Alles dir gilt mir

liebevolle Vernachlässigung © Matthias Mala

liebevolle Vernachlässigung © Matthias Mala

 Ihr Kind sollte es einmal besser haben als sie. Sie war im Waisenhaus aufgewachsen, kam dann zu Verwandten, die sie nicht mochten, aber aufnahmen, weil sie Geld für die Pflege bekamen. Entsprechend trost- und lieblos war ihre Kindheit und Jugend. Bald nach der Geburt ihres Kindes trennte sie sich von seinem Vater und entzog ihm das Kind, denn sie wollte es ganz für sich alleine. Es war ihr Schmuckstück, das sie behütete und an dem sie sich immer wieder erneut ergötzte. Da konnte sie keinen Vater gebrauchen, der das Kind von ihr ablenkte und zur Eigenständigkeit anhielt. Nein, sie wusste stets, was das beste für ihr Kind war, und das war vor allem, seinen Launen zu entsprechen.

So wuchs ihr Kind ohne Einschränkungen auf, jede Schwierigkeit wurde ihm aus dem Weg geräumt und jeder Wunsch wurde ihm von den Augen abgelesen. Als es in der Schule zu sehr gefordert wurde, weil es immer unausgeschlafen zum Unterricht kam, nahm sie es lieber von der Schule, anstatt feste Schlafzeiten einzurichten. Als es in der Ausbildung versagte, nahm sie das Kind ganz nach Hause, damit ihr die Welt nicht weiter übles antun konnte. So lebte das Kind scheinbar seine Freiheit, doch in Wirklichkeit verwirklichte es nur die Vorstellung seiner Mutter von einer unbeschwerten Jugend – es wurde zu deren fleischgewordenem Traum. Entsprechend eigenartig und launisch verhielt es sich auch zu seiner Mitwelt. In der Folge wurde das mittlerweile erwachsen gewordene Kind immer einsamer und neigte zunehmend der Mutter zu, und diese ließ es nicht los.

Viele von uns, tragen unerfüllte Wünsche aus ihrer Jugend mit sich. Manchmal können wir sie uns auch erfüllen. Ihre späte Erfüllung kann eine große Freude und Befriedigung sein, sie kann uns jedoch ebenso leer und mit schalem Gefühl zurücklassen, weil ihre Verwirklichung nur die Banalität unserer Wünsche offenbarte. Dies kann ein heilsames Katergefühl bewirken. Manchmal aber lassen wir diese schmerzhafte Enttäuschung nicht zu und bleiben unserem juvenilen Wunschdenken in unreifer Weise verhaftet.

Schlimm wird es, wenn wir andere Menschen zur Verwirklichung unserer Wünsche emotional missbrauchen, wenn wir sie zu unseren Instrumenten machen und durch eine Verbindung aus Entgegenkommen und Forderung manipulieren. Das geschieht oft unbewusst, indem wir Eigenliebe mit Liebe und Eigennutz mit Gemeinnutz verwechseln. Ein häufiger Grund dafür ist eine narzisstische Verblendung, durch die wir unser Sinnen objektivieren und meinen, die die uns zugeneigt sind, denken und fühlen ebenso wie wir.

Wir sehen dabei nicht mehr auf unser Gegenüber, sondern auf und in uns selbst und verwechseln dabei unsere Gefühlslage mit der des anderen. Unsere Empathie gilt dabei ausschließlich dem Bild, das wir uns vom anderen machen. Sie gilt folglich nur unserer eigenen Gefühlslage. Unsere Empathie ist somit nichts anderes als Selbstverliebtheit oder schlimmstenfalls Selbstmitleid. Gleichzeitig basiert unser Verhalten auf der Missachtung der anderen Person. Es ist jedoch keine offenkundige Missachtung, sondern eine eingeschliffene Despektierlichkeit, eine Unmanier, die sich vor uns selbst verbirgt, da wir es gewohnt sind, unser Um- und Mitwelt wenn nicht als unser äußeres Selbst so doch wenigstens als uns zugehörig zu betrachten. Was in seiner Sphäre umgeht, geht in uns selbst um; was in ihr geschieht, geschieht uns selbst.

