Unpolitisch sein

Konsens im Dissens © Matthias Mala

Konsens im Dissens © Matthias Mala

Sein Garten war sein Refugium. In ihm zog er Gemüse und Blumen, meditierte und diskutierte mit seinen Schülern. Es war ein schönes Stück Land vor der Stadt, ein wahrer Hort der Einkehr – ja, beinahe ein heiliger Ort. Seine Peperoni, die er dort erntete, machten ihm besondere Freude. Klärte doch ihre Schärfe immer wieder aufs neue seinen Geist und Leib. So verbrachte der Meister viele gute Jahre in seinem Haus und Garten.

Irgendwann jedoch nahmen Bauträger seinen Grund ins Visier. Man machte ihm ein Angebot, das er ablehnte. Man erhöhte das Angebot, was er wiederum zurückwies, da er seinen Garten nicht aufgeben wollte und ihm das angebotene Geld nichts bedeutete. Also griffen die Baulöwen zu unlauteren Methoden und vergälltem ihm das Leben in seinem Refugium derart, dass er schließlich aufgab und in die Stadt zog.Hier kaufte er sein Gemüse auf dem Markt und zog seine Peperoni auf dem Balkon, denn die vom Markt waren ihm zu wenig schmackhaft. Seine Schüler aber verliefen sich, da er keinen Platz mehr für sie hatte. Er meditierte jedoch weiter und war mit sich und seiner Welt zufrieden. Sie war zwar inzwischen eine andere Welt geworden, doch sie war ihm recht, so wie sie war, denn er verglich das spärlichere Heute nicht mit dem üppigeren Gestern.

Es war ein ehemaliger Schüler, der ihn schließlich, ob seiner Duldsamkeit rügte, und ihm so zu einer anderen Sichtweise verhalf. „Meister, du hast dich verdrängen lassen, hast deine Schüler aufgegeben und kümmerst dich nur noch um deine eigene Seligkeit. Kann es sein, dass du einem Ideal und nicht dem Leben folgst?“ Und er beantwortete seine Frage gleich selbst, indem er fortfuhr: „Durch dein Hiersein stehst du in der Welt. Du hast einen Standpunkt, doch du vertrittst ihn nicht. Deine Standpunktlosigkeit kommt darum einer Leblosigkeit gleich.“

Erst wollte der Meister grollen, war er es doch gewohnt, zu ermahnen, aber nicht gewohnt, selbst ermahnt zu werden. Im nächsten Augenblick aber verflog bereits sein Groll, denn er sah ein, dass er, anstatt sich dem Unrecht zu widersetzen, ihm sogar Raum gegeben hatte. Ja, er hatte, anstatt für sich und sein Recht einzustehen, seine Prinzipien verraten.

Beschämt legte er daraufhin seinen Meistergürtel ab und gürtete sich fortan bis zu seinem Lebensende wie ein Schüler. Was ihm wiederum die besondere Achtung seiner Mitschüler einbrachte.

Es ist wohl grundsätzlich ein Fehler, zu glauben, man könnte in spirituellen Dingen Meisterschaft erringen. Ganz gewiss aber ist es ein Fehler, zu meinen, dass man auch charakterlich geläutert sei, sobald einem spirituelle Sensationen widerfuhren und man eine euphorische Weile an überirdischen Einsichten teilhaben durfte. Nein, ein schlechter Mensch wird auch durch spirituelle Einsichten kein besserer, denn die meisten transzendentalen Sensationen sind nichts weiter als ganz normale Reaktionen auf psychosomatische Reizzustände. Wer zum Beispiel fastet und sich zudem alle drei Stunden zu Gebet und Mediation niedersetzt, der wird durch Schlafentzug und Fastensensibilisierung zwangsläufig außergewöhnliche Wahrnehmungen bis hin zu Sinnestäuschungen haben. In einem solch überempfindlichen Zustand vermag man Engel wie Dämonen gleichermaßen zu sehen.

