Sehen, was ist

Weg in und aus einem Labyrinth © Matthias Mala

Weg in und aus einem Labyrinth © Matthias Mala

Vor ihr lag das vor Jahrtausenden von einem Gletscher ausgewaschene Tal. Sie blickte hinab und sah, wie die Menschen beschäftigt hin- und herfuhren. Das Surren der Motoren drang leise bis zu ihr hinauf. Die Schatten der Bäume drehten über den Tag von Westen nach Osten. Wolkenschatten tanzten die Hänge hinauf und hinab. Die Farben des Tals veränderten sich mit dem Sonnenlauf. Nie war das Bild gleich.

Sie saß öfters an diesem Fleck, um ins Tal zu blicken und die Bewegungen dort unten aus der Stille um ihre Hütte zu betrachten. Oft erfasste sie dabei Frieden und ließ sie einfach nur schauen, hören und riechen. Da war keine Ablenkung, jede Bewegung ob in der Nähe am Haus oder in der Tiefe im Tal war gleichwertig. Nichts hob sich hervor. Allein übers Jahr veränderten sich die Stimmung, die Farbe, der Duft und auch die Geräusche, um im nächsten Jahr im gleichen Rhythmus wieder zu erstehen. Ihre Schau war häufig stille Einsicht.

So manches Problem, das wir mit uns tragen, löst sich in der Tat augenblicklich, sobald wir es in aller Stille und ohne Zwiespalt betrachten. Dabei zerfällt das zuvor Geballte urplötzlich zu einem sinnlosen Gemenge, und wir belächeln, was uns nur einen Wimpernschlag zuvor noch ernsthaft anging. Wirrwarr, Mühsal und Last fallen von uns und bleiben für immer aufgehoben. Sie haben sich durch unser unverstelltes, stilles Schauen verflüchtigt. Es herrschte Einsicht.

Sehen und Handeln waren eins, auch wenn beides im Grunde nur Nichthandeln war. Dennoch, solche Passivität ist von immenser Aktivität, denn das ganze Wesen, nicht nur der Kontrolleur, der Denker oder ein anderer Persönlichkeitsanteil sind hierbei beteiligt, sondern mein ganzes Sein, die Emergenz meiner Wirklichkeit, die weit mehr als mein Ich oder Ego ist. Das ist Laxzeption, die vollkommen entspannte Wahrnehmung, die zugleich konzentrierte Handlung ist, indem sich der Seinskreis allein durch seine Beschauung wandelt.

Doch eines Tages war die Hütte verkauft – sie hatte ihren Eltern gehört – und der Platz überm Tal nicht mehr erreichbar. Damit hatte sie einen Ruhepunkt in ihrem Leben verloren. Der Schmerz über den Verlust ließ sich jedoch diesmal anders als sonst nicht einfach durch stille Betrachtung lösen. Mit dem Verkauf waren zu viele klandestine Botschaften von Lieblosigkeit verbunden, die ihr ihre Eltern dadurch kundtaten. Ihre Geschichte bekam plötzlich ein besonderes Gewicht und wurde ihr zu einer Last, die sie in mühevollen Schritten erkunden, beschauen und dann ganz allmählich erst durch stille Betrachtung lösen konnte. Es sollte Jahre dauern, bis sie all das bis zum Grund erschauen konnte.

Es ist kein Mangel, wenn wir ein Problem nicht auf den ersten Anhieb lösen. Problem heißt Aufgabe, und um eine Aufgabe zu erledigen, bedarf es Zeit. Zeit ist dabei nicht der Moment des Einswerdens, der gelösten Einsicht. Dieser Moment ist immer zeitlos. Vielmehr ist Zeit die Weile, die es braucht, um von einem solchen Moment zum anderen zu wachsen, zu reifen und zu heilen, um den nächsten Blick wagen zu können. Schließlich kann eine erkannte Wahrheit von solcher Wucht sein, dass sie den Menschen, der sie schaut, augenblicklich verändert. Er ist fortan nicht mehr der gleiche.

Also muss er sich erst neu finden. Hat er sich gefunden, wird er entdecken, dass sich mit seiner Wandlung auch seine Geschichte gewandelt hat. Seine Perspektive hat sich verschoben. Beschaut er von diesem neuen Standpunkt aus seine Geschichte, blickt er mit neuen Augen auf sie. Seine Aufgabe ist somit eine andere geworden.

In dieser Weise wiederholen sich die Aufgaben, bis der Mensch schließlich auf den Grund seines Problems stößt. In diesem Moment vermag er seine Aufgabe zu lösen, indem er aufgibt. Einsicht und Aufgeben sind dabei eins; das ist Kontemplation.

Die letzte Wahrheit ist demnach von vielen Wahrheiten verdeckt. Sie enthüllt sich, indem sie sich – endgültig entlastet – auflöst und verflüchtigt. Das zuvor Belastende wurde leicht, war aufgegeben worden. Doch es konnte keinen Moment davor aufgegeben werden, da es noch von anderen, noch nicht geschauten Wahrheiten gebunden war. Erst in diesem letzten Moment der Wahrheitsfindung erhellt sich auch das Gesamte, das in einzelnen Schritten gelöste und von einem genommene. Es ist stilles Erfassen, das auch mit vielen Worten nicht annähernd beschrieben werden kann. Das ist mystische Schau.

Nach Jahren stand sie am Rande einer Lichtung und sah auf einen nahen Fluss, sah seine Schleifen, sah die vielfältigen Farben seines Wassers, sah die Ufer, vom Auwald gesäumt und verschattet, sah die ferne Straße und sah die Wolken am Himmel und ihre Spiegelungen im Fluss. Auf einmal veränderte sich ihr Blick, und sie erinnerte sich, wie sie einst in das Tal schaute. Da war Ähnlichkeit in dem augenblicklichen Erleben, der Duft, die Stimmung, die Eingebundenheit waren von gleicher Art und doch ganz anders. Mit einem Male sah sie auf den Grund ihrer Aufgabe und die letzten Schatten der Last verflogen. Das Aufgegebene ward aufgegeben.

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