Ostern als Paradoxon – Eine antipodische Betrachtung

Osterkücken

Osterkücken © Matthias Mala

Ostern feiern wir die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Wohl gewählt fällt dieses Fest auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. Der scheinbare Stillstand des Winters ist gebrochen, die Natur erwacht mit frischer Blüte. Der Kreislauf des Lebens beginnt, sich sichtbar fortzusetzen. Ostern ist demgemäß ein Sinnbild von Wiedergeburt und Überwindung des Todes. In diesem Verständnis wurde es von jeher gefeiert, auch lange bevor das Christentum entstand. Schließlich erfasste man von Anbeginn aller Religionen den Jahreskreis als ein göttliches Geschehen, das es zu deuten galt, um mit den himmlischen Mächten ins Zwiegespräch treten zu können. Dies war und ist rund um den Globus so. So feiern beispielsweise die Maoris ihr Neujahrsfest „Matariki“ wie wir auch mitten Winter, nur mit dem Unterschied, dass bei ihnen der Winter Einzug hält, wenn bei uns der Sommer beginnt.

Freilich entstand das Christentum in der nördlichen Hemisphäre; weswegen die Feste des Kirchenjahres den nördlichen Jahreszeiten gemäß terminiert sind. Auf der Südhalbkugel der Erde finden deshalb Feste wie Ostern oder Weihnachten in einer paradoxen Jahreszeit statt. Feiern wir Ostern im Frühling, ist es für die Neuseeländer bereits Herbst. Und da ein Paradoxon gemeinhin in eine Zwischenwelt führt, bietet sich somit ein guter Grund, darüber nachzudenken, inwieweit die widersprüchliche Symbolik am anderen Ende der Welt dem Osterfest dennoch gerecht wird, und ob wir darüber womöglich einen anderen beachtlichen Zugang zum Mysterium der Passion und Auferstehung Christi finden können.

Jedenfalls müssen wir nicht lange nach Analogien von Vergänglichkeit und Wiedergeburt suchen, die auch der Herbst symbolisiert. Gewiss ist der Frühling mit dem Aufbrechen der Natur ein starkes Symbol der Auferstehung, dennoch sehen wir jetzt, wenn wir durch die noch brache Natur streifen, überall Spuren des Todes, die der Winter hinterlassen hat. Auch das Frühjahr selbst ist für Fauna und Flora noch eine harte Prüfung, da die Nahrung noch knapp ist und Fröste das Gedeihen im Keim zu ersticken vermögen. Im Herbst hingegen verbirgt sich der Tod hinter der Fülle der Ernte. Es ist ein Ahnen nahender Vergänglichkeit, das wir an der schwächer werdenden Sonne ablesen und deren Milde wir zugleich noch dankbar schätzen. In dieser Weise spendet uns der Herbst ausreichend Trost vor dem baldigen Winter. Zudem sehen wir mit dem späten Herbst, wie sich das Leben trotz Rückzug für das kommende Frühjahr rüstet. Die Blüte neuen Lebens ist bereits in Knospen gekapselt, und die Tiere legen sich ein dickes Fell zu oder suchen Schutz, um den Winter zu verschlafen.

Gewiss, die herbstliche Ostersymbolik ist verhaltener und nicht so unverkennbar drängend wie der Lenz. Dafür mahnt sie uns leise, uns mit dem Tod zu versöhnen, ihn nicht zu fürchten, sondern als Übergang zu verstehen. Dies gelingt, sobald wir den Tod als Begleiter sehen, der uns zu jedem Moment mahnt, das Leben neu zu schöpfen, indem wir das Gelebte für das Leben selbst aufgeben. Dies erlaubt uns, uns im lebendigen Augenblick als Mitgeschöpf und ein Mitschöpfendes der gesamten Schöpfung wahrzunehmen. Verstehen wir den lebendigen Augenblick tatsächlich so, indem wir in ihm als Entgrenzte stehen, offenbart sich in uns das Mysterium des All-Einseins. Dieses Mysterium aber ist die Christusnatur. Sie können es auch Buddha-Natur oder vergegenwärtigte Transzendenz nennen. Die Begrifflichkeit bleibt nur ein Etikett für ein im Grunde namenloses, weil unbeschreibliches Geschehen. Tod und Leben, Leben und Tod sind hierbei so gegenwärtig, dass das eine wie das andere ist. Dies ist die Verklärung der Passion; denn in diese Sphäre taucht nur ein, wem zuvor das Leid der Eingrenzung widerfuhr. Suchen wir hierfür die österliche Symbolik in der Natur, so ist es hierzulande der vergangene Winter, während es auf der Südhälfte der Erde, die Vorbereitung auf ihn ist, der Abschied von der Fülle, um letztlich hier wie dort zu himmlischer Fülle zu gelangen.

Aus dieser Betrachtung folgt, das erst in der Akzeptanz des Unbegreiflichen, nämlich der Paradoxie, dass das Leben erst durch den Tod heil wird, sich das ewige Band des Ouroboros schließt und die Welt ins Gleichgewicht gerät. Dies erhellt uns zugleich, dass auch unser Eintreten in die Welt lediglich ein Übergang war – ein schöpferischer Übergang ist.

Betrachten Sie in diesem Sinn, die Schöpfung, egal von welcher Hälfte unserer Welt aus, dürfen Sie das Osterfest als lebendige Liturgie und somit als Offenbarung des Mysteriums unseres Daseins ‑ nämlich fortwährende Schöpfung ‑ verstehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein fröhliches Osterfest.

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