Vor der Schwarzen Madonna in Altötting

Schwarze Madonna in Altötting

Schwarze Madonna in Altötting © Karl Kraft – Mainz


Unzählige Sonnen scheinen auf, pulsierenden Raum füllt goldenes Licht, in seiner Mitte zwei dunkle Gesichter, Kraft durchströmt den Körper, öffnet sich über dem Kopf zu einem strahlenden Lotos, Gedanken verwehen, Leere wird zur Fülle, nichts ist zu halten, zu deuten, zu denken. Allein Dasein ist.

Vor der Schwarzen Madonna in Altötting. Eigentlich eine Fahrt für den Spötter in mir, der sich über den Kult und den Devotionalienhandel erheitern und erheben möchte. Eine Pilgergruppe vor der Gnadenkapelle gibt Anlass, sie singen ihre Marienlieder herrlich schräg, doch ihre offensichtliche Glaubenskraft macht jeden Spott billig.

Später kniend an der Altarschranke, einfach das Gebet suchend, nicht an ihn, nicht an sie, sondern die eigene Not und Sorge als Lösung formulierend, weder sprechend, noch in flüsternden Gedanken, sondern sehend, in den goldenen Herzschlag hineinfließend, aus mir zum Unermesslichen. Fühlendes Sein, verebbende Not, flutende Gnade. Angenommensein, das Gefühl, das mir in letzter Zeit so fehlte. Nur die Dunkelheit meiner dünkelhaften Einsamkeit, meines Anspruches nach spürbarer himmlischer Präsenz in meinem Lichtkleid, nach sichtbarer Führung, beherrschte und umnachtete mich.

Kniend vor der Schwarzen Madonna, Freude über die Sensation, über das Gefühl transzendenter Berührung, spürend wie der Dünkel wieder erwacht, ihn erkennend und die Woge in sich selbst brechend. Wieder ruhige See; die Seele zerrinnt, fließt ein, strömt über. Hingabe ist die Handlung. Hingabe um nichts, auch nicht für Gnade, kein Schachern mehr, nur Wahrnehmung, die eigene Unerheblichkeit angesichts unendlich waltender Stille. Hingabe zur Einkehr, ja Heimkehr. Das Licht in meinem Herzen tragen; nein, das Herz öffnen, damit geschieht, was geschehen mag. Nur Gefäß sein, das von der Fülle durchweht wird, niemals voll und niemals leer in zeitloser Bewegung.

Die goldenen Lichter werden wieder zu silbergeschmiedeten Engeln, die Madonna mit dem Jesuskind zu zwei naiven Puppen – alles zusammen ein unübersichtlicher Kapellenkitsch. Ich erhebe mich von der Altarschranke, flüstere meinen Begleitern zu, macht es auch, es ist irre. – Was bleibt wenige Tage danach, von Mal zu Mal tiefe Sehnsucht, die in wiederkehrender Berührung Erfüllung findet.

Narr und Mystiker


Für das neue Heft der „Connection spirit“ zum Thema „Religion & Wissenschaft“ habe ich einen Aufsatz über den Mystiker als Narr verfasst. Hierin schildere ich die Situation von Menschen, die, weil sie die Absurdität unseres Alltages erkennen, gleichzeitig einen Blick über den Zaun hinweg in transzendente Sphären werfen. Die Segnung, die sie durch diese mystische Schau erhalten, ermöglicht es ihnen, statt an der Welt zu verzweifeln, herzhaft über sie zu lachen. Sie lachen über den bitteren Ernst, mit dem ihre Mitwelt das absurde Spiel unhinterfragt fortsetzt; und sollte sie es doch einmal hinterfragen, es lediglich ein wenig reformiert, um im gewohnten Trott fortfahren zu können. Ihr gelingt es nicht, mit dem Unsinn zu brechen, weil sie sich dazu nie ernsthaft die Sinnfrage stellt.

Der Narr lacht freilich die Menschen nicht aus, noch lacht er wirklich über sie. Nein, er lacht, weil ihm aus seiner spirituell durchwirkten Wahrnehmung heraus unsere ganze Geschäftigkeit nur als Tand erscheint. Er lacht, aber auch über das Leid, das er dabei sieht, wie wir durch Ablenkung unser eigentliches Leben vergeuden und die Schönheit der Schöpfung übersehen; wie wir quasi nur ein halbes Leben führen. Er lacht, weil ihn unsere Ignoranz zutiefst verschreckt. Es ist ein Schrecklachen, das dem Mitleid entspringt. Er lacht mithin aus Anteilnahme. Er lacht aber auch über uns, so wie wir über den dummen August lachen, über den Tolpatsch, der von einem selbstverschuldeten Missgeschick ins andere stolpert. Auch dies ist ein mitleidiges Lachen. Wir erkennen uns in ihm und lachen über unsere eigene Torheit; und so lacht der mystische Narr, wenn er über uns lacht, letztlich über sein Alter Ego.

Deswegen gibt man den Narren auch eine Klatsche in die Hand, mit der er schmetternde aber schmerzfreie Schläge austeilen kann. Sie sollen uns aufschrecken, um die Welt für einen Augenblick mit anderen Augen wahrzunehmen. Es sind solche Schrecksekunden, die uns manchmal heilsam erschrecken und uns tatsächlich zum Anstoß werden, unser Leben in eine andere erfüllende Richtung zu lenken.

Immerhin ist der Sinn für Humor eine wertvolle Eigenschaft, um leichter neue Wege zu beschreiten. Auf dem Video, das ich gestern zufällig zeitgleich mit der „Connection spirit“ erhielt, sehen Sie ein kleines Mädchen – ich gehe mal davon aus, dass es eins ist, weil es rosa gewandet ist – obgleich Rosa eigentlich die Farbe des kleinen Mars ist -, jedenfalls das Mädchen, lacht herzlich über etwas völlig unerwartetes. Nämlich über die Erkenntnis, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Ja, dass das Sosein von jetzt auf nachher ein Anderssein sein kann. Es ist eine beinahe mystische Erkenntnis, die ihm da zuteil wird. Bleibt das Kind so herrlich unverbildet wird aus ihm womöglich eine Weise, wenn nicht gar eine Mystikerin werden. – Doch sehen Sie selbst:

Zeitlos balzende Täubchen

Tauben © Matthias Mala

Tauben © Matthias Mala

Frühlingswehen bläht die Kröpfe der Tauben. Es ist ein Gurren und Balzen, ein Turteln und Hacken auf dem Gesimse meines Gegenübers. Seit Stunden treibt es die graublauen Vögel um die Luke unter der Traufe herum. Für den Augenblick herrscht Ruhe. Und schon flattern sie wieder herbei. Mal sind es ihrer drei, mal fünf, mal drückt sich die Henne unter die Dachrinne, tanzt, lässt sich beschnäbeln und gibt so Anlass zu erneuten Hahnenkämpfen. Ein überreiztes Treiben der Triebe. Jetzt hockt das Paar schnäbelnd unter Traufe. Darüber ein verschmähter Hahn, als dritter im Bunde und Störenfried, der dem Erwählten den Kamm anschwellen lässt. Alsbald wird das Paar Ästchen zum Sims hinauf tragen und einen Nistplatz anhäufeln.

Diese Beobachtung hielt ich vor über zehn Jahren in meinem literarischen Online-Experiment „Gegenüber“ fest. Dieser Tage erinnerte ich mich daran, als ich einigen Tauben am Sendlinger Tor zusah, die sich in ähnlicher Weise verhielten. Gurren, Plustern, Locken, Streiten. Das ewige Spiel. Weiterlesen