Kundalini, der Himmel in uns

Kundalini-Mudra © Matthias Mala

Kundalini-Mudra © Matthias Mala

In meinem Buch „Kundalini-Mudra“ beschrieb ich eine Mudra-Meditation, durch die Sie Ihre Kundalinikraft auf sanfte Weise anregen können. Im Nachspann zu dieser Meditation erläutere ich auch den astronomischen Hintergrund zum Kundalinimythos. Schließlich basieren sehr viele grundlegende religiöse Mythen auf Naturerscheinungen. Unser spirituelles Weltbild wäre demnach auch ein völlig anderes, wenn wir auf dem Mars leben würden, denn die Himmelslichter würden uns von dort vollkommen anders leuchten. So umkreisen den Mars zwei Klumpenmonde und der hellste Wandelstern wäre für die Menschen dort Jupiter, wahrscheinlich könnten sie auch Uranus als grünlich glänzenden Punkt am Nachthimmel sehen. Inwieweit sich aus dieser Sicht ein analoges spiritussomatisches Geschehen ähnlich dem Kundalinimythos entwickeln könnte bleibt Spekulation, denn auch unser Körper wäre bei nur einem Siebtel der Erdmasse ein anderer als hienieden.

Die nachstehende Beschreibung der Analogie von geozentrischer Astronomie und der Schlangenkraft in uns erschloss sich mir als ein Ergebnis meiner Experimente bei der Erforschung der Kundalini. Ich meine, dass dieses Wissen für jeden Interessierten auch den Umgang mit der erweckten Kundalini etwas entmystifiziert und ihn hierdurch praktikabler macht. Das Geschehen wird verständlicher, sobald man die Kraft auch als ein Abbild des Himmels in sich versteht. Es wird ein wenig profaner, rückt uns aber zugleich näher und wird uns dadurch menschlicher. Damit wird Kundalini erst zu einer wahrhaft lebendigen, weil gelebten Kraft.

Ausschnitt aus dem Kapitel „Abschließende Betrachtung der Schlangenkraft“

Es ist gleichfalls das Bild der Wiederschöpfung, das sich im Kundalinimythos in der Bewegung von Shiva und Shakti wiederholt. Der Prozess der Erkenntnis wird im Menschen wiederholt. Deswegen steht die aufsteigende Kundalini auch für den Moment der Erleuchtung. Die Gottesebenbildlichkeit wird vollendet. Der Mensch tritt in die Transzendenz. Dies ist Theurgie im positiven Sinne, also weiße Magie als Weg der Gotteserkenntnis durch innere Schau. Der Gott wird beschworen, um ihn betrachtend zu erkennen. Der Mensch verliert sich in dieser Betrachtung und wird zum Aspekt des Göttlichen. Er kehrt ein in den Urgrund. Die Schöpfung findet Erfüllung[1].

So lässt sich das Prinzip der Chakren (und damit das Geheimnis der Kundalini)  einmal von der hinduistischen Vorstellung vom Berg Meru, dem Weltenberg, als Sitz der Götter ableiten. Der Gipfel des Berges Meru wird von der goldenen Stadt Brahmans gekrönt. Von ihm fließt auch der himmlische Ganges, der sich in die vier heiligen irdischen Ströme – Ganges, Indus, Euphrat und Nil – aufteilt. Acht Wächtergötter residieren an den Hängen des Meru und beschützen die Welt. Unter dem Berg liegen die sieben niederen Welten. In der tiefsten dieser Welten ruht die Schlange Vasuki. Sie ist eine Weltenschlange, die mit ihrem Feueratem dereinst die Welt vernichten wird. An ihr zehren die Götter und Dämonen wie an einem Seil. Hierdurch schäumt der Milchozean auf und Amrita, der Trank der Unsterblichkeit, steigt aus seiner Tiefe.

