Resilienz

Resilienz © Matthias Mala

Resilienz © Matthias Mala

Das Elend interessiert niemanden. Das Glück und Unglück der Reichen regt dagegen jedermanns Interesse. Weswegen sich auch eine Zeitschrift wie Gala prima verkauft, während die Obdachlosenzeitungen eine Randerscheinung im Blätterwald sind. Häufig werden sie nur deswegen gekauft, um dem noch im Elend verwurzelten Verkäufer einen Obolus zukommen zu lassen. Diese Verkäufer sind Menschen, die wahrlich nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurden, die es aber dennoch wagen, ihrem Abgrund zu entkommen und eine bescheidene bürgerliche Existenz zu beginnen. Die Hindernisse auf ihrem Weg sind groß, manche schaffen es, viele stürzen wieder ab und verschwinden im Elend.

Es gibt viele Berufe, die mit dem Elend konfrontiert sind. Polizisten, Sozialarbeiter, Priester, Psychologen. Es sind ganz unterschiedliche Ausformungen von Elend, denen sie begegnen; doch fast immer handelt es sich um Gewalt und Gemeinheit, die Menschen anderen Menschen an Leib und Seele antaten. Das Elend auf dieser Welt ist fast immer von Menschen gemacht. Selbst Katastrophen wie beispielsweise die Erdbebenfolgen in Haiti vom 12. Januar 2010 sind Menschenwerk. Denn wäre der Staat dort nicht so durch und durch korrupt, hätte man Häuser gebaut, die einem Erdbeben standhielten. Ein vergleichbar kräftiges Erdbeben erschütterte am 4. September des gleichen Jahres Christchurch in Neuseeland, die Schäden waren auch dort groß, aber die Erdbebenfolgen keine Katastrophe.

Das Böse ist menschlich

Wenn sich jemand wie ich, beratend mit Magie beschäftigt, wird er ebenfalls mit viel Elend konfrontiert. Auch hier ist es menschliche Niedertracht, durch die anderen Menschen seelische Wunden beigebracht werden, so dass die Betroffenen allerorten böse Mächte und schwarze Magie vermuten und mich deswegen um Hilfe und Rezepte ersuchen. Dass die ihnen gewährte Hilfe meist nur eine vorübergehende Linderung bewirkt, liegt an der meist vorhandenen Zwangsstörung, die eine Folge vorangegangener seelischer Verletzungen ist. Man hat sich in seinem psychischen Elend eingerichtet, während eine Befreiung von ihm als Bedrohung empfunden wird. Dementsprechend fällt man wieder in die nur kurzfristig überwundenen Verhaltensmuster zurück. Das ganze kann man zurecht als ein magisches Geschehen auffassen, wirkt es doch wie eine Art der Selbstverhexung. Nur der Impuls dazu ist nicht magisch, sondern bösartig. Es sind Täter, männliche wie weibliche, die aus eingefleischter Boshaftigkeit, Seelen zerstören und in ihren Abgrund reißen wollen. Sie sind die wahren Teufel, und gegen die hilft kein Exorzismus, sondern Strafrecht, Therapie und letztlich schützende Distanz.

Man mag in diesem Zusammenhang auch über das Böse als eigenständige Kraft spekulieren. Ich bin davon überzeugt, dass es sie gibt. Es ist die Summe aller menschlichen Niedertracht, die uns umwölkt ‑ quasi die abscheuliche Variante unseres morphogenetischen Feldes; doch entlässt die Tatsache dieser akkumulierten Bosheit keinen Täter aus seiner Verantwortung. Menschenschinder sind Schinder aus sich heraus und nicht das Werkzeug eines Satans in transmorpher Menschengestalt. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich entstamme selbst dem Elend und der abgründigen Niedertracht in Elterngestalt. Doch konnte mich der Hauch des Bösen nicht verderben. Nur, was war es, das bei mir und anderen die Fortpflanzung des Elends unterbrach? Schließlich ist es ein Stereotyp, dass prekäre Verhältnisse prekäre Persönlichkeiten prägen. Freilich prägen derlei Vorurteile nur einen trägen Geist, der die Anstrengung der Nachdenklichkeit scheut. Denn zum einen perpetuieren sich prekäre Verhältnisse nicht ständig, sondern schöpfen sich auch neu. Zum anderen gibt es auch unter einer ganz normalen Oberfläche prekäre Verhältnisse; zum Beispiel die seelische Grausamkeit, die heutzutage die Prügel als Sanktion in der Kindeserziehung ablöste. Das menschliche Elend ist nun mal in Villen ebenso zuhause wie in Slums. Allerdings ist es eine Tatsache, dass sich die Mehrheit nicht aus dem Elend, in das sie hineingeboren oder hineingestoßen wurde, befreien kann. Beim materiellen Elend dauert es meist mehrere Generationen bis eine merkliche Linderung eintritt. Aber auch die seelische Verluderung wird weitergereicht. Im Alten Testament währt die Schuld der Väter bis in das vierte Glied[1]. Eine durchaus zutreffende Beobachtung von habituell wie genomisch vererbtem psychischen Leid; der Abgrund in den man gezogen worden ist, oder in den man sich hinabgesenkt hatte, ist für den, der in ihm steckt, kaum mehr zu überwinden.

