Erinnerungen

Erinnern © Matthias Mala

Erinnern © Matthias Mala

 

  Die Klangschale wurde angeschlagen. Ihr schwingender Ton hob sie aus ihrer Versenkung. Diesmal war die Meditation besonders tief und von keinem Gedanken getrübt gewesen. Als sie sich ihrer selbst wieder bewusst wurde, sah sie sich als kleines Mädchen durch den heimischen Garten laufen, sah wie sie über den Zaun stieg und sich am nahen Weiher niederließ und Enten fütterte. Es war ein so glücklicher Moment, der für sie so viel Bedeutung mit sich trug, dass sie beschloss, alsbald diese Stätte ihrer Kindheit wieder aufzusuchen, um an ihr zu meditieren.

Einige Wochen später reiste sie mit ihrem Mann dorthin, denn sie wollte ihm zeigen, wo sie ihre ersten Lebensjahre verbracht hatte. Als sie mit ihm in ihrem alten Viertel auf Kindespfaden spazierte, umfasste sie eine seltsame Befremdung. Einerseits erkannte sie einiges wieder, anderseits war ihr vieles fremd, und auch das, was sie wiedererkannte, erschien ihr unwirklich, weil nicht mehr vertraut. Ja, so manches zeigte sich gar ganz anders, als sie es erinnert hatte. Ihr Besuch am Ort ihrer Kindheit besaß etwas traumhaftes und zugleich verwirrendes. Sie sah sich in Situationen, die sie glasklar im Gedächtnis hatte und die nun, da sie wieder am Ort war, sich als unmöglich herausstellten, denn in ihrer Erinnerung rückten Plätze zusammen, die weit auseinanderlagen. Auch der Weiher lag nicht hinterm Gartenzaun, sondern ein paar Straßen weiter. Ja, ihre Reise in die Vergangenheit war für sie letztlich eine Enttäuschung, denn was sich in ihrer Erinnerung so anmutig zusammengefügt hatte, entpuppte sich als ein schlichtes Viertel, dem sie lieber den Rücken kehrte, anstatt in seiner Mitte zu meditieren.

Perspektiven gewichten die Erinnerung

Erinnerungen sind nicht das Erinnerte. Sie stellen vielmehr ein Nachdenken über und bestenfalls ein Nacherleben des Erinnerten dar. Es gibt zudem Erinnerungen an Begebenheiten, die wir gar nicht erlebt haben, sondern die uns zugetragen und manchmal auch eingeredet wurden. Ebenso basteln wir uns aus Erzählungen anderer Erinnerungen zurecht. Zudem verändert jede Erinnerung an eine Erinnerung die Erinnerung. Denn mit unserem Erinnern verfärben wir das Erinnerte mit unserem augenblicklichen Gefühlsleben und Selbstverständnis. Aber auch unser hinzugewonnenes Wissen über die erinnerte Situation – etwa über die Charakterzüge der Beteiligten – kann eine Erinnerung verändern. Indem wir eine Erinnerung rückblickend anders bewerten, verfärben wir sie auch. So kann ein zuvor angenehmes Erlebnis sich allein durch den veränderten Blickwinkel darauf, zu einem in der Erinnerung unangenehmen verwandeln, als auch umgekehrt.

Die Erinnerung formt die Person

Nicht nur das Erlebte, sondern auch die Erinnerungen daran, prägen unsere Persönlichkeit. Und die sich verformenden, neu gewichteten und präzisierten und vervollständigten Erinnerungen verleihen unserer Persönlichkeit den Schliff. Sie machen sie ebenso rund wie kantig. Sie vertiefen unsere Lebenserfahrung und können so zum Fundament später Weisheit werden.

Erinnerungen halten uns einerseits davon ab, vergangene Fehler zu wiederholen. Andererseits erlauben sie uns, auf Bewährtes zurückzugreifen und neue Herausforderungen besser einzuschätzen. Erinnerungen, und hierzu zählt auch alles Erlerntes sowie jedes Wissen, sind somit die Basis unseres Handelns und unserer Persönlichkeit. Das bedeutet, was uns als Person ausmacht sind neben unseren Wesenszügen unsere Erinnerungen. Ohne Erinnerungen wäre unser Ich leer und unbeschrieben. Ja, wir besäßen gar kein Ich, besäßen wir nicht auch Erinnerungen.

Ich erinnert sich

Besäßen wir kein Ich, würden wir auch keine persönlichen Erinnerungen ansammeln. Wir würden erleben und vergessen. Wir blieben unwissend und dumm. Allerdings ist es der Plan der Natur, dass wir, ob wir wollen oder nicht, Erinnerungen ansammeln und diese Erinnerungen zu Erfahrungen werden, die unser Handeln bestimmen. Das funktioniert bei der Labormaus nicht anders als bei uns. Das Gehirn lernt aus den guten und schlechten Erfahrungen. Andernfalls würden wir immer wieder auf heiße Herdplatten fassen oder statt allein der genießbaren auch die ungenießbaren Lebensmittel kosten. Aus dem gleichen Grund finden wir jeden Tag wieder nach Hause und freuen uns über Freunde und Verwandte, die wir sonst jedesmal aufs neue kennenlernen müssten.

