Lallen und Zungenreden

Zungenreden © Matthias Mala

Zungenreden © Matthias Mala

 

Endlich begann das Wasser zu sinken. Die jährliche Überflutung war diesmal stärker und länger als sonst. Für die Menschen am Fluss war die Flut ein fester Bestandteil der Jahreszeiten und keine Katastrophe. Seit Menschengedenken lebte man mit den jedes Frühjahr wiederkehrenden Wassermassen.

Er stand an den Stufen zu seinem Garten. Große Lachen dunkelsandigen Wassers bedeckten noch Teile der Beete. Es war fruchtbare Erde, die sich da ablagerte. Sobald der Boden fester geworden war, würde er mit dem Anpflanzen beginnen. Die Sonne lugte zwischen zwei Wolken hervor und die Pfützen im Garten glänzten wie schwarze Spiegel, die für den Kundigen das Wissen um die Zukunft in sich bargen.

Schon schob sich die nächste Wolke vor die Sonne und der Glanz in den Pfützen wurde stumpf. Mit dieser Verschattung verschattete sich auch sein Gemüt. Die Bilder seiner persönlichen Katastrophe sprangen ihn an. Er schüttelte seinen Kopf, schlug sich gegen die Stirn, als könne er sich die schrecklichen Visionen herausklopfen. Er hielt inne, die Bilder wurden schwächer, doch die Stimmung, die sie in ihm auslösten, wurde bedrohlicher. Er begann zu brabbeln. Seine Lippen formten Silben und Laute, und er begann ein lautmalerisches Klagelied, mit dem er seine Empfindungen über den vergegenwärtigten Schrecken ausdrückte.

Er sang sein atonales, unverständliches Lied, bis sich die Sonne wieder zeigte, dann sah er in den dunklen Lachen wieder den Wolkenzug vor blauem Himmel. Es wurde ruhiger in ihm. Der Schrecken verwischte und verschwand, und er fand wieder zu sich. Eine tiefgründige Verlorenheit aber blieb in ihm. Irgendwann würde aus diesem dunklen Grund wieder sein Klagelied hallen und er würde ihm erneut seine Stimme geben.

Seiner Not Worte zu geben ist wichtig, um sie letztlich zu bewältigen. Doch manchmal ist die Not so groß, so schrecklich, so unfassbar, dass Worte ihr nicht gerecht werden. Dann macht sich sprachloses Entsetzen breit, das uns verstummen lässt und den Schrecken in seiner ursprünglichen Wucht in uns konserviert; schließlich findet er keinen bearbeitbaren Ausdruck in und durch uns. Wir befinden uns dann in jeder Hinsicht in einer hilflosen Situation.

Psychotherapeuten sprechen dann von speechless Terror. Soldaten, die im Ersten Weltkrieg mit starrem Blick, zitternd und häufig verstummt aus dem Trommelfeuer ins Lazarett kamen, wurden von den Militärärzten häufig als Simulanten bezichtigt und wieder zurück an die Front geschickt. Im Zweiten Weltkrieg gab man der Schreckensstarre einen Namen: „Two Thousand Yard Stare“; denn dem Beobachter mutete ein derart vor Schreck verstummter Mann an, als fixierte er geistesabwesend ein sehr weit entferntes Ziel.

Doch es musste mit dem Vietnamkrieg erst ein weiterer grausamer Krieg geführt werden, ehe die bedrückende Erscheinung als Krankheit anerkannt und als posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) benannt wurde.

Vor Freude kann es uns zwar auch die Sprache aber nicht die Stimme verschlagen. Freuen wir uns über ein Ereignis, beispielsweise ein Tor beim Fußball, dann springen wir auf, schreien Tor und jubeln. Unser Jubel ist dabei meist lautmalerisches Schreien und Juchzen. Gleichwohl findet unsere Freude durch den Jubel konkreten Ausdruck. Ebbt der Jubel ab, macht sich Zufriedenheit breit, das Ereignis ist verarbeitet.

Anders bei durchlebten Schrecklichkeiten. Hierzu findet der davon sprachlos Entsetzte oft erst nach Jahren Worte. Jedoch kann er, wenn die Not seine Seele bedrückt, seine Gefühle oft lautmalerisch ausdrücken, indem er zu brabbeln beginnt und nach und nach mehr vom angestauten Gefühl in seine Lautmalerei einfließen lässt. Derlei affektives Tönen kennen wir von Kleinkindern oder von dementen Menschen. In Comicfilmen begegnet es uns ebenso, doch selten hören wir im Leben stehende Menschen, die ihrer seelischen Not so Ausdruck verleihen; am ehesten tun dies noch Betrunkene oder spontan Trauernde. Der Grund für die spärliche Beobachtung dieses Phänomens liegt darin, dass solcherlei Klage- und Schreckensbekundungen sozial geächtet sind. – So etwas tut man nicht! Man will sich doch nicht lächerlich machen! -Womöglich gründet diese Ächtung darauf, weil eine derart ausgedrückte Not unverständlich bleibt und somit das Mitgefühl anderer zwar beansprucht, ihm aber keine erkennbare Richtung weist. Wer aus sprachlosem Entsetzen seiner Qual zwar hörbaren emotionalen Ausdruck schenkt, ihr aber keinen vernehmbaren Sinn verleiht, der verstört seine Mitwelt nur.