In diesem Mythos lassen sich unschwer Entsprechungen für das Mysterium der Schlangenkraft ausmachen. Wir finden die bekannten Chakren, entdecken Anspielungen auf ein höchstes achtes Chakra, sehen die aufsteigende Kundalini und die lockende Kraft des himmlischen Flusses und erkennen auch den Zwiespalt der sexuellen Kraft in Gestalt der Schlange, an der Götter wie Dämonen zerren. Amrita, der Trank der Götter, das heilige Vergessen, das Überschreiten irdischer Seligkeit ist der Lohn für denjenigen, der es versteht, diese Bewegungen in sich nachzuvollziehen.

Auf der anderen Seite können wir die Prinzipien der Chakren wie der Kundalini auch als konkrete astronomische Ableitungen begreifen. Sie dürften einst den Rahmen für die mythischen Betrachtungen zur Kundalini geliefert haben. Nicht umsonst waren die Inder hochbegabte Astronomen. Weltbekannt ist die 1734 fertiggestellte Sternwarte Jantar Mantar in Jaipur.

Betrachten wir aus dieser Perspektive … nochmals das Symbol des Ouroboros. Dieses Zeichen der Zeitlosigkeit wird gelegentlich auch in Gestalt zweier Drachen dargestellt, die sich wechselseitig verschlingen und gebären. Blicken wir mit diesem Wissen in den Himmel, sehen wir die Ekliptik mit den sieben Wandelsternen und denken dabei an die sieben Chakren. Gleichzeitig sehen wir das große Nachtlicht, den Mond, im Laufe eines Monats aus der Tiefe über die Ekliptik aufsteigen und wieder hinab tief unter die Sternenbahn sinken. Seine Kreuzungspunkte auf der Ekliptik werden Drachenkopf und Drachenschwanz oder aufsteigender und absteigender Mondknoten genannt. Wir sehen also den Ouroboros am Firmament, wie er sich ein ums andere Mal das Schwanzende in den Mund legt. Wir sehen aber auch die auf- und absteigende Schlangenkraft, wie sie sich um unseren inneren Horizont windet.

Es sind zudem die Mondknoten, die dafür ursächlich sind, warum es auf Erden zu Sonnen- und Mondfinsternissen kommt. Wobei eine Sonnenfinsternis – weil lokal auch seltener zu beobachten – sicher das spektakulärere Ereignis ist. Sie ist der sichtbare Augenblick, zu dem sich Shiva, die Sonne und männliche Kraft, mit Shakti, der weiblichen Kraft, dem Mond, vermählt. Für eine kurze Weile vereinen sie sich. Der Tag erlischt, der Himmel brennt, der Perlenkreis glitzert, der Diamant blitzt auf, die Kraft erreicht den Zenit. Die Schlange züngelt über das Sahasrara hinaus. Die beiden Nadis, die das Ereignis stützen, flammen auf, Merkur und Venus leuchten neben der verdunkelten Sonnenscheibe.

Auch in dieser Symbolik finden wir Hinweise auf ein achtes und neuntes Chakra. Denn die Mondknoten werden in der indischen Astrologie als achte und neunte Planeten verstanden. Dabei steht Rahu als Planet für den aufsteigenden Mondknoten, und Ketu für den absteigenden. Und wollten wir eine weitere Entsprechung für das Shribaindava-Chakra benennen, müssten wir unseren Blick womöglich auf Sirius lenken, der sich als Hundsstern im Süden von unserem Standpunkt aus hinter der Sonne bewegt. In der indischen Mythologie fand er als treuer Hund Namens Svana Eingang in den Himmel.