Nein, ein besserer Mensch wird man erst, wenn man seine eigene Schlechtigkeit einsieht und nicht, weil einen irgendwann einmal Engel umkränzt hatten. Ob der Meister in unserer Geschichte letztlich ein besserer Mensch geworden ist, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls hat er seine Wesenszüge dahingehend geklärt, dass er seine Fehler eingesehen und aus dieser Einsicht die Konsequenz gezogen hatte, sich fortan nicht mehr auf das Glatteis der Selbsterhöhung zu begeben. Er blieb bescheiden und erlaubte sich so auch Fehlbarkeit.

Ein anderer Aspekt der Geschichte ist, inwieweit ein spiritueller Mensch wehrhaft sein sollte und dürfe. Hier gehen die Meinungen weit auseinander. Unser Meister war der Ansicht, dass er sich gegen die Gewalt nicht wehren durfte und gab deswegen sein Haus und Garten auf. Später sah er ein, dass dies ein Fehler war und handelte danach. Revidieren konnte er seine Entscheidung nicht mehr, doch er übte sich darin, ähnliches für die Zukunft zu vermeiden.

Einen anderen Standpunkt vertrat bekanntermaßen Jesus Christus, der die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel geißelte. Eine recht harsche Methode, um sich gegen den Sittenverfall zu stellen. Erfolgreich war auch sie nicht, denn als der Unruhestifter verschwunden war, stellten sich rasch wieder die gewohnten Unsitten ein. Auch ist es ohnehin fraglich, ob ein solcher Gewaltausbruch gerechtfertigt war. Denn schließlich wehrte sich der Heiland nicht gegen ein ihn bedrohendes Handeln, sondern betrieb eine aggressive Mission für sein Heilsverständnis. Er handelte in dieser Weise wie alle Ideologen handeln, überheblich und selbstgerecht; schließlich ging er davon aus, dass er die absolute Wahrheit besäße. – Eine sehr menschliche Attitüde!

Wie immer gilt es hier, den goldenen Mittelweg zu finden, indem man sich für seine Sache einsetzt, sie verteidigt, sie aber auch nicht sinnlos verteidigt, sondern wenn möglich den Konsens sucht. Dazu muss man auch beweglich sein. Sich auf den Gegner zubewegen, dabei nicht die Konfrontation, sondern das Gespräch zu suchen. Vor allem aber sollte man davon absehen, seine Sache zu der Sache aller zu machen, denn das wäre schlicht Totalitarismus, und der führt ebenso zur Unbeweglichkeit und somit zur Leblosigkeit.

Ins Gespräch zu treten bedeutet, seine Verletzung zu zeigen, seine Absicht zu offenbaren, dem Gegner zuzuhören und im schlechtesten Fall, den Konsens soweit zu verfolgen, dass man sich über den Dissens einigt und mit diesem leben kann, ohne einander nachzustellen.

Doch um ein solches Gespräch zu führen, bei dem das Miteinander wie das Gegeneinander gleichermaßen gewichtet werden muss, bedarf es besonderer Aufmerksamkeit, Respekt und Selbstbewusstsein. Es bedarf aber ebenso Intuition, um mögliche Lösungen aufzugreifen und zu entwickeln. Solche Intuition kommt freilich nicht von ungefähr. Vielmehr ist sie eine besondere Form der Offenheit für die Ansprache aus einer höheren Sphäre heraus. Wir müssen dabei diese Sphäre nicht verorten oder qualifizieren, es genügt, dass wir für Eingebungen offen werden. Sind wir es, wird unser Blick wie von selbst weiter und unser Standpunkt verwischt sich zu einer Bewegung. Folgen wir der Bewegung, beginnen wir mit dem Leben zu Tanzen – und jeder, der Tanzen gelernt hat, weiß, dass Tanzen eine Folge von richtigen Schritten ist, die ab und an von falschen Schritten unterbrochen wird. Deshalb ist Eingebung auch nur eine halbe Wahrheit. Mit halben Wahrheiten aber lebt man besser, weil dann das Leben im Fluss bleibt; schließlich will dann die andere Hälfte erkundet werden, was wiederum die wahre Hälfte verändert. Und was gibt es schöneres als ein bewegtes Leben …

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