Zeitlos balzende Täubchen

Tauben © Matthias Mala

Tauben © Matthias Mala

Frühlingswehen bläht die Kröpfe der Tauben. Es ist ein Gurren und Balzen, ein Turteln und Hacken auf dem Gesimse meines Gegenübers. Seit Stunden treibt es die graublauen Vögel um die Luke unter der Traufe herum. Für den Augenblick herrscht Ruhe. Und schon flattern sie wieder herbei. Mal sind es ihrer drei, mal fünf, mal drückt sich die Henne unter die Dachrinne, tanzt, lässt sich beschnäbeln und gibt so Anlass zu erneuten Hahnenkämpfen. Ein überreiztes Treiben der Triebe. Jetzt hockt das Paar schnäbelnd unter Traufe. Darüber ein verschmähter Hahn, als dritter im Bunde und Störenfried, der dem Erwählten den Kamm anschwellen lässt. Alsbald wird das Paar Ästchen zum Sims hinauf tragen und einen Nistplatz anhäufeln.

Diese Beobachtung hielt ich vor über zehn Jahren in meinem literarischen Online-Experiment „Gegenüber“ fest. Dieser Tage erinnerte ich mich daran, als ich einigen Tauben am Sendlinger Tor zusah, die sich in ähnlicher Weise verhielten. Gurren, Plustern, Locken, Streiten. Das ewige Spiel.

Schon vor über einem halben Jahrhundert beobachtete ich es als Kind und war von ihm damals ebenso wie heute fasziniert. In ihm liegt gleich viel lebendiges wie zwanghaftes. Das Spiel ist improvisiert, doch die Regeln folgen der Natur. Man konnte es schon im alten Rom verfolgen und weit davor. Das Spiel ist so alt wie es Tauben gibt und wird erst mit der letzten Taube zu Ende sein. – Nicht viel anders ist das Spiel unseres Hierseins. Es formt sich gleichermaßen durch Improvisation und unbewusste Regeln der Gemeinschaft wie der Veranlagung. Es ist im Grunde durch sein stetiges Sosein ein Moment der Zeitlosigkeit in unserem Dasein. Denn es taten schon die Ahnen so und es werden die Kindeskinder nicht anders halten können. Es ist eine verlässliche Gleichförmigkeit voll Schönheit und Gewalt. Wobei selbst das Böse nicht ohne Ästhetik ist. Ein Hahnenkampf ist für den Beobachter ein beeindruckendes Schauspiel. Für die Hähne ist er hingegen Leid – selbstverständlich. Doch auch wir haben Gefallen an der Ästhetik des Bösen, die uns beispielsweise allabendlich via Fernsehen eigentlich das Abendessen vergällen sollte. Tut es aber nicht, weil wir das Spiel mit seinen okkulten Regeln kennen. Ja, wir sind auch als Zuschauer Teil des Spiels!

Wir könnten unsere zwanghafte Eingebundenheit in diese alltäglichen Abläufe vertiefen und uns darüber Gedanken machen, wie wir diese Notwendigkeiten überwinden, um sie aus seltsamer Distanz und Abgehobenheit zu betrachten, quasi abgeklärt und erleuchtet. Doch halte ich von derlei Perspektivenwechsel wenig. Er bleibt systematisch und somit illusionär.

Viel spannender erscheint mir hingegen die Betrachtung des Immerwährenden im Ablauf des Geschehens. Gerade an einer solchen unveränderlichen Banalität wie dem Balzverhalten der Tauben, offenbart sich eine Zeitlosigkeit, durch die wir den Hintergrund unserer Wirklichkeit erkennen. Ich meine damit die Abwesenheit als auch die Totalität von Zeit. Zwei Eigenschaften, die sich in transzendenten Momenten einstellen, ja, diese rückblickend geradezu kennzeichnen. Totalität wäre, die Gesamtheit allen Seins und damit auch der Zeit zu erfassen. Die Zeit steht still. Zukunft und Vergangenheit sind gegenwärtig als wäre für den Augenblick alles Werden eins. Diese totale Zeitwahrnehmung, als wäre man das Gas in einer Zeitblase und damit gleichzeitig an jedem Punkt der Zeit, vermittelt eine Ahnung von Zeitlosigkeit. Ideal beschreibt es das Mantra, durch das sich Christus in der Johannesoffenbarung benennt, indem er verkündet: Ich bin das A und das O. Der Anfang und das Ende. (Offb 21,6). Insofern ist das Erleben dieser umfassenden Zeitwahrnehmung ein Gotteserlebnis.

Doch wer weiter schaut, gerät in der Tiefe der Zeitlosigkeit, die für sich – weil Zeit – immer noch eine Bewegung darstellt, an einen Punkt, in dem sich selbst die Zeitlosigkeit auflöst. Es ist ein Punkt und kein Raum mehr, in dem sich Anfang und Ende ununterscheidbar vereinigen. In ihm west nicht einmal mehr Zeitlosigkeit. Es ist Nichtzeit, um überhaupt ein Wort dafür zu finden. Doch auch dieses Wort trifft es nicht. Schließlich ist es eine Seinsweise, die vor dem Anfang und nach dem Ende der Welt waltet. Es ist ein Sein ohne Dasein.

Erstand im Augenblick der Schöpfung mit ihrem Anfang zugleich Zeit und somit auch das Ende der Welt, so blieb die gemeinte Nichtzeit außerhalb der Welt, also außerhalb von Immanenz und Transzendenz. Als Nichtzeit umhüllt sie folglich beide Sphären, wodurch diese von ihr durchschienen werden. Das Sein ohne Dasein zeitigt sich so und lässt sich am tiefsten Grund der Schau ahnen. Sein und Zeit bedingen sich deshalb einander nicht. Zeit bedingt Raum. Sein aber kann überdies in einem Punkt, der bekanntlich ohne Ausdehnung ist und somit eine Idee von raumloser Unendlichkeit symbolisiert, in Abwesenheit von Zeit walten.

In solche Weite oder Hypertranszendenz mag man sich in der Kontemplation balzender Täubchen wiederfinden. Der Fall in die Immanenz ist dementsprechend schmerzlich, auch wenn das leise Wehen aus zeitloser Unendlichkeit tröstet. Indes vermag diese leise Berührung auch zum Impetus zu werden, uns zu lösen, und die unwirkliche Wirklichkeit hinter aller Wirklichkeit für einen Augenblick über den Augenblick hinaus zu leben.

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