Zen und die Lust, ein Rasiermesser zu führen

Messerrasur © Matthias Mala

Messerrasur © Matthias Mala

Blitzender Schmerz. Die Hand mit dem Messer schnellt zurück. Du blickst in den Spiegel, auf den weißen Schaum, nichts ist zu sehen. Ein, zwei Wimpernschläge später, nur so lang wie der Donner dem Blitz nacheilt, färbt ein hellroter Strich die schaumigen Flocken. Du setzt das Messer wieder an, grollst mit dir ob deiner Unachtsamkeit, führst die Klinge nun schräg zum Schnitt, um die Haut nicht weiter zu öffnen und doch die gewohnte Glätte in dein Gesicht zu schleifen.

Nachdem du dir die Schaumreste von den Wangen gewaschen hast, wirst du genüsslich über dein Gesicht streichen und einmal mehr jugendfrischen Samt ertasten. Eine selbstverliebte Berührung widerborstenfreier Haut. Dann aber wird sich der haarfeine Faden der Fissur wieder zeigen, hellrot, blutfrisch. Du wirst darüber wischen, doch das Blut wird weiter in einer dünnen Linie aus deiner Wange perlen. Der Schnitt wird dunkeln und du wirst den Makel wie die Narbe aus einer Mensur durch den Tag tragen. Morgen wird die Linie verblasst sein, zu fein ist die Fissur, als dass sie eine Nacht überdauert. Dafür werden die Frauen, die dir heute auf die Wange blicken, an deine Katze denken, die dich beim Schmusen kratzte.

Einem Anfänger geschieht so etwas nicht. Er hat zu großen Respekt vor der Klinge, mit der er beim ersten Schärfen eine tiefe Scharte in den ledernen Riemen schnitt. Fingerdick hätte sie das Fleisch geöffnet, die Wange durchtrennt, die Gurgel durchschnitten. Ein blutverschmierter Albtraum. Nein, einem Anfänger geschieht das nicht. Nur der Geübte kann es sich leisten, seine Gedanken spazieren zu führen und mit ihnen den Blick auf sein Spiegelbild zu verlieren, bis ihn das kurze Feuer des Schmerzes wieder vor den Spiegel reißt.

Als ich mein erstes Rasiermesser bei der alten Frau Dummer kaufte- in München kauft man Rasiermesser bei Dummer -, meinte ich zu ihr: und dann sollte ich wohl besser erst einmal an einem Luftballon üben? Sie sah mich befremdet an: So ein Quatsch! Einseifen und rasieren! Sie haben sich doch ein Rasiermesser gekauft.

Es war ein schönes Messer, mit Ebenholzgriff, das ich mir ausgesucht hatte. Jahrelang hatte ich, jedes Mal wenn ich vor ihrem Laden auf die Straßenbahn wartete, die drei Lagen Rasiermesser betrachtet, die sich auf einem Tetraeder im Schaufenster drehten. Die Nassrasur war mir vom ersten Flaum an selbstverständlich, doch erst als ich Jahrzehnte später von einem Freund hörte, er rasiere sich mit dem Messer, biss mich der Neid. Gerade er, von dem ich solch stille Noblesse nie erwartet hätte, erlaubte sich solche Sinnlichkeit. Schließlich rechnete ich mir aus, dass ich mir den Preis für das Messer bei den teuren Klingen, die ich verbrauchte, schon in einem guten halben Jahr von den Backen schaben konnte. Ein rentierliches Geschäft.

Also wählte ich das Messer mit dem Ebenholzgriff, ließ mir den Gebrauch des Riemens und der Pasten erklären und bereitete mich auf das morgendliche Gemetzel vor. Mit der Schleifpaste bestrich ich die hanfgewirkte Seite des Riemens, die Seite fürs Schärfen. Rostrot wie frisch getrocknetes Blut bleckte mich das Hanfgeflecht nach der Behandlung an. Dann die dunkle, die blaue Paste für die Politur, um die Schneide zu wundziehender Schärfe aufzugraten. Mit dem Handrücken walkte ich das dunkle Fett in die helle Haut der Juchte. Ein grober Akt der Verletzung, wie ich so das edle Leder einschmutzte. Das Omen für einen blutigen Morgen.