Anders liegt der Fall bei den Pfingstgemeinden, die das Zungenreden pflegen. Hier wird durch intensives Beten und Singen eine Trance provoziert, in der der Kandidat in einem Kauderwelsch spricht, singt, schreit und brabbelt, während ihm erfahrene Gemeindemitglieder intensiv zuhören, um aus dem Gestammel eine Gottesbotschaft herauszuhören. Derweil fühlt sich der Zungenredner vom Heiligen Geist durchflutet und empfindet seine Lautmalerei als ein intensives Gebet. Er ist vom Heiligen Geist so ergriffen, dass ihm die Worte für seine Zwiesprache mit Gott fehlen und er seiner Inbrunst nur noch lautmalend Ausdruck verleihen kann. Es ist gewissermaßen ein spiritueller Jubel, der aus ihm hervorbricht.

Auch dem tibetischen Staatsorakel – es ist ein Mönch hinter einer zentnerschweren Maske – wird, nachdem es nach einem längeren rituellen Tanz erschöpft in Trance fällt, gelauscht, was es vor sich hin brabbelt. Seine so abgelauschten Prophezeiungen sind wichtige Entscheidungshilfen für den Dalai Lama.

Doch zurück zur verpönten Lautmalerei in der Not einer posttraumatischen Verdunkelung. Sie ist inzwischen – nicht mehr verpönt – auch in der Psychotraumatologie angekommen. Und sie greift auf, was andere Ärzte schon lange vor der Einrichtung dieser Disziplin festhielten. So fasst zum Beispiel Claudia Till in ihrem Essay „Trauma und Dichtung – Eine Untersuchung zur Literarisierung psychischer Traumata in Alfred Döblins ‚Berlin Alexanderplatz‘“ (hausarbeiten.de, 2008) die Darstellung Döblins posttraumatisierter Männer nach dem Ersten Weltkrieg zusammen: „Im erregten Zustand überkommt Biberkopf das Zittern, unter dem er seit dem Krieg leidet. Gleichzeitig fühlt er sich in die traumatische Situation während des Raubüberfalls zurückversetzt, in dessen Folge ihm der Arm amputiert werden musste. Beides erfährt man durch den Erzähler. Aus Biberkopfs Perspektive wird gezeigt, wie er auf den negativen Stimulus reagiert: Um sich selbst zu beruhigen und einen Ausgleich zu der Stressituation zu schaffen, fängt Biberkopf in Gedanken an, zu marschieren und mit einem lautmalerischen ‚Tschingderassa‘ in einen imaginären Krieg zu ziehen.“

Lallen, Brabbeln und Zungenreden sind demnach nicht nur eine Möglichkeit, um Freude und Trauer sowie spirituelle Ergriffenheit auszudrücken, sondern auch ein kuratives Verhalten, wenn uns in höchster Not die Worte fehlen. Es eröffnet den Zugang zu verschlossener Innerlichkeit und lockert traumatisch bedingte Blockaden, so dass der Lautmalerei irgendwann auch die richtigen Worte folgen können, und so die erlittene Schrecklichkeit mitgeteilt und therapiert werden kann. Es ist kein Allheilmittel, aber es ist ein Baustein von vielen auf einem langen therapeutischen Weg. Es ist zudem eine Möglichkeit zur Selbsterkundung, um erlittene seelische Verdunkelungen ein wenig zu erhellen.

In diesem Sinne könnte das pfingstliche Zungenreden über die Pfingstoktave hinaus in unseren Alltag wirken und den himmlischen Geist einladen, mit unseren verborgenen Wunden auch unsere leidende Seele zu heilen. – Allerdings wird dabei die Dunkelheit, anders als der fruchtbare Schwemmboden, weggewaschen.

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2 Kommentare zu “Lallen und Zungenreden

  1. Liebe Anni,
    laut mit sich selbst reden geht in diese Richtung, vor allem wenn damit Affekte zum Ausdruck gelangen. Die Emotionalität der Stimme ist hierbei ein Signal, dass hinter dem Wortsinn noch eine tiefere Stimmungsebene zur Oberfläche gelangt. Löst man sich dabei dann auch von der Sprachstruktur, verdichtet sich die Emotionalität. Jetzt fällt es auch leicht, ins Blabbern und frei assoziierte Lautbildung überzugehen. Verstärkt man dies, kann eine dissoziative Trance auftreten. Ein Zustand, in dem ein Persönlichkeitsanteil kontrolliert wirkt und zugleich einem anderen unkontrollierten zum Medium wird; schließlich ist das Geschehen kein gänzlich ungelenktes Lauten. Diese erkennbare Zwiespältigkeit in der Person erschreckt vielfach den Beobachter. Bei einem Schamanen wäre diese Art des Ausdrucks akzeptiert. Andernfalls wird er als Verrücktheit erkannt. Wobei „ver-rückt“ durchaus passend ist. Jedenfalls ist es die frei assoziierte Lautbildung, die hilft, das Unaussprechbare hörbar zu machen, so dass es in einem späteren Zug womöglich auch konkreten Ausdruck findet.
    Servus M. M.

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