungefähr entstehen bei Phasenwechseln zwischen Krieg und Frieden Massenhysterien. Es sind die sich kulminierend gleichförmigen Eigenschaften von Gut und Böse in jedem einzelnen, die schließlich im rasenden Mob Gestalt finden.

Etwas anderes als Frieden …

Unmittelbares Sehen aber heilt. Das Sehen selbst ist bereits sublime Tat. Die darauffolgende Aktivität gleicht den Gedanken, die einem Einfall folgen. Dem Anstoß folgt der Ablauf, die aufgeflammte Energie kühlt sich ab und wird manifest. Lassen wir dieses Geschehen zu, bleiben wir weiterhin jenseits von Gut und Böse. Erst dann kann eintreten was jenseits davon ist. Es ist etwas anderes als Frieden. Ja, es ist weit mehr als Frieden. Weswegen es auch nicht von dieser Welt ist, in der Krieg und Frieden eine pseudoschöpferische Kraft[2] bilden.

Sofern dieses „weit mehr als Frieden“ aber nicht von dieser Welt ist, kann es nur in sie dringen, wenn wir selbst der Welt entrückt sind. Dies ist stets Voraussetzung für mystisches Empfinden und transzendente Wahrnehmung. Die einzige Bewegung aber, die diese Grenze überschreiten und sich uns mitteilen kann, ist Liebe. Sie stellt sich ein, sobald wir eins mit der Schöpfung sind. Dann teilt sich das Alleinige scheinbar ‑ wird Eins zu Zwei ‑, indem es uns umschließt. Tragen wir daraufhin diesen Funken in unserem Herzen fort, leben wir einen Frieden, der jenseits von Gut und Böse ist und somit Krieg oder den Gedanken daran ausschließt.


[1] Joschka Fischer rechtfertigte die deutsche Kriegsbeteiligung auf dem Kosovo-Sonderparteitag der Grünen am 13. 5. 1999 mit diesen Worten: „Auschwitz ist unvergleichbar. Aber in mir – ich stehe auf zwei Grundsätzen: Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz; nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus: beides gehört bei mir zusammen, liebe Freundinnen und Freunde. Und deswegen bin ich in die Grüne Partei gegangen.“

[2] Diese Kraft ist bipolar, zerstörend wie aufbauend. Sie ist somit durchaus schöpferisch. Doch sie imitiert Schöpfung lediglich.

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