Wird der Moment der Verfinsterung der Sonne als Höhepunkt der aufsteigenden Kundalini-Kraft gedeutet, so ist er auch der Moment, zu dem sich der Himmel öffnet. Die Sterne flammen auf und der Geist schaut die Herrlichkeit der Götterwelt. Es ist der Augenblick, in dem sich Mensch und Welt verlieren und die Götter vom heiligen Nektar der Unsterblichkeit trinken. Erleuchtung ist in diesem Bild dank der Lösung des Ichs – was einem Sterben gleichkommt – ein Schluck aus diesem heiligen Gefäß. Der Erleuchtete erlangt Unsterblichkeit. Der Diamant flammt in blaue Düsternis. Die Finsternis löst sich auf und die Sonne erstrahlt in ursprünglicher Kraft. Hier greift der Mythos vom Amrita, dem himmlischen Nektar. Manch einer versuchte, diesen Trank, auch Soma genannt, in irdischer Dichte zu rühren und scheiterte. Man vermutet, es könnte sich hierbei um einen Sud aus Fliegenpilz gehandelt haben, seine Milch soll einen Tropfen Amrita aus dem Milchozean bergen, der auf die Erde fiel.

Amrita ist aber auch der Trank der Täuschung. Gemeint ist der süße kühle Schluck im tiefen Gaumen, der aus dem Lalanachakra quillen soll. Seine Lage wird mal mit dem Vishudda, mal mit Ajna und mal mit dem Sahasrara in Verbindung gebracht. Um diese Verschiedenheit auszugleichen und dem Namen gerecht zu werden, verknüpft man es auch mit einem Somachakra, das hinter dem Sahasrara am Haarwirbel sitzen soll. Diese beiden Chakren sollen heftig kreisen, sobald die aufgestiegene Schlange beginnt, sich wieder einzurollen. Dann zerren an ihr erneut die Götter und Dämonen und quirlen aus dem Milchozean diesen kostbaren Schluck, Amrita. Er ist in der Tat ein Phänomen, das mit der Kundalini-Mudra auftritt. Doch ist dieses Phänomen kein Ausweis vermeintlicher Erleuchtung, noch verleiht es Unsterblichkeit, auch wenn uns mit diesem Schluck eine Brise Amber in die Nase weht und wir glauben, Ambrosia zu schmecken. Es ist vielmehr ein physisches Zeichen sich entwickelnder Sensitivität. Mehr nicht. Deswegen wird dieser sensorielle Fortschritt häufig zu einer Falle. Denn der Adept – in dieser Rolle verstehen wir uns bei der Kundalini-Mudra – wünscht sich insgeheim das Höchste, ansonsten würde er sich nicht auf dieses Experiment einlassen. Doch da er weiß, dass das Motiv sein Ziel verschleiert, verschleiert er sein Motiv, um das Ziel im Auge  behalten zu können. – Die Täuschung ist gelungen. Der Nektar tropft auf die Zunge des Genarrten.

Weiß man um das kosmische Gleichnis der Kundalini, versteht man, das himmlische Geschehen übersetzend auf seinen inneren Horizont zu lenken. Hierdurch wird die innere Schau für gewöhnlich nüchterner. Unsere Motive enthüllen sich ebenso, wie sich das Geschehen entschleiert. Wir werden still und gelöst. Andererseits regt die sich entwickelnde Klarheit auch an, nach weiteren Entsprechungen zwischen Innen und Außen zu suchen, um die gewonnene Erkenntnis weiter zu vertiefen.

Mehr im Buch „Kundalini-Mudra – Ein weißmagisches Ritual zur Erlangung der Glückseligkeit“


[1] Bei den Sekten der Gnostiker, die als ophitisch bezeichnet werden, wird der Schlange (griechisch Ophis) in Verkehrung zur biblischen Botschaft eine entscheidende Rolle bei der Gotteserkenntnis zugesprochen. Die Schlange im Baum der Erkenntnis ist danach nicht das Grundübel, sondern das Grundgute. Das Ergebnis ihrer Verführungskunst war folglich, die erste Offenbarung des Schöpfers an den Menschen. Sie zu wiederholen hieße sinnbildlich, die Gabe der Schlange, nämlich die Frucht der Erkenntnis, wieder in Empfang zu nehmen.

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