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Archive for November 2012

Rasch stieg das Flugzeug in den Himmel. Am Boden herrschte noch Morgendämmerung. Nach wenigen Minuten wich im Osten die bleierne Horizontlinie dem Morgenrot, dann rollte die rote Sonne über den Horizont. Direkt unter uns lag das Land noch im nächtlichen Schatten. Wir sahen den Tag, noch ehe er am Boden anbrach. Gleichzeitig sahen wir weit über das Land. Erkannten mit einem Blick ferne Städte und Flüsse. Bald würde uns das Land unter uns fremd sein, und wir würden seine Blickpunkte nur noch erraten können.

Verschieben wir die Grenze unseres geistigen Horizonts, rücken wir Unbekanntes ins Bekannte. Gleichzeitig erfahren wir die Begrenzung unseres Wissens. Zum einen liegt das Unbekannte weiterhin hinter dem Horizont, zum anderen zwingt ein erweitertes Blickfeld zur Fokussierung, um nicht in belangloser Übersicht und somit in kenntnishafter Unwissenheit zu verharren. So können wir uns gleichermaßen im Wissen finden als auch in ihm verlieren. Wissen kann somit nicht zur Quelle der Weisheit werden.

Als wir vom Gipfel abstiegen, stand die Sonne schon tief im Westen. Die Felsen erhielten im Abendlicht zusätzliche Kontur; die Schatten gerieten tiefer und die goldbeschienenen Brüche und Kanten litten Erhöhung. Die Landschaft rückte zum greifen nahe. Im Tal war schon Abend. Laternen blinkten. Die Schattengrenze kroch den Hang hinauf uns entgegen. Nebel floss entlang des mäandernden Flüsschens und breitete sich auf den Uferwiesen aus. Eine ferne Glocke läutete die Vesper aus. Wir würden im Dunkeln unten ankommen. Der zunehmende Mond wurde uns zur Laterne.

Suchen wir die Wahrheit in uns, verengt sich unser Blick. Es gibt keine Weite mehr, in der wir uns verlieren könnten. Dafür begegnen wir hinter unserem Selbstbild unserer Selbstvoreingenommenheit. Überwinden wir sie, begegnen wir unseren Schatten und unserer Gottverlassenheit. Auch dies ist ein unbekanntes Reich jenseits unseres inneren Horizontes. Wir überschreiten ihn, indem wir die Tiefe in uns ausloten. Unsere Erkundung konfrontiert uns mit unserer Nachtseite. Auch hier rückt Unbekanntes ins Bekannte. Weise macht uns auch dieses Wissen nicht; wir werden uns in ihm finden als auch verlieren.

Weise werden wir nicht durch Wissen, sondern durch unser Nichtwissen; denn jedes Wissen birgt einen Wurf Wahrheit über seine Begrenztheit hinaus. Es ist der Pfeil transzendenter Kontemplation. Sein Schwung konfrontiert uns mit dem Duft der Wahrheit, der Stille. Sie formt die Grenze, die wir nicht überschreiten können. Sie ist die Sphäre des Nichtwissens; der Nebel über dem mäandernden Verstand. Sie ist wie das Zodiaklicht, das im Frühjahr der Sonne nachleuchtet und ihr im Herbst vorausscheint. Es erhellt die mondlose Nacht und ist nur dem Kundigen bewusst. Ebenso wirkt das unsichtbare Licht, das den Stillgewordenen in der Stille erhellt. – Nein, besser noch: es erhellt die Stille, die sich weit vor dem tönenden Gedanken bricht.

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Mehr und immer mehr. Höher, besser, weiter. Keine Nachricht ohne Superlativ. Der älteste Boxweltmeister aller Zeiten, der erste siamesische Zwilling wird Präsident, die jüngste Einbeinige auf dem Mount Everest, der schneereichste Oktober seit Jahrzehnten wurde dieser Tage verkündet. Ja, es war viel Schnee, er fiel seit Mittag des Vortages. Fette weiche Flocken trudelten herab. Die Bäume standen noch gut im Laub. Die Herbststürme waren ausgeblieben. Auch mischte sich noch viel Grün zwischen herbstbunt gefärbte Blätter. Der Schnee legte sich auf das Laub, bedeckte die Baumkronen, wurde ihnen bald zur Last, drückte die jungen Bäume zu Boden und bei den älteren einzelne Äste herab. Nur die Bäume, die ihr Laub schon abgeworfen hatten, standen gerade und zeigten unter weißen Stegen das dunkle Filigran ihres Geästes.

Als wir mittags durch die Schneelandschaft zur Ilkahöhe wanderten, lagen kaum Spuren auf dem verschneiten Pfad. Auf der Hügelkuppe angekommen umschloss uns milder Glanz. Das milchige Licht der Schneewolken brach sich im gelbroten Laub der riesigen Buche, verzauberte den Kreis unter ihrer weit ausladenden Krone in einen golden durchschienenen Raum. Es war ungewöhnlich still. Wir setzten uns in das Schneepolster auf einer Bank und blickten unter den zum Wiesengrund schwingenden Ästen hindurch in die Ferne, wo sich Himmel und Erde im fernen Schneetreiben verwischten. Es gab keinen Horizont mehr in diesem übergroßen Schüttelglas.

Ab und an ein scheuer Blick in den Dom der Buche, den Bögen der bleifarbenen Äste folgend, ob nicht doch ein Ast von der Schneelast niedergedrückt brechen könnte. Doch da war kein Knarzen, kein Senken. Die Krone war so biegsam wie fest, so wie sie schon über hundert Jahre Wind und Wetter trotzte. Auch diese Last war ihr nur eine leidliche Fährnis.

Was war es, was uns verwandelte? Der Weg hinauf zur Höhe mit seinen vielen Gleichnissen, von Werden, Vergehen und Wiederstehen? Von Spurensuche und neuen Wegen? Oder der Blick auf den fernen See, die im Nebel verschwindende Uferlinie? Oder der Blick zum verwischten Horizont, wo man an klaren Tagen die Alpenkette sieht? Oder war es die Stille und das goldene Licht unterm Baum? Jedenfalls verloren wir uns im Kreis unter ihm. Verbanden uns mit dem Raum und waren mit ihm, diesem stillen Moment. Atmen, lauschen, schauen, spüren, alle Sinne waren wach. Der Baum nahm uns auf, bot uns seine Gastfreundschaft an, ließ uns weilen und trat in Zwiesprache mit uns.

Intensiver schweigender Austausch verwebte die beiden Menschen und den Baum, verwebte diese kleine Gruppe mit dem angrenzenden Hain und verwebte das ganze mit der Landschaft. Es war eins, ohne dass jemand es vereint dachte. Es war stille Metamorphose. Der Winter floss in den Herbst hinein, Zeit strich vorbei, nahm etwas mit und ließ etwas da; es war ein Moment des Sterbens wie des Erwachens es war lebendige Reinkarnation.

Wir wanderten zurück in den Ort. Rückten zurück in die Welt. Die Verbindung löste sich.

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