Wachstum

Wachstum

Wachstum © Matthias Mala

Der Turmbau zu Babel ist ein biblischer Mythos zur Hybris der Menschen, Gott herauszufordern. Als Strafe für diese Anmaßung kam die babylonische Sprachverwirrung über die Menschheit. Die Sage vom Turmbau kann aber auch als eine Metapher unkontrollierten Wachstums gedeutet werden. Jedenfalls haben wir kein Zeugnis dafür, dass die Menschen in Babylon bescheidener als wir gewesen waren? Wahrscheinlich huldigte man damals ebenso einem Wachstumsglauben wie heute, dass alles immer größer, weiter und besser werden müsste. Die Folgen werden dann auch damals, weil alles Wirtschaften einem Zyklus unterliegt, Rezession und die Verarmung großer Teile der Bevölkerung gewesen sein, die sich dann als Arbeitsemigranten in ferne Länder aufmachten und dort mit fremden Sprachen konfrontiert wurden. Das allein wäre schon als eine schicksalshafte Katastrophe empfunden worden. Wenn dann noch zugleich ein Erdbeben den schönen Turm zum Einsturz gebracht hätte, wäre die Geschichte stimmig. – Noch dazu weil Hochhäuser mit Rekordhöhen bislang in der Tat stets am Ende besonders starker ökonomischer Wachstumsphasen entstanden. Insofern sind Wolkenkratzer heute wie damals der Turm zu Babel auch ein Zeichen wirtschaftlicher Megalomanie und somit eher ein Merkmal dafür, dass wir aus unserer ökonomischen Geschichte nur wenig gelernt haben.

Deshalb möchte ich an eine andere Geschichte erinnern, nämlich die vom Hans im Glück. Seine Geschichte ist gewissermaßen die Sage vom nihilistischen Wirtschaften. Nach siebenjährigem Dienst erhielt Hans im Glück einen kopfgroßen Klumpen Gold zum Lohn. Auf seinem Heimweg tauschte Hans das Gold gegen ein Pferd; das Pferd gegen eine Kuh; die Kuh gegen ein Ferkel; das Ferkel gegen eine Gans. Die Gans tauschte er gegen einen schadhaften Schleifstein und einen Feldstein obendrein. Beide Steine aber stieß er versehentlich in einen Brunnen. Von dieser letzten Last befreit, sprang Hans auf und rief: „So glücklich wie ich, gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“

Hans im Glück war und blieb im Glück, denn es gab keinen Moment,  zu dem er bereute, beim Tauschen übers Ohr gehauen worden zu sein. Vielmehr war ihm sein neues Gut auch immer wieder eine neue Last. Bei Hans wuchs nichts außer dem Glück darüber zu, dass er von materieller Last befreit wurde. Nichts anzuhäufen, soll demnach glücklich machen. Es gibt etliche Geschichten mehr, in denen uns das Glück der Bedürfnislosigkeit gepriesen wird. Andererseits gibt es auch genügend Geschichten, in denen vom Unglück der Armut gesungen wird. Es ist nun mal so: hat man nichts, hat man Sorgen wegen dem, was man nicht hat. Hat man hingegen was, hat man Sorgen um das, was man hat. Und ein jeder, ob arm oder reich, wähnt den jeweils anderen meist glücklicher als sich selbst.

Demnach liegt das Glück eher dort, wo wir nicht sind. Messen wir hingegen Arme und Reiche an ihrer Lebenserwartung, so hat der Reiche mehr Lebenszeit, um über sein Glück oder Unglück nachzudenken; insofern er auch bereit ist, sich hierfür die Zeit zu nehmen. Denn wie gesagt, mit dem Habe wachsen auch die Sorgen um das Habe.

Mehr als ein Schnitzel kann man nicht gleichzeitig essen! Das ist eine solide Wahrheit, die sagt, dass der Mensch, sofern er satt ist und eine sichere Bleibe hat, im Grunde seines Herzens zufrieden sein sollte. Das setzt Gesundheit und ein regelmäßiges Einkommen voraus. Ist dies gesichert, sollten wir alle Voraussetzungen für unser Glück erfüllt haben. Und doch ist eine solche Arrondierung oft das Fundament für weitere Begehrlichkeiten; worauf man beginnt, das was man hat, gering zu schätzen. Hier ist es an der Zeit, ein anderes Märchen zu erzählen, nämlich das vom Fischer und seiner Frau. Es erzählt, wie der Fischer einen Butt, der ein verwunschener Prinz war, fing und ihn, da er reden konnte, wieder schwimmen ließ. Des Fischers Frau trug ihrem Mann daraufhin immer mehr Statuswünsche an den Butt auf: ein Haus, ein Schloss, ein Königreich sollten her. Wünsche, die der Butt erfüllte, wenn auch immer widerwilliger. Gleichwohl wurde die Frau immer maßloser, und als sie vom Butt gar zum Papst erhoben wurde, wollte sie schließlich wie Gott werden. Das Ende vom Lied war, sie fand sich in ihrer alten Fischerkate wieder; denn letzten Endes ruht im schlichten Dasein alle Gottseligkeit.

Die Quintessenz der drei Gleichnisse ist banal und längst tausendfach gesagt: Loslassen können, ist der Weg zur Zufriedenheit. Wer nicht loslässt, hat keine Hand frei, um sein Glück zu empfangen. In der geschlossenen Hand ist nichts, in der offenen Hand aber liegt die ganze Welt. Und weil diese Weisheit so schlicht ist, ist es so unglaublich schwierig, ihr zu folgen. Denn es gibt keine Winkelzüge, keine vertrackten Überlegungen und komplizierten Theorien, die zu ihr führen. Es gibt nur die schlichte Ermunterung: Wenn du vor lauter Hast, keine Zeit mehr für dein Leben hast, dann lasse los, woran du hängst, oder verlier dein Leben. Mehr ist es nicht! Es ist so unglaublich einfach. Und dennoch lassen die meisten Menschen erst los, wenn sie tatsächlich ihr Leben verlieren. Ein Leben in toter Habe scheint ihnen offenbar allemal bedeutender zu sein, als das schlichte Quicklebendige. Es mag wohl daran liegen, dass vielen das Einfache zu kompromisslos erscheint. Es gibt nichts dazwischen und auch kein Stückchen von ihm. Wer nicht loslässt, bleibt haften! – Deshalb sollten wir uns vielleicht öfters am Tag die Frage stellen: Lebe ich noch, oder hafte ich schon wieder?

Aus einer anderen Perspektive schrieben ich und andere zum Thema Wachstum in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Connection spirit“. Sie können die Zeitschrift hier einsehen und bestellen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s