Bewegte Stille

Stille © Matthias Mala

Stille © Matthias Mala

 Mit einem Male war es still in der Schwimmhalle. Ich zog jetzt meine Bahnen alleine im Becken. An Laut war nur noch das blubbernde Geräusch meines Atems unter Wasser, das rhythmische Plätschern der Schwimmbewegung und das ferne Strömen der Wasserumwälzung. Leise war es nicht, doch dafür still, denn es kehrte Ruhe in mir ein und das Schwimmen wurde zur Meditation.

Was ist an Stille so heilig, dass wir sie so erhöhen? Wieviel Geräusch lässt Stille zu? Wann ist Stille unerträglich? Ist Gott still?

Echte Stille wirkt tödlich. Wer sich längere Zeit in einer Camera silens, einem absolut geräuschgedämmten Raum, aufhält, in dem es weder Außengeräusch noch Innenhall gibt, so dass jeder Ton sofort verklingt, der wird körperlich und seelisch verfallen. Wo kein Geräusch möglich ist, wird jeder Gedanke und jedes Gefühl zu einer irritierenden Wahrnehmung, die jegliche räumliche wie geistige Orientierung einschließlich des Selbstverständnisses dekonstruiert. Die Person löst sich auf.

Dagegen steht wahre Stille. Sie wird gemeinhin als ein spirituelles Wirken verstanden und durch Meditation und Kontemplation eingeübt. Diese Art der Stille hat nichts mit Geräuschdämmung zu tun. Manchmal kann es gar während einer solchen Übung der Stille recht laut werden, indem sich zum Beispiel die Natur regt; es wettert oder Tiere schreien. Auch das Murmeln von Gebeten, Glockenklang oder andächtige Musik vermögen die eigentliche Stille zu betonen. Stille ist also kein Phänomen der Lautlosigkeit.

Allerdings tritt Stille nur ein, solange die Geräusche uns nicht ablenken oder unsere Konzentration fordern. Ein beständiger Klangteppich im Ohr, wie ihn MP3-Player ermöglichen, ist zudem Ablenkung pur. Er erzeugt eine geistige Trägheit, die einer Wachabsence gleichkommt. Auf derlei musikalischer Umweltverschmutzung treffen wir überdies im Aufzug, im Kaufhaus, beim Wellness oder Yoga aber auch bei vielen Meditationsstunden. Banale unauffällige Musik zieht einen Teil der Aufmerksamkeit auf sich und gaukelt so die Illusion von Stille vor. In diesem Zustand verliert man seine Platzangst, kauft Dinge ein, die man nicht braucht oder glaubt, zu meditieren. Stille ist darum auch kein Zustand der Selbstvergessenheit.

Die Füße treten nach hinten, der Körper gleitet vor. Gleich darauf stoßen die Arme vor, die Hände heben sich für einen Wimpernschlag über die Kopfwelle. Schon öffnen sich die Arme wieder. Gleichzeitig tauchen Kopf und Schulter aus dem Wasser. Atemholen, und wieder gleiten. Das Wasser streichelt die Haut. Der Mensch ist ganz bei sich und ganz mit dem Wasser. Die Stille ist ebenso da wie der Auftrieb, der den Körper an der Wasseroberfläche hält. Nur die Bewegung bleibt von der Stille gelöst. Sie ist Rhythmus. Von der Stille getragener Rhythmus. Ebenso getragen, wie der durchs Wasser gleitende Körper.

Stille ist eine zeitlose Bewegung. Sie trägt sich in sich selbst. In sie kann niemand eintauchen. Alles Laute bleibt vor ihr, gleitet an ihr vorbei, schwebt auf ihrer Oberfläche, wie ein Blatt auf einem ruhigen Teich. Stille trägt auch dieses Blatt. Sie verschwindet nicht, weil sie berührt wird. Ebenso ist es mit den Gedanken, dem Ich, den Gefühlen. Sie vertreiben die Stille nicht. Sie übertönen sie allenfalls, und sie entrückt uns, doch die Stille ist immer da.

Lassen wir es zu, dass die Stille uns trägt, trägt sie uns auch in unserem lärmenden Alltag. Bleiben wir aufmerksam, bemerken wir, wenn wir den Kontakt zu ihr verlieren. Bemerken wir es, trägt uns die Stille fort. Das Heilige verliert uns nicht, selbst wenn wir uns vor ihm verlieren. Es folgt und umfasst uns still zu jeder Zeit. – Stille ist eine heilige Bewegung. Sie ist die Ruhe, aus der jede Bewegung gebiert und in die jede Bewegung eingeht.

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3 Kommentare zu “Bewegte Stille

  1. Genau, die Stille ist immer da. Die Frage ist allein, ob und wie wir sie wahrnehmen wollen. Klasse Beitrag – und schöne Illustration!

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