Erkenntnis

Erkenntnis © Matthias Mala

Erkenntnis © Matthias Mala

Immer wieder Erkenntnis. Erkenntnis durch Aufmerksamkeit, Erkenntnis durch Loslassen, Erkenntnis durch Selbsterkenntnis, Erkenntnis durch Hingabe, Erkenntnis durch Kundalini, Erkenntnis durch Erwachen, Erkenntnis durch Erleuchtung, Erkenntnis durch Holzhacken. Lese oder höre ich etwas über Spiritualität, springt mich dieserart Erkenntnis an. Also frage ich mich an geraden Tagen, was mag es sein, was da erkannt werden möchte? Hingegen frage ich mich an ungeraden Tagen, wer mag der Erkennende sein? Und dazwischen frage ich mich, wer mag ich sein, wenn ich dereinst mal vom noch zu Erkennenden erkannt werden sollte?

Nebenbei eine profane Erkenntnis: Geschichte wiederholt sich nicht. Doch ohne Kenntnis der Geschichte, wird man aktuelle historische Analogien nicht erkennen und somit aus den Fehlern der Vorväter nichts lernen.

Eine Erkenntnis, die in spirituellen Kreisen, die sich der Gotteserkenntnis widmen, erkennbar wenig gilt. Betrachten wir hierzu nur das Wirken der Gnostiker vor zweitausend Jahren, es unterscheidet sich von dem Gehabe der Erkenntnisstreber heute nur marginal. War ihr Weltbild damals zoroastrisch und neoplatonisch unterlegt, so sind es heute buddhistische und vom hinduistischen Advaita geprägte Weltauffassungen, die die Erkenntnissuchenden überwiegend leiten. Hierdurch unterscheiden sich zwar die Erkenntnisweisen, nicht aber die grundsätzliche Einstellung zur Erkenntnis. Jeder Erkennende weiß mit seiner Erkenntnis um den Weg zum himmlischen Bahnhof und gründet flugs seine eigene Schule, um anderen Irrenden den Weg zu weisen. So war es vor 2000 Jahren und so ist es aktuell wieder und das bereits von Beginn der Romantik vor über 200 Jahren an.

Erkenntnis ohne Schüler ist Gnosis pro domo, sie bleibt ohne Wert, weil ohne Rückmeldung. Erst der Schüler macht den Meister, und erst durch ihre Beziehung wird das Erkannte wahr. Es ist ihr Dialog, der die zuvor flüchtige Erkenntnis verfestigt. Der Meister lehrt den Schüler, um sich selbst zu lehren, was er irgendwann einmal erkannt hatte. So bleibt in der Welt, was für einen kurzen Moment womöglich Schöpfung war. Man redet über den besten Weg zum Bahnhof, doch niemand fährt ab. – Letztlich ist das Erkenntnislosigkeit!

Erkenntnis hat mit Kenntnisnahme zu tun. Ich lerne kennen, was sich mir offenbart. Hierbei gibt es aber bereits eine Kenntnis dessen, was sich mir zeigen könnte. Meine Vorkenntnis erhellt das sich zeigende. Erst hierdurch finde ich, was ich suche. Ich bleibe also in meinem Zirkel, während die Erkenntnis meinen Horizont erweitert – mein Zirkelschlag wird weiter.

Dass ich nur erkennen kann, was ich kenne, davon spricht die Bibel bereits in der Genesis: „Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain“, (Mos 4.1). Gemeint ist hiermit nicht nur der profane Geschlechtsverkehr, sondern die innige Vertrautheit zwischen Adam und Eva, die ihre anfängliche Scham überwunden hatten, und sich gegenseitig offenbarten. Ein jeder erkannte dabei im anderen sein Pendant. Derlei Erkennen ist zugleich ein Selbsterkennen als auch eine Weiterung des eigenen Wesens um die Wesentlichkeit des anderen. Es ist ein ebenso großartiges wie beglückendes Ereignis – vor allem wenn dadurch Kinder in die Welt kommen.