Auch gibt es ein Lemmingverhalten, bei dem sich Menschen wider besseres Gewissen einem rasenden Mob anschließen und ihren Mitmenschen das Menschsein absprechen. Kriege, Aufstände, Rassenhass und Nachstellungen aller Art sind ohne diese Neigung zur Anpassung nicht möglich. Ja, ich behaupte sie sind nur möglich, weil unter der zivilisatorischen Tünche in so vielen Menschen ein dunkler Abgrund klafft, aus dem heraus sie alles Heile mit heißem Hass verfolgen, weil sie sich ob seiner fundamentalen Andersartigkeit fürchten, die eigene Bosheit könnte im Kontrast zu ihm durchscheinen. Ja, sie haben ihre Seelen an den Satan der konventionellen Niedertracht verkauft. Das ist nicht nur eine Metapher! Der schlichte Blick auf unsere nahe Welt genügt, um festzustellen, dass das Böse sich wieder krakenhaft verbreitet. Beispielhaft für vieles: das Aufleben des Chauvinismus in ganz Europa, der seine Wurzeln im längst überwunden geglaubten Faschismus hat; da liegt offensichtlich immer noch guter Boden. – Derlei Haltungen sind nicht nur politisch, sondern ebenso privat. Das Böse in der Politik wurzelt in der individuellen Seele. Es ist die allgemeine seelische Verkommenheit, die hier weitergereicht oder übernommen wurde und sich unter anderem auch politisch ausdrückt. Derartige Introjektion besitzt durchaus magische Qualitäten.

Solange der Schmutz abperlt

Und dennoch kommt es immer wieder vor, dass jemand aus dem Gleichschritt ausschert und nicht mehr fortsetzt, was ihm mit der Muttermilch eingeflößt wurde. Diese Fähigkeit nennt man Resilienz, das heißt ein Mensch besitzt ausreichend Widerstands- wie Selbstheilungskraft, um sich nicht in seelische Abgründe hinabreißen zu lassen und auch nicht am Elend einer verrohten und amoralischen Mitwelt zu zerbrechen; sondern unbeschadet von allem Unheil sein inneres Heil zu bewahren, so dass er, sobald sich ihm eine Gelegenheit bietet, dem Ungemach zu entfliehen vermag und ein unbeschadetes Leben beginnen kann. Ich vergleiche diese Eigenschaft gerne mit der Eigenschaft des Lotus, von dessen Blättern aller Morast abperlt. So treibt die Lotusblüte durch den schmutzigen Sumpf zur Oberfläche, um sich dann in ihrer ganzen Pracht zu entfalten, ohne dass noch eine Spur des überwundenen Schmutzes an ihm haftet. – Sich eine vergleichbare innere Reinheit trotz aller äußeren Mißstände zu bewahren, ist ebenfalls ein ganz besonderer Zauber, der in einem Menschen wirkt.

