Wissen

Wissen © Matthias Mala

Wissen © Matthias Mala

Dass er weiß, dass er nichts weiß, zählte zu seinen Standardsätzen. Doch dafür wusste der Swami recht viel. So kannte er zum Beispiel die Abläufe der Reinkarnation; sah auf den ersten Blick, wer welchen spirituellen Grad erreicht hatte; war bewandert in allen Graden der Erleuchtung und vertraut mit den Weisen von Akasha, mit denen er sich im Geiste regelmäßig beriet. Er sprach viel zu seinen Adepten über all das, von dem er vorgeblich nichts wusste. Man lauschte ihm ehrfürchtig, auch wenn sich seine Botschaften nur wenig von dem unterschieden, was seit hundert und mehr Jahren von fernöstlichen Gurus zu uns getragen wurde. Ja, gerade weil sich seine Rede von deren kaum unterschied, waren seine Adepten davon überzeugt, dass er von den Meistern direkt inspiriert wurde.

Aus der steten Beschäftigung mit seinem Glauben entsteht häufig Glaubensgewissheit; dabei handelt es sich um eine Glaubensüberzeugung, die einem Wissen um das Geglaubte gleichkommt. Hierdurch wird der Glauben zur Wahrheit. Das Geglaubte wird für den Gläubigen objektiv und ist ihm fortan eine wahrnehmbare Größe in der Welt.

Teilt der Gläubige seine Glaubensgewissheit mit anderen Gläubigen, so verfestigt sie sich aufgrund ihrer Intersubjektivität – sie wird fundamental. Intersubjektive Wahrnehmungen haben für den an ihnen Beteiligten objektiven Charakter. Man kann dies zum Beispiel nach gemeinschaftlichen UFO-Sichtungen feststellen. Die Mehrheit der Beobachter eines solchen Phänomens sind darauf zutiefst überzeugt, tatsächlich ein außerirdisches Flugobjekt gesehen zu haben. Diese intersubjektive Wahrnehmung breitet sich auch auf weitere periphere Deutungen auf. So entstanden beispielsweise zu Entführungen durch Außerirdische typische redundante wie stereotype Schilderungen. Wer im Spektrum dieser Narrationen bleibt, gilt unter anderen UFO-Gläubigen als glaubwürdig. Wer hingegen davon auffällig abweicht, gilt ihnen als Scharlatan.

Anders als etwa die einsteinsche Erkenntnis E=mc² bleibt die Glaubensgewissheit, auch wenn sie sich in einem größeren Kreis Gleichgesinnter scheinbar objektiviert, letztlich doch ein Privatissima.

Manchmal wanderte der Swami mit einem Freund aus Jugendzeiten. Der teilte zwar seinen Glauben nicht, gleichwohl fand er es anregend, gerade mit ihm über seine Wahrheiten zu sprechen. Der Freund war umfassend gebildet und wusste wovon er sprach. Im Disput mit ihm schärfte er seine Argumentation und verfestigte gleichzeitig seine Glaubensgewissheit; schließlich hielt er den Freund für verstockt und blind, während er sich im Gegensatz dazu als offen und erleuchtet wähnte. Gerade dieses Gefühl der Begnadung, das er im Gespräch mit ihm erlebte, vermittelte ihm tiefe Befriedigung.

Hier erlebte er einerseits die Begrenzung seines Wissens, was ihm den Anschein von Demut vorgaukelte, denn das Unwissen des Freundes galt ihm als die Begrenzung seines Wissens. Andererseits wurde der so bestehende Dissens in seiner Binnensicht zum Impetus für sein Empfinden von grenzenlosem Wissen. Es erschien ihm jedoch nicht als ein Wissen, das er besaß, als vielmehr als ein Raum, der ihm mit seiner Omniszienz als Quelle umfassender und allgegenwärtiger Eingebung zur Verfügung stand.

In der Welt der Dinge ist Wissen unabdingbar, ja es befreit den Wissenden gar in umfassender Weise, weil er wirkende Hintergründe zu erkennen und zu beeinflussen vermag. Hingegen beschränkt es uns in der spirituellen Welt, denn es stellt sich zwingend zwischen das, was ist, und das, was wir meinen, zu sehen. Wir blicken wissend auf das Transzendentale, erkennen die Götter und verstehen ihr wirken.

Doch ist diese Sicht nur eine Interpretation spiritueller Anmutungen: uns widerfährt etwas, unser Geist bemerkt und kategorisiert es augenblicklich. Damit blicken wir zwar in uns selbst und unser Wissen, aber nicht über uns hinaus in eine jenseitige Welt. Unsere Aufmerksamkeit bleibt dann nur ein Ablesen des Bekannten. Dieser Prozess verstärkt sich noch, wenn wir erkannte Anmutungen durch Kommunikation objektivieren wollen; wir intersubjektivieren dann nur und zementieren zugleich unsere tatsächliche Unwissenheit – wir schließen uns in einen gläsernen Turm vermeintlicher Transzendenz ein.

Was dagegen bleibt, ist Schweigen und wahre Unwissenheit. Beides ermöglicht vielleicht die Anmutung von Wahrheit. Das heißt man bleibt mit seiner Wahrheit allein. Man beschweigt und vergisst sie. Mag sie wiederkehren, beschweigt und vergisst man sie erneut. – Wer dies nicht ertragen kann, muss letztlich Guru werden.

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2 Kommentare zu “Wissen

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