Ein Licht geht auf

Kerzenlicht © Matthias Mala

Kerzenlicht © Matthias Mala

Aufgehende Lichter sind Momente der Erkenntnis. Sobald der Morgen die Nacht vertreibt, erkennen wir die Welt wieder als die unsere. Die Geister der Nacht verschwinden in der schattenlosen Dämmerung und was uns nächtens noch ängstigte nimmt wieder seine altbekannte Gestalt an. Seit jeher symbolisiert die Wintersonnenwende diese Form der Erkenntnis und erhöht sie – wie könnte es auch anders sein, wenn Götter sterben und wiedergeboren werden – ins metaphysische. In dem Moment, in dem die Dunkelheit am längsten und tiefsten ist, befindet sich ihre Macht bereits im Niedergang. Die Geister toben zwar noch in ihrer Wilden Jagd über Land und Flur, reißen alles Schwache mit sich und schrecken alles, was sich regt; doch es bleibt ein verebbender Sturm. Der Gott ist wiedergeboren, sein Licht erhellt die Dunkelheit, und das Poltern der Wilden Jagd ist nur Tribut an seine Macht. – So das gnostische Bild vom Sieg des Lichtes über die Dunkelheit, das sich Jahr um Jahr wiederholt und uns Weihnachten ist.

Ein Kind wächst heran. Die erste Zeit noch unbeholfen aber bereits fordernd; seine ganze Kraft ist aufs Überleben gerichtet. Liebe, Wärme, Fürsorge sind sein Verlangen. Tasten, lauschen, schauen sind sein Behuf. Aus der dunklen Mutterhöhle in die lichte Welt geworfen, bemerkt es und erkennt bereits Bemerktes. Es lernt und erkennt. Es ist ganz Welt. Ungeteilt lebt es mit ihr. Die Welt ist ihm Geschwister. Sie ist mit ihm. Mal ist sie mütterlich umhüllend, mal spröde Begrenzung und schmerzhafter Widerstand. Doch sie ist noch nicht getrennt vom Kind. Noch herrscht magische Einheit. Ein scheinbar paradiesischer Zustand.

Doch irgendwann kommt der Moment der Erkenntnis, zu dem sich das Paradies öffnet und der Mensch sich selbst erkennt und vom Wir zum Du gelangt. Er schlüpft unter dem Gottesmantel hervor und stellt sich seinem Schöpfer, stellt sich seiner Welt gegenüber. Sein Ich wird geboren.

An einem Sommertag durfte ich Zeuge einer solchen Wandlung werden. Mein kleiner Sohn hatte irgendeine Kleinigkeit angestellt, ich weiß nicht mehr was. Jedenfalls fragte ich ihn, ob er es war. Und er wollte es eigentlich zugeben, doch mitten im Impuls, dies zu tun, hielt er inne und verneinte es. Im selben Augenblick erschrak er zutiefst und gleichzeitig zeichnete sich ungläubiges Staunen in seinem Gesicht. Es war seine erste bewusste Lüge. Es war zugleich ein Moment, mit dem er die Zauberglocke der einheitlichen Welt durchbrach. Er war nicht mehr eingebunden Handelnder, sondern vermochte unabhängig von der Wirklichkeit der Welt zu handeln. Er konnte nein sagen, wo zweifelsfrei ein Ja stand. Er konnte also die Welt in seinem Sinne ändern. Seine kleine Lüge war ein schöpferischer Akt und ein immenser Akt der Selbsterkenntnis. Er war sich selbst bewusst geworden. Diesen Augenblick erlebte er einerseits staunend, als Entdecker dieser Möglichkeit, andererseits war sie ihm ein gewaltiger Schreck, denn es war für ihn buchstäblich eine Vertreibung aus dem Paradies. Ein Weltenbruch samt Neugeburt! Die alte magische allumfassende einheitliche Welt war ihm zerbrochen, warf ihn aus und stellte ihn allein der Welt gegenüber.

All dies geschah mit einem Wimpernschlag. Und für den Augenblick war er zerbrechlich wie ein frisch geworfenes Fohlen und gleichzeitig voller Mut und Neugier, sich dieser neuen Welt zu stellen, sie zu entdecken und soweit zu erkunden, bis er sich womöglich irgendwann das Geheimnis des allgegenwärtigen Paradieses wieder erschlösse und somit in anderer, gleichwohl äquivalenter Form mit seiner Welt wieder heil werden würde. Schließlich ist der Verlust des Paradieses nur der Weg in eine Welt, die in einem selbst erkannt werden will. Hier, in solcher Bewusstheit, mag sich uns letztlich auch als wirkende Liebe die vielbesprochene Gottesebenbildlichkeit des Menschen erschließen.

Advertisements

Reduktion

November

November © Matthias Mala

Am Barbaratag sah ich bei einem Besuch auf der Frauenwörth, noch ein Beet Lauch in einem Garten stehen. Bis spät in den November hinein wurden allerorten die letzten Ernten eingebracht: Nüsse, Kohl, Kürbis, Schwarzwurzeln und so manches harrt – wie gesehen – immer noch darauf. Später noch, nach dem ersten Frost, kommen Grünkohl, Hagebutten und Schlehen in den Korb. Noch viel später im Januar wird der Eiswein gelesen. Derlei Einbringen ist ein langsames Enden; obwohl man bei genauer Betrachtung neben dem Rückzug des Lebens auch Fortbestand und Blüte entdecken kann. So weicht das Grün nicht überall. Die Wiesen und die niedere Frucht des Winterweizens widerstehen dem Frost, und Winterblüher wie Erika, Christrose oder Winterjasmin öffnen ihre Blüten. Mag sich darüber auch die Schneedecke wie ein weißes Leichentuch legen und vom allgemeinen Stillstand künden, unter ihm pulsiert weiterhin die gewaltige Kraft des Lebens. Es atmet nur aus, verharrt kraftschöpfend für eine kurze Weile, um schließlich im Frühjahr rauschend zu erwachen. Somit bleibt der winterliche Niedergang, der Tod, nur ein Wandler. Das Leben endet, um wiederbelebt neues Leben zu stiften. Es weicht, um sich selbst bebrütend neu zu gebären. Durch den Tod geht das Leben mit sich schwanger. Weiterlesen