Horizonterweiterung

Rasch stieg das Flugzeug in den Himmel. Am Boden herrschte noch Morgendämmerung. Nach wenigen Minuten wich im Osten die bleierne Horizontlinie dem Morgenrot, dann rollte die rote Sonne über den Horizont. Direkt unter uns lag das Land noch im nächtlichen Schatten. Wir sahen den Tag, noch ehe er am Boden anbrach. Gleichzeitig sahen wir weit über das Land. Erkannten mit einem Blick ferne Städte und Flüsse. Bald würde uns das Land unter uns fremd sein, und wir würden seine Blickpunkte nur noch erraten können.

Verschieben wir die Grenze unseres geistigen Horizonts, rücken wir Unbekanntes ins Bekannte. Gleichzeitig erfahren wir die Begrenzung unseres Wissens. Zum einen liegt das Unbekannte weiterhin hinter dem Horizont, zum anderen zwingt ein erweitertes Blickfeld zur Fokussierung, um nicht in belangloser Übersicht und somit in kenntnishafter Unwissenheit zu verharren. So können wir uns gleichermaßen im Wissen finden als auch in ihm verlieren. Wissen kann somit nicht zur Quelle der Weisheit werden.

Als wir vom Gipfel abstiegen, stand die Sonne schon tief im Westen. Die Felsen erhielten im Abendlicht zusätzliche Kontur; die Schatten gerieten tiefer und die goldbeschienenen Brüche und Kanten litten Erhöhung. Die Landschaft rückte zum greifen nahe. Im Tal war schon Abend. Laternen blinkten. Die Schattengrenze kroch den Hang hinauf uns entgegen. Nebel floss entlang des mäandernden Flüsschens und breitete sich auf den Uferwiesen aus. Eine ferne Glocke läutete die Vesper aus. Wir würden im Dunkeln unten ankommen. Der zunehmende Mond wurde uns zur Laterne.

Suchen wir die Wahrheit in uns, verengt sich unser Blick. Es gibt keine Weite mehr, in der wir uns verlieren könnten. Dafür begegnen wir hinter unserem Selbstbild unserer Selbstvoreingenommenheit. Überwinden wir sie, begegnen wir unseren Schatten und unserer Gottverlassenheit. Auch dies ist ein unbekanntes Reich jenseits unseres inneren Horizontes. Wir überschreiten ihn, indem wir die Tiefe in uns ausloten. Unsere Erkundung konfrontiert uns mit unserer Nachtseite. Auch hier rückt Unbekanntes ins Bekannte. Weise macht uns auch dieses Wissen nicht; wir werden uns in ihm finden als auch verlieren.

Weise werden wir nicht durch Wissen, sondern durch unser Nichtwissen; denn jedes Wissen birgt einen Wurf Wahrheit über seine Begrenztheit hinaus. Es ist der Pfeil transzendenter Kontemplation. Sein Schwung konfrontiert uns mit dem Duft der Wahrheit, der Stille. Sie formt die Grenze, die wir nicht überschreiten können. Sie ist die Sphäre des Nichtwissens; der Nebel über dem mäandernden Verstand. Sie ist wie das Zodiaklicht, das im Frühjahr der Sonne nachleuchtet und ihr im Herbst vorausscheint. Es erhellt die mondlose Nacht und ist nur dem Kundigen bewusst. Ebenso wirkt das unsichtbare Licht, das den Stillgewordenen in der Stille erhellt. – Nein, besser noch: es erhellt die Stille, die sich weit vor dem tönenden Gedanken bricht.

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