Maskenball

Atelier-Ruth-Mala

Atelier Ruth Mala © Matthias Mala

Ein Kollege erzählte vor einer Sitzung von seinem Onkel, der einen Tumor im Kopf mit sich trug, der ihn bald dahinraffen sollte. Sie hörte am Rand der Runde zu. Später sprach sie ihn an, sie kenne eine Heilerin, die das bestimmt hinbekommen würde. Der Kollege winkte ab. Er wollte es nicht hören. Doch sie sprach weiter, obwohl sie weder den Onkel kannte noch den Kollegen kaum und nicht mehr wusste, als sie soeben am Rande mitgehört hatte: jemand stirbt an einem Gehirntumor.

Der sterbende Onkel war selbst jahrelang als Heiler tätig. Er hatte vielen die Hand aufgelegt. Manche fühlten sich danach besser, gesund wurde keiner durch die aufgelegte Hand. Es waren die Ärzte, die sie wieder auf die Beine brachten oder die mit ihrer Kunst scheiterten. Das aber übersah der Onkel in seinem Dünkel. Schließlich galt er in seinem Kreis als Guru und besaß mithin als Meister auch zweifellos Heilgabe. Nur jetzt versagte an ihm die eigene Kraft, und er fügte sich nach kurzem Hadern in sein Schicksal. Es war Karma, und es war eine Befreiung. Er hatte genug auf diesem Planeten gewirkt. Seine nächste Inkarnation würde feinstofflich auf einem fernen Planeten geschehen. Er würde dann ein Begleiter, ein Engel sein. Der nahe Tod war ihm nur noch notwendiger Durchgang, zu neuem reicherem Leben.

Davon wusste sie nichts. Sie wusste auch nichts von der Sicht des Kollegen, der den Onkel für einen Spinner hielt und ihn ob seiner Heilerei oft als Scharlatan kritisiert hatte, dafür aber seine Krankheit als bittere Ironie des Schicksals empfand. Der baldige Tod des Onkels stimmte ihn dunkel und traurig. Mit einem scharfen Satz verbat er sich das weitere Geschwätz von ihr über alternative Heilkunde und versagende Schulmedizin. Er empfand ihr Reden als Belästigung und Respektlosigkeit gegenüber seinem Schmerz. Es beschmutzte seine seelische Vorbereitung auf die baldige endgültige Trennung. Jedes Wort von ihr war ihm eine schneidende Verletzung, ein dummdreistes Geplapper vom Boulevard.

Sie war über die harsche Rückweisung betroffen. Verstummte. Setzte nochmal an, sie meine es doch nur gut, doch er wandte sich ab und ging. Sie stand da, fühlte sich unverstanden, fühlte sich hilflos und war ärgerlich, weil ihre Hilfsbereitschaft, ihr Wissen so wenig goutiert worden war.

Wir blicken auf die Welt durch unsere Masken. Die Maske ist unsere Person. Durch sie dringt unsere Stimme, unser Wesen – „Per-sonare“, es bedeutet hindurchtönen. Die Maske wurde durch unsere Erziehung, unser Wissen, unsere Ansichten und unsere Vorurteile geformt. Wir meinen unsere Welt und teilen unser Meinen mit, um Resonanz zu erhalten. Das Mitschwingen anderer mit unserem Meinen stabilisiert unsere Person, verfestigt unsere Maske und mit ihr unsere Welt. Wir finden somit Stand in ihr und mit ihm auch Sicherheit. Unser Standpunkt wird zur Mitte unserer Welt. Dabei bleiben wir jedoch Verborgene und Unerkannte. Die Maske, das überschminkte Gesicht, bleibt das Sichtbare, das Erkannte, das Erinnerte. Wer wir wirklich sind, bleibt ungeteilt. Wir selbst wissen nicht um uns, geschweige denn ein anderer. Wir wissen nur um unsere Oberfläche. Was durch uns west, bleibt uns entrückt. Wir sind uns selbst jenseitig. Allein dem Schöpfer noch Geschöpf, der durch uns weht doch unsere Oberfläche nicht sieht. Freilich, so entleert, sind wir ihm kein Gefäß. Und so fließt aus uns, was uns beleben will, während wir uns vom Unbelebten Leben leihen. So bleibt‘s der Abglanz, der uns beseelt. – Das zu sehen allerdings, ist Ausbruch!

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5 Kommentare zu “Maskenball

  1. … Und so fließt aus uns, was uns beleben will, während wir uns vom Unbelebten Leben leihen. So bleibt‘s der Abglanz, der uns beseelt. – Das zu sehen allerdings, ist Ausbruch! … sagst Du

    Hören wir uns selbst gut zu 🙂

    Ich mag zwischen unbelebt und belebt immer weniger unterscheiden. Ist nicht gerade das, was uns beleben will – lebendig – fruchtbar – Anstoß?

  2. Aber ja, liebe Ahara, so sehe ich es auch, das Leben ist der Impetus der Schöpfung. Unbelebtes gibt es an sich nur in unserer Person, eben das, was wir selbst schöpften, manche nennen es „Ego“. Mir ist das zu wuchtig, denn Ego macht auch das Differenzierte sichtbar und kann von daher quicklebendig sein.
    Lieben Gruß
    Matthias Mala

  3. Hallo Matthias – keine Angst vorm Ego kan man da nur sagen. Ein guter Lehrmeister ist nicht zu unterschätzen.
    Was wirklich stört, können wir abstellen.

    Viele schütten das Kind mit dem Bade aus – nämlich ihr ICH.
    Deine Antwort ist erfrischend und gut *lächel*

    Liebe Grüße
    Barbara

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