Doch Omen sprechen nicht für jetzt auf nachher. Nachdem der Schaum geschlagen und Hals und Backen eingeseift waren, kam es zum Schwur. Die kalte Klinge, nein sie war nicht kalt, angesetzt und mit kühnem Strich, nein, nichts davon: erst einmal das Badezimmer verschließen, damit dich deine Frau nicht sieht, wie du dir die Backen aufschlitzt. Dann mit dem Messer in der Hand ein kühner Blick in den Spiegel, und während du in gehörigem Abstand zum  Gesicht quasi mit einer ersten Schattenrasur die Luft in Stücke schneidest, überlegst du dir, ob du nicht doch besser zum altgewohnten Rasierer greifen und den ganzen Unfug lassen solltest. Doch du lässt es nicht; der Rasierschaum wird schon rissig und ehe er ganz antrocknet, streichst du mit dem Pinsel nach, setzt das Messer an und ziehst es zaghaft gegen den Strich.

Du lauschst dem Schnitt. Er knistert hell wie Sand, der auf Silberfolie rieselt. Sonnenbad im Frauennacktbad. Wie kommst du nur zu dieser Assoziation? Der erste Strich ist getan. Du streichst den Schaum vom Messer, siehst die dunklen Stoppeln in der weißen Creme gleich gemahlenem Mohn in Sahne, schlenzst die Flocke ins Becken und streichst dir rasch über die blanke Haut, das erste Ergebnis zu erkunden. Glatt. Die Fingerkuppe fährt gegen den Strich. Glatt, keine Spur von Widerborstigkeit. Glatt … vergiss den Babypopo, diesen platten Gemeinplatz für gelungene Rasuren. Worüber deine Finger gleiten, das ist anders, feiner und doch so männlich herb: einfach schwanzig, würdest du deinem Freund zuflüstern. Für andere Ohren würdest du vielleicht von almfrischer Süßrahmbutter faseln, so butterweich gleiten deine Finger über die freigeschabte Blöße. Und so kühn wie keck reckst du dein Kinn gegen den Spiegel, setzt das Messer an deinen Hals und ziehst dir Strich um Strich die Stoppeln aus dem Gesicht. Du hast sie überlebt, die erste Rasur!

Im alten Rom war die erste Bartabnahme eine heilige Handlung, eine Initiation, in nichts vergleichbar mit dem profanen Abkratzen des ersten Flaums heutiger Jünglinge mit Vaters Einmalrasierer. Dafür trittst du jetzt, wo du unverletzt mit gesalbten Backen aus dem Bad spazierst, in den Kreis der Helden. Der bewundernde Blick deiner Frau in dein unversehrtes Gesicht, ihre tastenden und streichelnden Hände sind die Ehrengabe. Du bist der Held und bietest ihr die blanke Wange zum Kuss. Schneide dir darum eine Rose vom Dorn und hefte sie dir ans Revers. Blutrot soll sie sein – für dein unvergossenes Blut.

Aller Anfang ist leicht, blutig wird es werden, sobald Routine ist, was einen jetzt noch fiebern lässt. Das wusste auch der Friseurmeister, der seinem Lehrling das Rasieren beibrachte. Ganz nach dem Motto, Rasieren lernt man beim Rasieren, ließ er sich jeden Morgen vom Stift einseifen. Als er schließlich nach Wochen unblutiger Bartabnahme des Messers Schneide zu spüren bekam, stand er vom Barbierstuhl auf, wischte sich den Rasierschaum aus dem Gesicht und meinte trocken: Ab heute kannst du die Kundschaft rasieren.

Doch die Phase unbedachter Selbstverstümmelung währt nur kurz, auch wenn sie gleich schlechtem Wetter stets unvermeidlich wiederkehrt. Mit den ersten klaffenden Schnitten verliert sich nämlich die Routine rasch, von da an aber wird die Rasur zur täglich neuen Kreation. Mit haarspalterischem Eifer werden im illuminierten Vergrößerungsspiegel statt Mitesser vom Messer verschonte Bartstoppeln gesucht und einzeln gestutzt. Eine wahnhafte Hingabe zur Perfektion, die ihren Anfang im Anfang hatte, im ersten tastenden Gleiten entlang des allerersten Striches. Ein Spleen, verständlich nur dem, der weiß, wieso ein englischer Rasen mit der Nagelschere nachbehandelt werden sollte. Die allmorgendliche Rasur wird zur Meditation; das Bad zum Dojo; das Abziehen des Messers zur Vorbereitung auf die Übung; die Übung selbst, die Bartabnahme, zur Sitzung: es ist Zen! Vollkommene Aufmerksamkeit bei gleichzeitiger Abwesenheit des Rasierenden. Das Spiegelbild allein ist das Subjekt, das seinem Widerbild das Messer führt. Das tägliche Koan: wer rasiert wen, verlangt und erfährt alltäglich neue Antwort. Und der Schnitt, die Fissur längst nur noch in die Haut gehaucht anstatt geschnitten, wirkt wie der aufmunternde Klaps des Meisters: sei aufmerksam gegenüber deiner Unaufmerksamkeit.