Doch was ist es, dass dem einen die Kraft zum seelischen Überleben inne ist, während sie dem anderen fehlt und er deswegen verdirbt? Es ist gewiss keine Frage von funktionaler Intelligenz, denn Kluge wie Dumme verfallen dem Bösen ebenso, wie es andererseits Kluge und Dumme nicht zu korrumpieren vermag. Bei einem Kind mag sich Resilienz herausbilden, wenn es aus der Not heraus sehr früh seine Eigenständigkeit behaupten muss. Allerdings ist diese Vermutung gleichermaßen vage, denn andere gleichfalls betroffene Kinder nützen diese Fähigkeit, um sich einen Freiraum für die eigene Gemeinheit zu schaffen. ‑ Nun, heutzutage, wo jeder Lebensbereich in klingende Münze verwandelt wird, haben manche auch die Resilienz als Geschäftsfeld entdeckt und kennen ihre Antwort längst auf meine Frage. Es sind die Esoteriker und Psycho-Coaches, die in Wochenendseminaren Resilienz vermitteln[2] und dabei auch ihre Großmutter verkaufen würden, wenn es ihnen Nutzen brächte. Sie bieten das „Erlernen“ von Resilienz als Rüstzeug zur Krisenbewältigung, egal ob Lebens- oder Wirtschaftskrisen; faseln dazu vom wundersamen psychischen Immunsystem, von innerer Stärke, selbst widrigsten Lebensumständen zu begegnen, und erheben Resilienz gar zum Schlüssel zum Erfolg. Da wird uns mal wieder eine neue mentale „Wunderpille“ verkauft. Dabei ist es nur eine weitere Form des kommerzialisierten seelischen Missbrauches, für den man allerdings über ausreichend Resilienz verfügen muss, um ihm nicht zu erliegen.

Wollen wir indes wirklich wissen, was es sein könnte, dass der eine über Resilienz verfügt und der andere nicht, sollten wir uns mit dem inneren Heil beschäftigen. Was bedeutet es, selbst dann noch innerlich – seelisch – Heil zu bleiben, wenn man von bösen Mächten in die Hölle gestoßen wurde? Wahrscheinlich gehört dazu eine gehörige Portion an Dissoziationsvermögen[3]. Nur dann kann man den Schrecken ertragen, ohne sich in der Finsternis zu verlieren, weil einem ein inneres Licht leuchtet. Es ist das sichere Gefühl, das einem sagt: „Was ihr tut ist falsch und böse, aber ihr könnt mich nicht erreichen. Da mag ein anderer sichtbarer Teil von mir vor euch das Knie beugen, ich aber ‑ mein innerstes Selbst ‑ beuge mich nicht.“ Dies mag die Grundvoraussetzung sein, die die Entwicklung von Resilienz ermöglicht. Denn bewahrt man sich einen inneren heilen Kern in der Seele, bewahrt man sich auch die Möglichkeit, diesen gesunden Anteil, diesen Überlebenden der Hölle, wieder ins Leben zu entlassen, sobald das Böse seine Macht über einen verloren hat. Mag auch zuvor der abgesprengte Ich-Aspekt der Person notgedrungen korrumpierbar gewesen sein, ihr wahres lichtes Selbst blieb davon stets unberührt.

Wahrheit ist des Lotus Kern

Jedenfalls ist eine solche disparate Konstellation in der eigenen Psyche eine gute Voraussetzung für sich entwickelnde Resilienz. Allerdings bedarf es hierzu einer besonderen Gewissenswahrnehmung, die auf Wahrheit und Ehrlichkeit gründet. Die Sicht der Wahrheit ist eine unbedingte Sicht. Wir sehen was ist. Wir verdrängen nicht. Wir flüchten in kein Verständnis, weil Wahrheit unverständlich ist. Wir urteilen nicht. Wir akzeptieren, dass es so ist, wie es ist. Wir sagen nicht nein und nicht ja. Wir benennen nichts, sondern sind offen, um zu schauen. In diesem Moment erschließt sich das Geschehen in seiner ganzen Dimension. Die Wahrheit des Bösen zeigt sich in seiner ganzen destruktiven Vielschichtigkeit. Es hat auch in dieser Abartigkeit Struktur. Erkennen wir sie, erflammt unser inneres Heil. Wir erkennen in diesem Augenblick der Wahrheit die eigene Wahrheit: Wir sind nicht gleich; wir sind auch nicht gegensätzlich; wir sind frei vom Bösen; wir sind heil und unberührt. Erkennen wir diese Reinheit in uns ‑ was zugleich Begnadung ist, werden wir sie uns für jetzt und immer bewahren. Denn solchermaßen erleuchtende Reinheit ist ein eigener Kosmos, den wir nicht mehr verleugnen können. Unsere Seele bleibt jungfräulich; das ist ihre Lotuseigenschaft. – Mag sie sich auch über Nacht in den Sumpf zurückziehen, bleibt sie in sich wohl verschlossen und wird am Morgen wieder unbefleckt in vollkommener Reinheit über dem Sumpf erblühen.