Ohne Erinnerung zu leben ist keine paradiesische Weile ganz im Hier und Jetzt. Sie ist eher eine vergessene Zeit, die uns ungeformt und erkenntnislos belässt. Ohne Erinnerung besäßen wir auch kein Ego, schließlich ist unser Ich der Bezugspunkt zu unseren Erinnerungen. Nur durch diese Selbstreflexion können wir unterscheiden, was uns und was anderen geschah. Nur hierdurch vermögen wir uns abzugrenzen und unsere Sphäre zu schützen. Nur dadurch sind wir imstande, uns die lebensnotwendige Selbstfürsorge angedeihen zu lassen. Ohne Ego wären wir Verlorene.

Derart vergessene Zeiten haben auch nichts mit infantiler Amnesie zu tun, sondern allenfalls etwas mit akuter Dissoziation. Infantile Amnesie – womit die frühkindliche Vergessenheit gemeint ist – ist hirnorganisch bedingt. Das Gehirn lässt in dieser Entwicklungsphase komplexe Erinnerungen nicht zu, weil die hierfür notwendigen Areale noch nicht ausgebildet sind. Zudem fehlt dem Kleinkind mit dem Ich, das Empfinden für seine Subjektivität. Erst wenn es sich als Selbst im Spiegel erkennt, so wie das alle höher entwickelten Tiere vermögen, hat es seinen Persönlichkeitskern ausgebildet, den fortan seine Erinnerungen umkleiden und somit das Kind zu einem eigenständigen Menschen werden lassen.

Ungesunde Erinnerungsverluste

Dagegen ist eine akute Dissoziation keine Entwicklung, sondern eine ernstzunehmende psychische Erkrankung. Als Dissoziation wird eine besondere Ich-Vergessenheit respektive ein Identitätsverlust bezeichnet, bei der die Person eine Spanne durchlebt, an die sie sich danach nicht mehr erinnern kann, beziehungsweise bei der sie eventuelle Erinnerungen daran nicht mit sich selbst verbindet. Das Durchlebte geschah dann ihrem Empfinden nach einem alter Ego. Es ist eine partielle Vergessenheit, die, sobald man sich seiner selbst wieder bewusst wird, einen zutiefst erschreckt und verunsichert zurücklässt.

Schließlich gibt es noch die Demenz, als zunehmende Erinnerungslosigkeit, an deren Ende der alte Mensch sich soweit selbst vergisst, dass er keine Nahrung mehr aufnimmt. Sie kann verschiedene Ursachen und Auswirkungen haben, der Effekt ist meist, dass zunächst keine aktuellen Erinnerungen  mehr gebildet werden, während die persönliche Historie noch erinnerbar ist. Verliert sich auch diese, verliert sich auch sichtbar die Person.

Wenn das Ego über sich hinausschaut

Warum aber eifern so viele spirituell Suchende danach, ihr Ego zu verlieren? Warum suchen sie nach dem Stein des Anstoßes, über dem sie ihr Ich verstolpern könnten? Dabei werden sie es so niemals von ihm freiwerden, denn ein Ich zu entwickeln, liegt in der Natur der Psyche. Sein Ego zwanghaft verlieren zu wollen, mutet daher häufig wie eine besondere Form selbstverletzenden Verhaltens und damit wie eine ernstzunehmende psychische Erkrankung an.

Bei den meisten Suchenden fußt der Hintergrund dafür auf der esoterischen Vorstellung, dass ihr Ego, der Kern ihres Leidens an sich, an der Menschheit und der Welt sei, weil ihr Ego voll Verlangen nach allem möglichen insbesondere nach Leben ist. Dabei ist es noch vor dem Ego vor allem der Leib, der nach Leben verlangt. Er will sich erhalten und in seiner leiblichen Nachkommenschaft vermehren. Hier wirkt das Leben schlechthin, dessen einziger Zweck es selbst ist. Diese pure Lebendigkeit ist das Wunder des Daseins, sie ist Transzendenz in der Immanenz und damit vollkommene Mystik, vorausgesetzt wir nehmen sie ebenso vollkommen, das heißt unmittelbar wahr.

Und diese Wahrnehmung geschieht aus sich selbst heraus, das Leben belebt sich selbst, so wie es sich selbst erfasst. Beides ist ein und derselbe Vorgang höchster Intelligenz – oder wollen wir dem Höchsten seine Allwissenheit absprechen? Ja, daneben kann dann auch ein Ego bestehen, dass sich vorschwätzt und vorgaukelt was nur schaubare und zugleich unfassbare Erscheinung ist. Derlei egozentrisches Selbstgespräch stört den Vorgang tiefer Kontemplation überhaupt nicht. Nur wer sein geschwätziges Ich nicht einfach vor sich hinplappern lassen kann, der verliert die Schau und konzentriert sich auf das Unwesentliche. Und nur aus dieser spirituellen Verlorenheit kann letztlich der seltsame Wunsch entstehen, sich selbst und seine Erinnerungen zu verlieren.

In diesem Sinne ist der Wunsch nach Erleuchtung stumpfsinnig; denn die Sinne sind abgestumpft, die es andernfalls einem unverstellten Menschen ermöglichten, das Licht des Lebens zu schauen, um in ihm zu weilen und zu handeln, und dabei dennoch eine leidenschaftliche Person zu bleiben.

Erinnernd erfinde ich mich. ‑ Ich erinnere mich …

Advertisements

3 Kommentare zu “Erinnerungen

  1. Meine allererste bewusste Erinnerung ist mit 3 Jahren.
    Und sie ist eine echte Erinnerung, weil sie mir keiner erzählt haben kann.
    Ich bin aus meinem Gitterbett ausgebrochen.
    Meine Eltern wussten nicht wie ich das geschafft habe.
    Ich hab es ihnen später erzählt. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s