Geliebtsein

Liebe © Matthias Mala

Liebe © Matthias Mala

Ein Sandsturm aus der Sahara trug den Wüstensand übers Meer und über die Berge. Hier verschleierte er den Himmel und bedeckte allmählich jeden Grashalm und jedes Blatt mit einer feinen Staubschicht. Die Autobesitzer fuhren ihre vom schöngelben Sand bepuderten Fahrzeuge durch die Waschstraßen. Der über Jahrtausende durch die Wüste wehende Wind hatte die Sandkörnchen so rund geschliffen, dass sie im Zement keine Bindungskraft mehr entfalten. Es war nur Sand, unnützer Sand.

Auch die Liebe weht. Sie weht durch die Welt, durchweht jeden ihrer Winkel und das von Anbeginn an. Liebe ist Schöpfungskraft. Liebe trat in den Raum, noch ehe der Raum Raum war. Liebe war da, noch ehe die Welt war. Indem die Liebe ohne sich zu bewegen in Bewegung geriet, wurde sie sich selbst zum Wind und die Schöpfung nahm ihren Anfang.

Liebe ist zweifellos mehr als Sex, als Verliebtheit, als Beziehung. Liebe ist keine Energie und keine Kraft. Derlei Gemeinplätze reduzieren die Liebe zu einem physikalischen Phänomen. Wollte man überhaupt ein Synonym für Liebe verwenden, wäre „Geist“ am ehesten passend. Obgleich auch dieses Wort schon viel zu konkret ist und dadurch die Liebe reduziert. Gott ist ohnehin das falsche Wort, denn es benennt das Namenlose, was in sich bereits unsinnig ist. Dafür ist Gott der Anfang von Religion, und Religion ist Herrschaft. Herrschaft aber bleibt stets lieblos.

Liebe ist der Ursprung, der alles aus ihm geschöpfte bedingungslos annimmt, ja der in seiner Substanz die ganze Schöpfung ist. Sie ist die alles verbindende Monade, die allem Ursprung Halt und Ende zugleich ist. Sie ist der Ton absoluter Harmonie, der jede Disharmonie in sich aufnimmt und wandelt. Sie ist der stete Schlichter, der selbst das Chaos soweit strukturiert, dass es aus sich heraus Sinn findet.

Liebe empfinden wir als Verzauberung, als Beglückung, als Belebung. Liebe empfinden wir auch in sehr verschieden temperierten Situationen. So kann uns Liebe zum Beispiel beim Anblick einer herrlichen Landschaft berühren. Dann empfinden wir uns inmitten unserer Betrachtung jäh von einer himmlischen Warte aus geliebt und erwidern diese Liebe an das Numinose aus vollem Herzen. Ja, voll Liebe sind auch jene Momente wo uns das Herz selbst in der schäbigsten Umgebung mit einem Male übergeht, weil wir dabei die Dinge mit einem Blick betrachten, der sich aus den Dingen selbst nährt. Beides sind meditative Augenblicke vollkommenen Einseins.

Liebe nimmt dabei ebensowenig von der Schönheit wie von der Schäbigkeit. Liebe wertet nicht. Sie ist für den da, der für sie offen ist. Offen sind wir für die Liebe, sobald wir bereit sind, uns von ihr um nichts berühren zu lassen. Um nichts bedeutet, wir erwarten nichts von der Liebe, wir verlangen nicht nach ihr, wir wollen sie weder halten, noch uns durch sie erhöhen. Liebe ist kein Ziel. Offen für die Liebe zu sein bedeutet, sich für die Liebe zu entblößen. Wir sind buchstäblich nackt für sie. Wir bieten ihr nichts, wir handeln nicht mit ihr, wir stehen vor ihr, mit offenem Herzen, offener Seele und offenen Händen. Falls sie uns berührt, verschließt sich nichts, ergreift sie niemand, wir bleiben offen. Diese bedingungslose Offenheit ist nicht nur Demut, sondern bereits Liebe. Verharren wir weiter in Demut, werden wir in Liebe verharren. Ja, Liebe ist beispiellose Bescheidenheit!

Der Wind trieb von Nordwesten Regenwolken herbei. Wir pflückten unter den Bäumen des Friedhofes Bärlauch für eine Suppe. Der Bärlauch war vom Saharasand bestäubt. Es regnete durch das junge Laub der Bäume. Die Tropfen fielen auf die Bärlauchblätter und wuschen den Wüstensand weg. Uns umfing Liebe und wir verharrten still und dankbar in ihr, während wir die feuchten Blätter in ein Tuch legten.

Das aktuelle Heft 5/6-14 der „Connection Spirit“ befasst sich mit dem Schwerpunktthema „Liebe – beziehungsweise“ mit Facetten der Liebe. In ihm finden Sie unter dem Titel „Himmel und Erde vereinen“ auch einen Beitrag von mir. Sie können das Heft über diesen Link einsehen und bestellen.

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2 Kommentare zu “Geliebtsein

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