Die Ehrlichkeit ist ein stilles Ehrlichsein zu sich selbst. Es folgt der Wahrheit und wird aus der inneren Reinheit genährt. Es lässt uns augenblicklich erkennen, falls wir dazu neigen, dem Bösen zu folgen, es zu relativieren oder uns zu verleugnen. Dies entspricht einer beständigen Gewissenswahrnehmung, die vom Hauch der Wahrheit belebt wird. Die Dissonanz des Falschen wird sofort erfasst und die sich abzeichnende Neigung bereits aus der Wahrnehmung heraus korrigiert. Diese Form des Ehrlichseins ist darum anders als die Sicht der Wahrheit sowohl ein bewusster, als auch ein kognitiver Prozess. Wir reflektieren uns im Zwiespalt zwischen Wahrheit und alltäglicher Wirklichkeit. Wir erkennen unsere Zwiebelhäutigkeit, die uns mit sieben Häuten erlaubt, uns zu isolieren, oder uns gestattet, uns auf unsere wahre Haut zu reduzieren und das Leben mit unserer inneren Reinheit sowie mit unserer ganzen Verletzlichkeit anzunehmen.

Es ist einsichtig, dass eine derartige seelische Öffnung – das Erblühen des Lotus – anfänglich nur in einem vertrauten Rahmen möglich ist. Doch wäre diese äußerste Form der Ehrlichkeit nur ein Privatissimum, bliebe sie im Schatten des Bösen und somit eigentlich der Wahrheit fern. – Die Lotuseigenschaft würde sich verlieren ‑. Es ist deshalb eine Folge bedingungsloser Wahrheit, dass die Ehrlichkeit zu sich selbst von gleicher Bedingungslosigkeit ist. Denn nur dann kann sich das Heile entfalten und seine Innerlichkeit verlassen und über sich selbst hinaus strahlen. Nur dann wirkt das Heile auch gestaltend in unser Leben hinein. Es wird zum Weg, zum Licht, das uns auf ihm leitet. Es ist Führung und Trost. Es ist die Heimat, der Garten Eden, aus dem uns niemand mehr vertreiben kann. Erfassen wir diese Dimension der Ehrlichkeit, sagen wir uneingeschränkt Ja zu uns selbst. Wir haben dann keine Angst mehr, dass unser innerstes und in Zeiten der Bedrängnis verborgenes Heil jemals verletzt werden könnte. Wir sagen deshalb hörbar Nein zum Bösen. Wir zeigen uns und bleiben unverletzt. Der Schmutz perlt an uns ab. Wir leben die Eigenschaft des Lotus.

Haben wir erst einmal begonnen, in solch seelischer Unschuld in unsere Welt zu treten, wird sich unsere Mitwelt sehr rasch teilen. Denn ein aus innerer Reinheit mit sich bedingungslos ehrlicher Mensch ist eine Bedrohung für all die Sumpfgewächse, die im Morast vegetieren und das Licht der Sonne scheuen. Man wird ihn kurz schmähen, aber sich noch schneller von ihm abwenden. Schließlich ist es sein Licht, das ihnen ihre eigene innere Finsternis gewahr werden lässt. Zudem wissen sie, dass sie mit einem lauteren Menschen nicht zusammenwirken können, denn sein Handeln ist so geradlinig wie seine Ehrlichkeit. Für ihn heiligt einzig das Mittel den Zweck. Sein Mittel ist Licht und Liebe. ‑ Das allein ist der Grund wahrer Resilienz.

Wind belebt den Teich
Weißer Lotus wiegt mein Licht
Ein Duft von Wahrheit.


[1] 2Mo 34,7: [Gott] sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!

[2] Basis ihres Trainings ist ein „Resilienz–Modell mit sieben Schutzfaktoren“: 1. Selbstbewusstsein; 2. Selbstverantwortung; 3. Selbstakzeptanz; 4. Selbstmotivation; 5. Selbstkontrolle; 6. Selbstmanagement; 7. Austausch mit anderen.

[3] Dissoziation wird die psychische Fähigkeit genannt, einen Teil seines Ichs, zum Beispiel bei Schockerleben, abzuspalten, um seine Identität zu schützen. Das schreckliche Erleben widerfährt dann in der psychischen Wahrnehmung einem nicht selbst, sondern einem anderen. In ausgeprägten Fällen wird Dissoziation als psychische Erkrankung aufgefasst.

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Ein Kommentar zu “Resilienz

  1. Wie immer sehr gut auf den Punkt gebracht.
    Und … es ist sehr schwierig sich seiner eigenen
    Bösartigkeit bewußt zu werden … täglich …
    stündlich … und dagegen zu handeln.
    Ewig erwische ich mich selbst bei etwas
    Ungutem und versuche es dann „auszubügeln“.

    Liebe Grüße,
    G.

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