In diesem Sinne ist auch eine mystische Erkenntnis ein außergewöhnliches Ereignis besonderer Vertrautheit. Es ist die stille Offenbarung des Transzendenten, dessen Grund in der Seele schon gelegt und somit im Innersten bereits gekannt wird. – Was ich also erkenne ist mein innerstes Selbst, mein Seinsgrund. Jedenfalls bleibe ich im Bekannten, denn nur dann kann ich im nachhinein sagen: Ich habe erkannt, dass …!

Erkennen bleibt folglich stets ein Durchscheinen des noch Unerkannten, es ist das Licht, das uns leitet, es ist das Mehr, das uns anregt, zu forschen und zu lernen, es ist die vorgehaltene transzendente Möhre, die uns als himmlische Esel in Trab hält. Doch erst wenn wir unsere „Eselnatur“ erkennen, vermögen wir, sie zu überwinden und innezuhalten.

Erkenntnis versetzt uns demnach in den Zustand aktiver Wandlung. Nicht der Vorsatz, sich zu wandeln, führt zur Wandlung, sondern die Erkenntnis, dass ich unvollkommen bin. Meine Unvollkommenheit ist eine Tatsache. Der Vorsatz, mich zu wandeln, prolongiert sie nur. Er wird zwar aus der Annahme meiner Unvollkommenheit – von ihrem Durchscheinen –gestiftet. Diese Annahme ist jedoch ohne Erkenntnis. Sie bleibt ein Mutmaßen, im Sinne von: es wäre wohl besser, wenn ich mich vervollkommne. Nur wenn ich den Vorsatz aufgebe und ohne wenn und aber einzig die Tatsache meiner Unvollkommenheit nüchtern betrachte, werde ich, weil erkennend, unmittelbar handeln.

Innehalten ist also ein Ergebnis von Erkenntnis. Nicht ich finde zur Handlung, sondern die Handlung findet zu mir. Ich handele vorsatzlos, allein aus unmittelbarer Anschauung. Mein Handeln wird mir in die Hände gelegt. Ich halte ein. – Ohne Vertrauen in eine himmlische Getragenheit ist solches Innehalten nicht möglich. Mein Vertrauen ist der Kredit, den ich gebe. Sein Zins ist die Vertrautheit, die mir widerfährt. Oder anders ausgedrückt, der Lohn meiner Hingabe ist Liebe.

Bin ich hierfür offen, kann es geschehen, dass sich das Vertraute einstellt und ich von Ihm erkannt werde. Es ist Erkenntnis pur: Erkenntnis ohne Erkennenden. Ich bin in Ihm; Sein Erkennen ist mein Sein. Es ist Seine Liebe, die mich trägt. – Zurück bleibt die Empfindung himmlischer Getragenheit, sie allein ist die einzig wahre Erkenntnis, die mir widerfahren kann. Und damit trägt mich die Antwort auf meine anfängliche Frage: Wer mag ich sein, wenn ich dereinst erkannt werden sollte? – Ein von Ihm geliebter Liebender!

Himmlische Synchronizitäten

Heilige Drei Könige © Matthias Mala

Heilige Drei Könige © Matthias Mala

Blickt man zurzeit in den Nachthimmel sieht man den Mond in etwa auf der Bahn, die die Sonne im Sommer beschreibt (großer Tagbogen); dagegen läuft die Sonne auf der sommerlichen Mondbahn (kleiner Tagbogen). Da die Mondscheibe in ihrer Größe in etwa der Sonnenscheibe entspricht, ist zumindest der volle Mond ein ihr entsprechendes Licht in der Dunkelheit. Diese Beobachtung fand wie so viele Himmelsbeobachtungen schon vor vielen Jahrtausenden Eingang in unsere Religionen. Als einander metaphysisch gleichwertige Gestirne verkörpert seitdem die Sonne das männliche und der Mond das weibliche Prinzip. Im Christentum vertritt die Jungfrau Maria die einstige Mondgöttin. Im auferstandenen Christus mag man die alte Sonnengottheit erkennen.

Jedenfalls sahen unsere Ahnen in der gleichen Größe von Sonne- und Mondscheibe keinen Zufall, sondern ein göttliches Zeichen. Weiterlesen