Entsetzte Gedankenstille

Inn © Matthias Mala

Frühling am Inn © Matthias Mala

Am gegenüberliegenden Ufer hat der Biber Bäume angenagt. Einer fiel gestern um. Er liegt mit seiner Krone im Fluss. Palmkätzchen schmücken die kahlen Weiden, in den Gärten blühen Schneeglöckchen und Krokusse. Warmer Wind fällt von den Bergen, ihm entgegen bläst ein kühler Nordwind. Gegen Abend wird der kalte Wind obsiegen. Es wird wieder schneien, und der Schnee wird die frühe Blüte bedecken.

Doch jetzt wandern wir am Fluss entlang. Und mit uns wandern die Sorgen durch den Kopf. Wir erzählen sie uns gegenseitig, hören einander zu, nicken, geben knappe Einwände; doch im wesentlichen sprechen wir uns frei. Bald können wir miteinander schweigen. Ab und an zeigen wir darauf, was uns in der Natur ins Auge fällt, was uns besonders anrührt. Bleiben gelegentlich stehen, beobachten es und spazieren weiter. Die Sorgen sind für einen Weile auf dem Weg geblieben. Wir tragen etwas von der Weite der Landschaft in unserem Geist. Es ist ein frühlingsfrischer weiter Raum in unserem Gemüt.

Es scheint sehr schwer zu sein, einen Gedanken zu beenden. Unser Denken gleicht einer Assoziationskette. Kaum neigt sich der eine Gedanke seinem Ende zu, stiftet er schon wieder einen neuen. Nur selten sind wir gedankenlos. Und meistens sind wir uns dieser Gedankenlosigkeit nicht bewusst. Es ist eher eine Absence, eine Gedankenleere, die noch vom Nachhall verklungener Gedanken durchdrungen ist; im Grunde eine Gedankenferne aber keine Gedankenstille.

Gedankenstille ist kein Nichtdenken. Beim Nichtdenken ist nur der innere Dialog, zwischen dem Ich und der Gedankenwolke ausgesetzt. Die Gedanken sind nicht wirklich zu Ende gedacht worden, die Assoziationskette wurde nur für einen Moment unterbrochen.

Gedankenstille entsteht hingegen, wenn Gedanken zu Ende gedacht wurden. Die gedankliche Aufgabe wurde erledigt. Es steht keine neue Aufgabe an. Unsere Aufmerksamkeit wendet sich keinem neuen Gedanken zu, sondern bleibt präsent. Wir nehmen uns und die Welt mit all unseren Sinnen wahr: da sind wir; da ist der Weg, den wir gehen; da ist die Landschaft; da ist der Freund, der uns begleitet. Nichts muss bedacht werden, denn es ist, was ist. Mehr ist nicht.

Derlei Aufmerksamkeit hebt uns aus unserer gewohnten Welt, in der wir reflektierend und analysierend uns ständig neu verorten. Dafür finden wir uns in einer Welt wieder, die wir nicht denken, sondern einzig mit allen Sinnen schauen. Wir sind bewusst Wahrnehmende, weil wir für den Augenblick unmittelbar in der Welt sind. – Das ist ein Glücksmoment.

In den meisten Leben, die gelebt werden, sind dieserart Glücksmomente leider rar, weil das aus der Welt gehoben sein, auch als ein aus der Welt gesetzt worden sein aufgefasst werden kann. Daraufhin sind wir oft in zweifacher Weise entsetzt; ausgesetzt und entsetzt – erschrocken über unsere kurzfristige Entsetzung, die wir als einen Weltverlust verstehen. Das Glück fühlt sich als ein Unglück an, weil es uns keine egozentrische Teilhabe erlaubt. Erst im Nachhinein, wenn uns die nachflutenden Gefühle einer ungewöhnlichen, ja überirdischen Schau übermannen, beginnen wir, das Glücksempfinden uns denkend anzueignen. Doch dann ist das zuvor geschaute Glück nur noch ein glücklicher Gedanke, dem andere Gedanken folgen.

Darum gut, wenn wir einen Begleiter haben, zu dem wir unsere Gedanken freisprechen können, so dass sie ihr Ende finden. Sind wir dann mutig genug, trotz Entsetzung – was im übrigen auch Befreiung bedeutet – weiter zu schauen, blicken wir gedankenstill in eine transzendente Welt. Ein solcher Blick ist keine passive Schau, sondern höchste Aktivität, denn er eint uns ins Alleinige, und ein solches Geschehen ist Schöpfung.

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