Widerspricht uns unser Gegenüber dabei nicht, werden wir dieserart Selbstbetrachtung kaum unterbrechen. Wird uns hingegen widersprochen, erleben wir dies meist als eine narzisstische Kränkung, einen Stolperstein in uns selbst. Die Welt verweigert sich uns teilweise, also werden wir uns auch diesem Teil der Welt verweigern. – Wie du mir, so ich dir!

So kann es geschehen, dass wir, statt der Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen, nur unser eigenes Verlangen verfolgen und befriedigen. Wir meinen dann, alles für den anderen zu tun, während wir in Wirklichkeit alles nur für uns selbst tun.

So geschehen in dem angeführten Beispiel, in dem die Mutter ihr Kind ihre verfehlte Kindheit korrigieren lässt und dabei die eigentliche Kindheit ihres Kindes ignoriert. In dieser Weise reicht sie die erlebte Vernachlässigung und Missachtung lediglich in anderer Form weiter. Wobei diese Form verdrehter Inszenierung von geradezu subtiler Heimtücke ist; schließlich stellt eine lieblose Vernachlässigung ein konkretes Defizit dar, das man, erwachsengeworden, benennen und womöglich therapieren kann. Während dagegen eine „liebevolle“ Vernachlässigung wegen ihres Double-Bind-Effekts für den Betroffenen kaum zu erfassen ist. Denn um zu verstehen, dass die scheinbare Liebe nur narzisstische Eigenliebe der Eltern und die gewährte Groß- und Freizügigkeit erbarmungslose Vernachlässigung, weil Ignoranz der kindlichen Bedürfnisse, war, dazu bedarf es meist erst einer dramatischen Erschütterung respektive Lebenskrise und dazu eines einfühlsamen Begleiters, der die Ursache des Not erahnt oder erkennt. Der Weg zu sich wird für das „liebevoll“ vernachlässigte Menschenkind allerdings ein steiniger Weg werden, denn es wird dazu in vielen frustrierenden Momenten sein eingeübtes Vermeidungsverhalten zu überwinden haben.

Selbstverantwortung ist ein Schlüssel, der vor jeder Einsicht und jeder Wandlung steht. Ein weiterer Schlüssel ist Selbstdisziplin. Beide zusammen öffnen die Türe, hinter der der Pfad der Achtsamkeit liegt. Nur wenn wir die Konsequenzen unseres Handelns vor uns selbst rechtfertigen können und hierfür niemand anderen in die Pflicht nehmen wollen, zeigen wir die Reife, die Achtsamkeit erfordert. Hierzu bedarf es besonderer Disziplin, denn in narzisstischer Verblendung ist alles richtig was wir tun. Erst wenn wir bereit sind, einen anderen als unseren subjektiven Maßstab zu verwenden, erfüllen wir die Forderung der Verantwortung.

Hierzu bedarf es vor allem bedingungsloser Ehrlichkeit zu uns selbst. Das bedeutet, unser Wollen und Streben vor uns selbst still und klar zu benennen. Erst wenn wir uns unsere Absichten unverblümt eingestehen und dabei unser sichtbar werdendes innerstes Selbst mit seinen Abgründen und Höhen ohne Wenn und Aber annehmen und anschauen wollen, erlangen wir die notwendige Klarheit, die jede Ehrlichkeit bedingt. Dann wird es uns vielleicht möglich, auch einen Maßstab transzendentaler Vernunft an uns selbst anzulegen und unsere Unzulänglichkeit ebenso klar zu erkennen und zu bejahen – oder anders ausgedrückt, dass wir bereit werden, eine himmlisch moralische Instanz für uns anzuerkennen.

Betrachten wir dann mit dieser Klarheit unser Handeln, werden wir Selbstbezogenheit, Hochmut und Manipulationseifer wie von selbst ablegen, da wir deren dünkelhafte Kraft augenblicklich als eine Verschattung unseres Selbst erkennen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s