Beginnt der Tag indes zu früh oder hetzt dich die Zeit, werden die Schläge des Meister härter und die Kerben in der Haut tiefer und breiter und du stolperst ins Flugzeug oder zum Termin, als wärest du geradewegs vom Paukboden gefallen. Nach solch grellem Wetterleuchten aber steht dem Helden ein heilsamer Dreitagebart gut zu Gesicht. Und ziehst du ihn dir am vierten Tage mit bedachten Zügen von den Backen, denkst du dabei vielleicht an deine Großväter. Denkst daran wie sie sich den Bart aus dem Gesicht und die Kerben in die Visage schnitten und wie sie darob auf den Problemzonen, aus denen ihnen das Blut ein ums andere Mal auf den Kragen tropfte, die Haare stehen ließen und somit recht verwegene Barttrachten kreierten. Oder du denkst an die Cowboyfilme, in denen sich die Helden mit wenigen Strichen vor einer Scherbe rasierten, ganz ohne Schnitt –sowieso -; freilich nahmen sie ebenso selbstverständlich, kaum hatten sie das Messer aus der Hand gelegt, eine dralle Schönheit in den Arm, die ihre Wange an die ihre drückte und dabei aus solcher Tiefe seufzte, als drücke sie dort etwas unglaublich Anderes.

Von solcher Bildkraft sind die einsamen Gedanken beim Rasieren. Darum wundere dich nicht, wenn du ins Leere greifst, sobald du aus dem Bad stolzierst. Denn dein makelloser Teint ist längst der Anspruch deines Weibes; nachlässiges Gestoppel wird sofort gerügt, während ein blutiger Schnitzer in deinem Gesicht statt Mitleid nur noch ihre Spottlust kitzelt.

Also kehrt das Spiel mit dem Messer wieder zurück in die Sphäre männlicher Eigentümlichkeit, wird zum einsamen Kult der letzten Ritter. Denn kultig wird es, sofern du das Messer nach den ersten Blessuren nicht aus der Hand legst. Da muss dann eine japanische Seife und Bürste für die Vorreinigung her; eine extra Lotion vor der Rasur; unerlässlich das warme Handtuch, um die Stoppeln zu weichen; die Seifenschale aus Kristall, darin die Spezialseife in englischem Lande gesiedet; dazu die Streicheleinheiten des Dachshaarpinsels beim Verteilen des geschlagenen Schaums; das Messer mit vergoldetem Erl und Angel, betonte Hohlung des Blattes; zwei Stück davon, damit eines über den Tag hinaus ruhen kann; zwei Riemen im Hintergrund, der eine zum Abziehen, der andere zur Politur der Schneide, dazu ein Schleifstein vieltausendfach gekörnt aus den Ardennen gebrochen; und zu guter Letzt zwei Salben für danach, um die Haut zu beruhigen und zu befeuchten. Da darf dann auch der Rasierpinsel ganz schnörkellos und ohne Flitter so viel wie ein Mahl für zwei im Drei-Sterne-Restaurant kosten. Mann gönnt sich ja sonst nichts, also her mit der Silberspitze vom Dachs, die einem wenigstens jeden Morgen verlässlich die Wangen streichelt.

Es ist ein vornehmer Kult, den zu bewahren, du dich entschlossen hast. Einsam wie ein Adler in seinem Horst pflegst du die Utensilien, übst dich im noch weicheren, noch gründlicheren Strich des Messers am Riemen wie auf deiner Haut. Und gelegentlich, wenn du dir selbstversonnen gegen Abend über immer noch jugendfrische Wangen streichst, findest du den Schlenker, um einem Freund, Kollegen oder Kontrahenten recht beiläufig mitzuteilen, dass du dich mit dem Messer rasierst. Den respektvollen Blick, den du darauf erhaschst, quittierst du mit dem milden Lächeln eines Siegers. Und in dieser Weise wieder mal erhöht, wirst du morgen früh zur Rasur die Badezimmertüre offen lassen und dich am besorgt bewundernden Blick der Frau ergötzen; schließlich pflegst du einen archaischen Kult, lässt den Mann im Manne überleben; fürwahr ein Schelm, der da meint, du pflegtest nur deine Eitelkeit … Nein, korrigiere, es ist Zen!

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3 Kommentare zu “Zen und die Lust, ein Rasiermesser zu führen

  1. Pingback: Zen oder die Kunst, über Männlichkeit zu schreiben – man tau

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